„Zu 100 Prozent“: Olympia-Boss über die Chancen von Hamburg und Deutschland

DOSB-Präsident Thomas Weikert bei einer Konferenz
Thomas Weikert ist noch bis Jahresende DOSB-Präsident. Ob er erneut kandidiert, ist offen.

Er ist der oberste Mann des deutschen Sports. Seit 2021 führt Thomas Weikert (64) als Präsident den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) an. Er sitzt damit auch der Evaluierungskommission vor, die eine Wahlempfehlung für einen deutschen Olympia-Bewerber abgeben kann, bevor die DOSB-Mitglieder am 26. September in Baden-Baden abstimmen. Um überhaupt im Rennen zu bleiben, braucht Hamburg am 31. Mai ein erfolgreiches Referendum. Im MOPO-Interview erklärt Weikert, was Spiele in Hamburg bewirken könnten.

MOPO: Wenn Sie einem skeptischen Hamburger erklären müssten, warum Olympia gut für diese Stadt wäre: Was wäre Ihr stärkstes Argument?

Thomas Weikert: Dass die Stadt durch die Spiele eine in vielen Bereichen bessere Stadt werden kann. Olympische und Paralympische Spiele bewirken schon in der Bewerbungsphase sehr viel. Eine Stadt überlegt durch den wachsenden Handlungsdruck sehr konkret: Was müssen wir an Sportstätten, Infrastruktur, Organisation und vielen anderen gesellschaftlich relevanten Bereichen verbessern? Gleichzeitig entsteht Begeisterung – bei Sportlerinnen und Sportlern, aber auch in der Bevölkerung. Dazu kommt ein Schub für den Sport insgesamt. Das sehen wir bereits jetzt: Die Mitgliederzahlen in den Vereinen steigen weiter, wir liegen inzwischen bei einem Rekordwert von 29,3 Millionen Mitgliedschaften.

„Es geht darum, die Spiele nach Deutschland zu holen“

Was kann Hamburg besser bieten als Berlin, München oder Rhein-Ruhr?

Als DOSB-Präsident bin ich neutral. Es geht in erster Linie darum, die Spiele endlich wieder nach Deutschland zu holen, unabhängig vom finalen Austragungsort. Ich bin überzeugt, dass Hamburg – wie die anderen Bewerber auch – ein sehr gutes Konzept einreichen wird. Und wir können stolz sein, in Deutschland vier sehr starke und engagierte Bewerber zu haben.

In München und Rhein-Ruhr haben 66 Prozent für Olympia votiert. Erhöht das den Druck auf Hamburg?

Ich glaube eher, dass diese Ergebnisse Hamburg einen wichtigen Schub geben können. Die Leute sehen: Wenn es dort klappt, kann es auch bei uns klappen. Durch die Erfolge in München und KölnRheinRuhr sind die Rahmenbedingungen andere. Im Gegensatz zu 2015 geht es bei der Hamburger Entscheidung nicht darum, ob die Spiele generell nach Deutschland kommen sollen. Es geht alleine darum, ob sie nach Hamburg kommen können. Und wer die Spiele haben möchte, muss am Ende eben wählen und mit Ja stimmen.

2015 hat sich Hamburg gegen Olympia ausgesprochen. Auch jetzt scheint die Skepsis größer zu sein als anderswo. Warum?

2015 gab es besondere Faktoren: Die Finanzierung war nicht abschließend geklärt, und der Anschlag von Paris lag kurz vor der Abstimmung. Heute sehe ich die Situation nicht so negativ. Die Olympiabewerbung hat ein Momentum. Die Ergebnisse der bisherigen Referenden in Deutschland haben klar gezeigt: Deutschland will die Spiele. Ich bin daher zuversichtlich, dass dies mehrheitlich auch in Hamburg der Fall ist.

DOSB-Boss Weikert hofft auf Zustimmung in Hamburg

Wie hoch müsste die Zustimmung sein, damit Hamburg mit Rückenwind in die nationale Auswahl geht?

Auch ein knappes Ja ist erst mal ein Ja. Ich habe auch bei meinen eigenen Wahlen immer gesagt: Wenn ich 51 Prozent habe, habe ich gewonnen. Aber da es um die Stabilität der Bewerbung geht, ist auch klar: Je höher der Zustimmungswert, desto besser.

Wenn zwei Konkurrenten auf 66 Prozent kommen, dürften 52 oder 53 Prozent kaum reichen, oder?

Das sehe ich nicht so. In der Matrix, die der DOSB zur Bewertung der Konzepte erarbeitet hat, ist die Zustimmung der Bevölkerung ein wichtiger, aber bei Weitem nicht der allein entscheidende Baustein. Es geht auch um Entfernungen zu den Wettkampfstätten, die Kompaktheit des Konzepts und viele weitere Faktoren, wie die internationale Strahlkraft der Bewerber. Schlussendlich geht es darum, dass wir den deutschen Bewerber ins internationale Rennen schicken, der die besten Chancen hat.

Visualisierung von 3x3 Basketball bei Olympia in Hamburg
Auch das sieht Hamburgs Olympia-Plan vor: 3×3-Basketball auf der Binnenalster

Olympia wird oft als Motor für Stadtentwicklung, Image und Sichtbarkeit beschrieben. Ist der Vergleich mit Barcelona 1992 oder Paris realistisch?

Solche Vergleiche sind schwierig. Unsere Kandidaten sollten sich auf ihren eigenen Stil konzentrieren. Aber gerade dank der Reformagenda des IOC können die Spiele sehr viele Effekte in diesen Bereichen schaffen. Es geht mittlerweile darum, wie sich die Spiele der Ausrichterstadt anpassen müssen, nicht umgekehrt. Paris war dafür das perfekte Beispiel.

Weikert: „Olympia kann eine Stadt in Bewegung bringen“

Welche konkrete Veränderung könnte Olympia in Hamburg anstoßen?

Einige! Über Stadtentwicklung und verbesserte Infrastruktur haben wir bereits gesprochen. Olympia kann eine Stadt in Bewegung bringen. Das hat auch die Hamburger Bewerbung gezeigt, die 2015 endete. Die daraus resultierende „Active City“ ist heute ein bundesweit angesehenes Markenzeichen der Stadt. Man sieht bei Veranstaltungen wie dem Triathlon in Hamburg, wie sportbegeistert die Menschen dort sind. Besonders wichtig ist mir, dass Kinder und Jugendliche stärker in Bewegung kommen und sich Vereinen anschließen. In Frankreich gibt es dank der Paris-Spiele täglich eine halbe Stunde Bewegungszeit in rund 36.500 Grundschulen.

Das zentrale Gegenargument lautet fast immer: Am Ende wird es teurer als versprochen. Können Sie garantieren, dass Olympische Spiele nicht zur Kostenfalle werden?

Auch da kann man nach Paris schauen: Dort wurde ein operativer Gewinn von 76 Millionen Euro verzeichnet, der in den französischen Sport geflossen ist. Wir haben für alle vier Bewerberregionen auf Basis der heute verfügbaren Datenlage seriöse Finanzkonzepte erstellt. Auch der Bundesfinanzminister hat sich klar zur Unterstützung und Finanzierung geäußert. Natürlich kann ich nicht bewerten, was 2036, 2040 oder 2044 im Detail sein wird. Aber aus heutiger Sicht sehe ich kein Kostenrisiko.

Was hätte ein normaler Hamburger Sportverein konkret von Olympia?

Es wird nicht überall neue Sportstätten geben. Aber in den Konzepten ist vorgesehen, dass viele Anlagen modernisiert und renoviert werden. Wir haben in Deutschland viele marode Sportstätten. Wenn man Olympische und Paralympische Spiele in der eigenen Stadt hat, werden diese auch für den Breitensport einen Schub geben, denn neben den großen Wettkampfstätten braucht es für Olympia sehr viele Trainingsstätten in den unterschiedlichen Sportarten. Und das sind zumeist ja kleinere Sporthallen oder Sportplätze, die ansonsten durch den Breiten- und Schulsport genutzt werden. Auch diese müssen für die Spiele modernisiert werden, um den aktuellen Anforderungen gerecht zu werden.

Hamburg hat als Olympia-Bewerber „großes Potenzial“

Wo müsste Hamburg bis zur nationalen Entscheidung noch nachbessern?

Unser Ressort Olympiabewerbung hat nach der Einreichung der Bewerbungen Ende Mai des vergangenen Jahres mit allen vier Kandidaten stetig an der Weiterentwicklung der Konzepte gearbeitet. Keine Bewerbung war zu 100 Prozent perfekt, aber alle vier sind sehr gut und werden auch weiterhin optimiert. Auch das IOC hat uns mehrfach bestätigt: In anderen Ländern gibt es vielleicht eine gute Bewerbung. Bei uns gibt es bereits vier mit großem Potenzial.

Am Ende wird sich der DOSB für eine Stadt oder Region aussprechen. Dann gibt es auch drei Verlierer. Bereitet Ihnen das Sorge?

Wir sehen es nicht so, dass es Verlierer gibt. Es gibt einen Gewinner, das ist der Sport, und wenn es im internationalen Rennen gut läuft, gibt es noch einen zweiten Gewinner, nämlich unser Land. Wir haben mit den politisch Verantwortlichen der vier Bewerber und mit der Bundesregierung ein Memorandum of Understanding geschlossen. Alle wollen Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland. Und diejenigen, die den nationalen Zuschlag nicht bekommen, unterstützen den deutschen Bewerber. Es ist eine nationale Aufgabe.

Viele Vorbehalte richten sich gegen das IOC: Kommerz, Sonderregeln, Intransparenz. Warum sollte man dem IOC heute mehr vertrauen als früher?

Fakt ist: Das IOC hat ein Interesse daran, dass die Spiele wirtschaftlich erfolgreich sind. Aber die Einnahmen aus der weltweiten Vermarktung werden, das stellen Olympiagegner gerne falsch dar, nicht komplett einbehalten. Ganz im Gegenteil: 90 Prozent der Einnahmen fließen direkt zurück in den weltweiten Sport, auch nach Deutschland.

DOSB-Präsident Weikert sieht große Chancen für Olympia

Was wären die Folgen eines Hamburger Neins?

Wir haben bereits zwei positive Referenden, hinzu kommt Berlin, wo die Verfassung ein Referendum nicht vorsieht. Das Rennen würde also mit drei Kandidaten weitergehen. Aber wir als DOSB wollen auch in Hamburg gewinnen, um zu zeigen: Die Spiele sind wirklich im gesamten Land gewollt!

Wie groß ist die Chance, dass ein deutscher Bewerber 2036, 2040 oder 2044 den Zuschlag erhält?

Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass die Chancen durchaus gut sind. Die hohe Zustimmung und der professionelle Prozess werden international sehr genau zur Kenntnis genommen. Unsere Aufgabe ist es, das beste Angebot aus Europa zu liefern, wenn die Spiele zurück auf unseren Kontinent kommen sollen. Und daran arbeiten wir.

100 Prozent – das klingt wie ein Versprechen.

Sie haben mich nach meiner persönlichen Meinung gefragt. Natürlich muss ich als jemand, der diesen Prozess mitverantwortet, daran glauben. Wenn ich jetzt sagen würde: „Na ja, vielleicht 60 Prozent“, wäre ich fehl am Platz. Um aber Missverständnissen vorzubeugen: Mir ist natürlich klar, dass es noch nicht sicher ist, dass wir die Spiele bekommen. Wir müssen uns beim IOC gegen unsere europäische Konkurrenz durchsetzen, aktuell sind Istanbul und Budapest sicher im Rennen.

Haben Sie persönlich schon einen Favoriten unter den vier Bewerbern?

Nein. Als Mitglied des Präsidiums habe ich eine Stimme und werde mir alles genau ansehen, wenn die Auswertungen vorliegen. Ich habe für mich noch keine Priorität festgelegt. Am 26. September werde ich mich entscheiden.

Er ist der oberste Mann des deutschen Sports. Seit 2021 führt Thomas Weikert (64) als Präsident den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) an. Er sitzt damit auch der Evaluierungskommission vor, die eine Wahlempfehlung für einen deutschen Olympia-Bewerber abgeben kann, bevor die DOSB-Mitglieder am 26. September in Baden-Baden abstimmen. Um überhaupt im Rennen zu bleiben, braucht Hamburg am 31. Mai ein erfolgreiches Referendum. Im MOPO-Interview erklärt Weikert, was Spiele in Hamburg bewirken könnten.