Irre Bilanz: Warum die Deutschen in dieser Sportart fast immer gewinnen
Alle vier Jahre wieder! Sind im olympischen Eiskanal Medaillen zu vergeben, gewinnen fast immer: die Deutschen. Wir sind ein absolutes Rodelland – das zeigt eindrucksvoll auch die Pekinger Ausbeute. Die MOPO analysiert, warum das so ist.
„Das ist das I-Tüpfelchen auf einer grandiosen Vorstellung meines Teams“: Cheftrainer Norbert Loch war im ZDF den Tränen nah. Seine Sportler:innen hatten kurz zuvor mal wieder gezeigt: An ihnen war in der Bahn von Yanqing kein Vorbeikommen.
In einem spannenden Staffel-Rennen setzten sich Natalie Geisenberger, Johannes Ludwig und der Doppel-Schlitten Tobias Wendl/Tobias Arlt am Donnerstagabend (Ortszeit) ganz knapp gegen die Mannschaft aus Österreich durch. Nach 3:03,406 Min. rasten sie mit nur 0,080 Sekunden Vorsprung ins Ziel. Damit gingen alle Goldmedaillen, die es bei diesen Winterspielen in der Disziplin Rodeln zu gewinnen gab, an deutsche Sportlerinnen und Sportler.
Es ist fast schon ein gewohntes Bild – wie auch die Reporter des ZDF am Mittwoch bei der Übertragung des Doppelsitzer-Rennens berichteten: Es mache als nicht-deutscher Journalist gar keinen Spaß mehr, von Rodel-Wettkämpfen zu berichten, sollen ihnen Kollegen zugerufen haben. Am Ende würden ja eh fast immer die Deutschen gewinnen. Das stimmt, etwa wenn man sich die Frauen-Konkurrenz anschaut: Seit den Spielen 1998 in Nagano hat stets eine Deutsche das olympische Rodelrennen gewonnen. Insgesamt sammelten bundesdeutsche und DDR-Rodler:innen in der Geschichte der Winterspiele fast dreimal so viele Goldmedaillen wie alle anderen Nationen zusammen
Warum die Deutschen beim Rodeln immer gewinnen
Wieso aber ist das so? Die Mischung macht’s! Zum einen verfügt Deutschland über gleich vier Wettkampf-Bahnen: In Altenberg, Winterberg, Oberhof und am Königssee finden die Sportlerinnen und Sportler optimale Bedingungen vor, um im und abseits des Eiskanals täglich an Bestzeiten zu arbeiten. „Das ist unser Plus. Das ist unser Grundstein“, sagte jüngst etwa der frischgebackene Olympiasieger Arlt über seine Trainingsstätte am Königssee. Vier Bahnen leistet sich sonst übrigens kein Land der Welt.
Das könnte Sie auch interessieren: MOPO-Prognose: So viele Goldmedaillen holt Deutschland bei Olympia in Peking
Stichwort „leisten können“: Kein Wintersport-Verband in Deutschland erhält so viel Fördergeld wie der BSD, der Bob- und Schlittenverband für Deutschland, zu dem die Rodel-, Bob- und Skeleton-Sportler:innen gehören. Für 2021 weist das Bundesinnenministerium für den BSD rund 6,74 Millionen Euro an Zuwendungen aus. Das sind gut 360.000 Euro mehr, als etwa der Deutsche Skiverband DSV bekommt, zu dem viel mehr Sportarten – darunter Biathlon, Ski Alpin, Langlauf, Nordische Kombination und Skispringen – gehören.
Im deutschen Rodel-Kader herrscht eine hohe Leistungsdichte
Alles Geld hilft aber natürlich nichts, wenn man keine guten Athlet:innen hat. In Deutschland muss man sich da keine Sorgen machen: Neben den etablierten Kräften gibt es zahlreiche Nachwuchs-Sportler:innen, die Geisenberger und Co. beerben können. Bestes Beispiel: Anna Berreiter, die mit ihren gerade einmal 22 Jahren in Peking bei ihren ersten olympischen Spielen sensationell zu Silber rodelte und darüber mehrfach in Freudentränen ausbrach.
Die Leistungsdichte im deutschen Rodel-Team sorgt auch dafür, dass es einen ständigen Konkurrenzkampf und dadurch kontinuierlich gute Leistungen gibt. Alle deutschen Profi-Sportler:innen im Eiskanal zeichnen sich durch unglaublichen Trainingsfleiß und Disziplin aus. So berichtete etwa der deutsche Skirennläufer Dominik Schwaiger, dass er zur Vorbereitung auf die aktuelle Saison am Königssee mit den Bob- und Rodelathlet:innen trainierte.
Mit Trainer-Urgestein und Rodel-Legende von Sieg zu Sieg
Neben ausgezeichneten Sportler:innen gibt es im Team Deutschland einen erstklassigen Stab an Betreuer:innen, Trainer:innen und Techniker:innen. Ihr Know-How ist im wahrsten Sinne unschlagbar. Besonders hervorzuheben: Norbert Loch, der seit 2008 Bundestrainer des Rodel-Teams ist. Er coachte Geisenberger, Wendl und Arlt sowie seinen Sohn Felix Loch zunächst als Landes-, später als Bundestrainer zu ihren Olympiasiegen.
Mindestens genauso wichtig wie Norbert Loch: Olympiasieger Georg „Schorsch“ Hackl, seines Zeichens Rodel-Legende, Tüftler-Genie und nach seinem Rücktritt als Aktiver im deutschen Team für die Schlitten mit verantwortlich. Hunderte Stunden verbrachte er, teils mit seinen Schützlingen, teils alleine, in seiner Kellerwerkstatt, um die Sportgeräte noch schneller zu machen. Er feilte, schraubte und lackierte mit einer unnachahmlichen Akribie. Es treibe ihn an, etwas zu konstruieren, „was es vorher so noch nie gab“, sagte Hackl mal zum „Spiegel“.
In der Tat: Dass die deutsche Mannschaft eine olympische Rodel–Mixed-Staffel NICHT gewinnt – das gab es noch nie. Peking 2022 war da keine Ausnahme.