Tore, Titel, Tränen: Eisenbahn feiert die Meisterschaft – doch alle Spieler gehen weg
Der Eisenbahner TSV ist Hamburgs Fußball-Meister – zum ersten und für längere Zeit wohl auch zum letzten Mal. Mit dem 4:0 (3:0) bei HEBC fuhr das Team von Trainer Jan-Philipp Rose bereits einen Spieltag vor Schluss in den Oberliga-Meisterbahnhof ein. Doch ohne Hauptsponsor fehlt der Elf aus Billwerder eine Zukunft.
„Es hat sehr viel Zeit gebraucht, diese Charaktere zusammenzusammeln“, resümierte Coach Rose nach dem historischen Erfolg: „Dass sie jetzt in alle Richtungen verschwinden, tut enorm weh.“ Nach dem Verlust des Hauptsponsors im März hatte der Verein die Notbremse gezogen und nicht für die Aufstiegsrunde zur Regionalliga Nord gemeldet. Die Spieler, zuvor für Fünftliga-Verhältnisse gut entlohnt, rauften sich zusammen und entschlossen sich, die Saison mit reduziertem Trainingspensum zu Ende zu spielen und dann woanders ihr Glück zu versuchen.
Die Zeit der Eisenbahn ist begrenzt, umso wichtiger erschienen die aktuellen Feier-Momente, ehe es nach dem letzten Heimspiel gegen Buchholz am Freitagabend zum Personalwechsel kommt. Kapitän Ridel Monteiro hob nach dem Abpfiff die Hände gen Himmel, sank dann auf die Knie und streckte wenig später eine Pappnachbildung der DFB-Meisterschale in den Eimsbütteler Himmel. Torschütze Nick Selutin (45.) schmauchte, mit kleinem Huster zwischendurch, eine Meisterzigarre. „Mein elftes Oberliga-Jahr, die erste Meisterschaft“, jubelte Yannick Siemsen, der mit seinem Kopfball (5.) den Sieg eingeleitet hatte.
Top-Torschütze: „Ich realisiere noch gar nicht, dass es zu Ende geht“
Erolind Krasniqi wurde von seinen Mitspielern geschultert, die dazu das Loblied „Oh, Ero, Torero“ sangen. Krasniqi wird allerdings weniger von Stieren als von Torleuten gefürchtet. Mit den zwei Treffern (31., 90.) gegen HEBC schraubte er sein Torkonto auf 44 Buden – nur drei weniger als der Allzeit-Oberliga-Saisonrekord von Martin Harnik für Dassendorf. „Jeder labert von uns als Söldnertruppe, aber uns interessiert nicht, was andere sagen“, erklärte Krasniqi, der auch schon ein halbes Jahr in Albaniens höchster Liga gespielt hat. „Ich realisiere noch gar nicht, dass es zu Ende geht“, sagte der 26-Jährige, der das trotzige ETSV-Motto „Wir haben nur uns“ mitgeprägt hat.
Die Trauerkarte des toten Kapitäns
Eine wirkliche Tragödie hatte das als „Millonarios“ verschriene Eisenbahn-Team im Dezember zusammengeschweißt: Ihr Kapitän Sebastian Hartner kam im Winterurlaub bei einem Unfall ums Leben. Fortan spielten die Überlebenden auch für ihren toten Anführer. „Ich liebe ihn, er ist immer in meinem Kopf“, verdeutlichte Krasniqi nach dem Meisterschaftsgewinn und verriet, dass er vor dem Anpfiff eine Trauerkarte geküsst habe, die bei Hartners Beerdigung verteilt worden war. „Ich kriege gleich Tränen“, sagte Krasniqi, ehe er sich wieder seinen feiernden Mitspielern widmete.
Eisenbahn Meister – „wie ein Hollywood-Blockbuster“
„Was uns widerfahren ist, war wie ein Hollywood-Blockbuster“, bilanzierte Coach Rose das Auf und Ab der Gefühle: „Aber im Endeffekt sind wir die beste Mannschaft und ich schaue in glückliche Gesichter.“ Seine Mannschaft stimmte als Team-Hymne den Mallorca-Schlager „Der Zug hat keine Bremse“ an.
Neu-Coach Demir muss ein neues Team aufbauen
Es gibt die Befürchtung, dass die Eisenbahn ohne Bremse nächste Saison in den Abgrund rast. Mit Manuel Demir, zuletzt Vizepräsident beim Landesliga-Spitzenreiter Concordia, ist ein Trainer für die neue Spielzeit gefunden, der laut Vereinsmitteilung „vor der herausfordernden Aufgabe steht, in kürzester Zeit eine vollständig neue Mannschaft aufzubauen“. Was ein wenig Hoffnung macht: Teutonia 05 Ottensen stand vor einem Jahr nach Sponsoren-Rückzügen vor einer ähnlichen Situation. Trainer Mehdi Madani gelang es allerdings, ein Team zu formen, dass in der Oberliga auf einem einstelligen Tabellenplatz liegt und aller Abstiegssorgen ledig ist.
Das könnte Sie auch interessieren: „Größte Schande“: Hooligan-Skandal verhindert Meister-Party – Spieler verletzt
„Sollen alle ihre Urteile fällen. Den Verein gibt es seit 102 Jahren und das ist die erste Meisterschaft“, würdigte ETSV-Manager Jasmin Huremovic das aktuelle Team: „Die Truppe hat trotz Niederschläge ohne Ende durchgezogen, ihre Mentalität ist brutal.“