„Es hieß: Muskeln sind schlecht“: EM in Hamburg soll Mädchen begeistern

Sofie Fella posiert vor einem Gartenzaun
Sofie Fella ist der beste Beweis, dass Rugby nicht nur etwas für harte Kerle ist.

Wenn alles gut läuft, dann sieht Sofie Fella am Freitagvormittag viele Mädchen im Publikum, bevor sie fürs Spiel gegen Spanien um kurz nach 11 Uhr den Rasen am Steinwiesenweg betritt. „Wir brauchen mehr Mädchen in Deutschland, die Rugby spielen, um unsere langfristigen Ziele zu erreichen“, erklärt die 25-Jährige, während der Regen gegen die Fenster des Verbandsklubheims an der Saarlandstraße klatscht.

Das große langfristige Ziel heißt: Olympia. Gerne 2028, vielleicht auch erst 2032. Seit einem halben Jahr haben die deutschen Frauen mit dem Waliser Curtis Bradford erstmals einen hauptamtlichen Bundestrainer. „Das Momentum für Frauensport ist definitiv da“, sagt Fella: „Rugby wird von starken Frauen gespielt, die genau dasselbe machen wie die Männer.“

Rugby-Spielerin Sofie Fella kam viel rum in der Welt

Für ihre jungen Jahre ist die Deutsch-Chinesin schon weit herumgekommen. Geboren in Aschaffenburg, aufgewachsen in Shanghai, studiert in Harvard, während der Corona-Pandemie in Hongkong. Jetzt lebt sie mit ihrem neuseeländischen Freund in Dubai, wenn sie nicht gerade mit der deutschen Auswahl die Siebener-Rugby-EM bestreitet, die am Wochenende in Eidelstedt entschieden wird.

Beim ersten der beiden EM-Turniere vor zwei Wochen in Kroatien schlug die „Girl Gang“ in der Vorrunde Großbritannien und Belgien und gewann ihre Gruppe, um dann in den K.o.-Spielen beiden Gegnern zu unterliegen. Die Britinnen gewannen schließlich das Turnier, für Deutschland blieb nur Platz acht – in Hamburg geht es nach dem Spanien-Auftakt noch gegen Frankreich sowie Georgien und danach ab Samstagnachmittag in die K.o.-Runden.

„Der Gruppensieg war für uns ein Meilenstein“, blickt Fella auf das erste Turnier zurück: „Danach haben wir den Druck gespürt und zu viele Fehler gemacht. Aber wir können jetzt glauben, dass wir es schaffen.“ Während die deutschen Männer sich jüngst für die Sevens World Series qualifizierten, stehen ihre Landsfrauen noch am Beginn ihrer Reise.

Sofie Fella wirbt für die große Diversität im Rugby

Für Fella begann ihre Rugby-Reise mit 16, als sie an einer US-amerikanischen Schule in Shanghai mit dem Sport begann. Davor war sie Tänzerin. „Da hieß es immer: Muskeln sind schlecht“, erzählt sie und preist die Diversität im Spiel mit dem ovalen Ball: „Es gibt so viele verschiedene Körper im Rugby. Es ist der beste Sport für junge Frauen, um ein positives Körpergefühl zu entwickeln.“

Sofie Fella bei einem Rugby-Spiel
Durchsetzungsstark: Sofie Fella in einem EM-Spiel vor zwei Jahren gegen Frankreich

Um das zu unterstreichen, fertigte sie Haarbänder im Qipao-Stil an, der eigentlich für traditionelle chinesische Kleidung steht, samt dem traditionellen Frauenbild im Reich der Mitte. Sie wolle damit zeigen, dass „stärker sein, Muskeln haben, Rugby spielen auch gut für Mädchen ist“, sagt Fella, die auf einem Rugby-Sommercamp in den USA von der renommierten Harvard-Universität angeworben wurde. 2023 schloss sie ihr Psychologie-Studium ab, derzeit arbeitet sie im Marketing für eine E-Sports-Firma aus Singapur – denn von Rugby kann auch eine deutsche Nationalspielerin nicht leben.

Die Herbstsaison spielte sie Fünfzehner-Rugby im nordfranzösischen Lille MRC Villeneuvois, im Frühjahr Siebener-Rugby für die Dubai Hurricanes. Ist ihre Wahlheimat der richtige Ort, um ein fortschrittliches Frauenbild zu befördern? Dubai sei eine sehr international geprägte Stadt, meint Fella und erzählt von einer Freundin aus dem Libanon, die auch Rugby spielt: „Man denkt bei Religion oder Kultur oft schwarz-weiß“, lautet ihr Fazit. Ihr neuestes Werk sind T-Shirts mit dem chinesischen Zeichen „dà“, die sie auf Instagram bewirbt. Es steht, ähnlich wie das englische „great“ für „groß“, aber auch für „großartig“.

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Großartig soll es auch am Wochenende in Hamburg werden. „Wir haben gezeigt, wie gut wir spielen können, wenn wir gut spielen“, sagt Fella. Ihr Vater Ludwig wird dann am Spielfeldrand stehen, die neue Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein ebenso. Und hoffentlich auch viele Mädchen, die ihre Begeisterung für Rugby entdecken.