Neues Box-Angebot in Hamburg: Mit der Weltmeisterin gegen Multiple Sklerose
Vorigen Sonntag hieß es im Volkspark „Ring frei für Olympia!“ Die ehemalige Boxweltmeisterin Dilar Kisikyol gab einen Workshop für Frauen zwischen Anfang 20 und Ende 60. Darüber hinaus will sie mit Schlägen eine tückische Krankheit bekämpfen.
Im HSV-Zentrum, wo der Workshop mit 40 Teilnehmerinnen stattfand, geht die Stellingerin inzwischen ein und aus. Seit Januar leitet Kisikyol jeden Donnerstag ein Training für Menschen, die unter Multipler Sklerose (MS) leiden. Eine Erweiterung ihres therapeutischen Boxangebots, schon seit einigen Jahren arbeitet sie mit Parkinson-Erkrankten.
Dilar Kisikyol hilft Erkrankten mit Box-Training
„Eine Frau hat mich gefragt: Gibt es das eigentlich auch für MS?“, erzählt die 34-Jährige vom Impuls für die neue Gruppe aus zehn Personen: „Bei MS muss man noch mal gezielter und individueller auf die einzelnen Teilnehmer eingehen.“ Kisikyol nennt das Leiden „die Erkrankung der tausend Gesichter“. Dem einen sieht man Multiple Sklerose kaum an, die andere ist auf einen Rollstuhl angewiesen.
Mitte März sind sechs Teilnehmer in der Boxhalle erschienen. Als erster Thomas aus Bergedorf, obwohl er die weiteste Anreise hat. „Man kommt rein und es macht super viel Spaß“, schwärmt er: „Es war von Sekunde eins einfach gut. Hier kann ich abschalten, dann ist die Welt da draußen ganz weit weg.“
Drei Männer und drei Frauen nehmen die Boxstellung ein: linke Gerade, Aufwärtshaken, decken und blocken. Es geht um das Gleichgewicht und um Reaktionsvermögen. Auch eine Atemübung gehört dazu, mit deren Ausführung die Leiterin nicht ganz zufrieden ist. „Ihr sollt den Mund aufmachen, das habe ich euch hundertmal gesagt“, tadelt Kisikyol – und fängt sich den Konter eines Teilnehmers ein: „Vorher hatten wir einen Taucherkurs.“ Da bleibt auch der Chefin kurz die Luft weg, bevor sie für Schlagübungen die Pratzen überzieht.
„Gerade bei einer neurologischen Erkrankung ist der soziale Aspekt sehr wichtig, erklärt Kisikyol: „Dass man sich gegenseitig unterstützt und sieht: Ich kämpfe nicht allein gegen MS an.“ Die Leichtgewichts-Weltmeisterin, die im Herbst 2024 nach knapp zwei Jahren ungeschlagen abtrat, hat verschiedene Angebote in ihrem Portfolio. Als studierte Sozialpädagogin fährt sie an zwei Tagen in der Woche nach Kaltenkirchen und hält dort mit Schüler:innen ein Resilienz- und Antiaggressionstraining ab. Ihr langfristiges Ziel sei es zudem, ein Fortbildungsformat für Ergo- und Physiotherapeuten zu entwickeln, die die Elemente des Boxsports dann in ihrer Praxis gezielt anwenden könnten.
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„Eine tolle Alternative zur Rehagymnastik“, wirbt Kisikyol und nennt ihren Ansatz „therapeutisch, pädagogisch und unternehmerisch“. Ihr MS-Kurs ist dank Förderung durch die Hertie-Stiftung kostenlos – und soll nebenbei dazu dienen, Vorurteile über die vermeintlich brutale Auseinandersetzung im Ring abzubauen. „Boxen“, hält Kisikyol dagegen, „ist ein sehr eleganter Sport, bei dem du viel über dich selbst lernst.“ Auch im Kampf gegen eine Krankheit.