Lotto-Pokal: HEBC macht sich „unsterblich“ – Pfiffe gegen Tschentscher
Schon vor dem Spiel war klar, dass an diesem Samstag Historisches geschehen würde, am Ende gelang dem HEBC der Eintrag in die Geschichtsbücher: Im Finale des Hamburger LOTTO-Pokals schlugen die Eimsbütteler den SC Vorwärts-Wacker letztlich etwas zu deutlich mit 5:1 und stemmten die Trophäe erstmals in ihrer Vereinshistorie in die Höhe.
Beide Teams konnten den Pokal in ihrer Geschichte noch nie gewinnen, selbst die letzte Endspiel-Teilnahme ist im Fall von Vorwärts Wacker (2011) eineinhalb Jahrzehnte, für HEBC (1983) gar fast ein halbes Jahrhundert her. Und auch gemessen an der gegenwärtigen Lage glich die Final-Paarung einer kleinen Sensation: Beide Teams entwischten der Abstiegszone der Oberliga Hamburg nur um Haaresbreite, kämpften sich im Pokal aber trotz der Teilnahme zweier Regionalligisten und der gesamten Oberliga-Spitze ins Endspiel durch.
HEBC gewinnt LOTTO-Pokal gegen Vorwärts Wacker
So ähnlich die Voraussetzungen vor dem Spiel erschienen, so unterschiedlich fiel die Gemütslage bereits wenige Minuten nach dem Anpfiff aus: Bei sommerlichen Temperaturen von 25 Grad im mit 4650 Menschen ausverkauften Stadion Hoheluft köpfte Julius Stegemann den HEBC mit der ersten Chance nach einer Ecke in Front (7.). Das Stadion war seit fünf Tagen ausverkauft, es hätten laut HFV-Präsident Christian Okun „gut und gerne 2.000 oder 3.000 Tickets mehr verkauft werden können.“
Ein Traum-Start für die Eimsbütteler und ein Horror-Auftakt für die Billstedter, die nach dem Wirkungstreffer merklich um Fassung bemüht waren. Es dauerte nach dem Treffer gut 20 Minuten, ehe es dem SCVW gelang, den Gegner mehr und mehr im eigenen Sechzehner einzuschnüren. Einzig: Die Offensivaktionen gerieten zu ungenau wie beim zu hoch angesetzten Abschluss von Michel Netzbandt (27.), entsprangen dem Zufall wie nach dem Luftloch von HEBC-Torschütze Stegemann im eigenen Sechzehner (31.) – oder wurden verhängnisvoll verstolpert, wie von Evailton Fernandes kurz vor der Pause. Denn nach dem Ballverlust des Offensiv-Turbos fuhr der Ballspiel-Club seinen in dieser Phase einzigen gelungenen Konter über Tjorven Köhler, der in den Strafraum eindrang und Gegenspieler Alamsa Cone zu einem plumpen Foulspiel hinriss. Schiedsrichter Thomas Bauer zeigte umgehend auf den Punkt, Michele Scalzi verlud Keeper Sebastian Majewski – 2:0 (43.). Der Schlusspunkt eines ersten Durchgangs, aus dem der HEBC das absolute Maximum für sich herausholte.
SCVW verpasst den Anschluss, Scalzi bestraft das eiskalt
Zu Beginn des zweiten Durchgangs bestätigte sich dann die wohl größte Binsenweisheit des Fußballs: Wer sie vorne nicht macht, kriegt sie hinten. Nach einem langen Schlag tauchte Marvin Wiedemann frei vor Keeper Jannik Schoon auf, scheiterte aber (53.). Nur fünf Zeigerumdrehungen später bestrafte Scalzi die vergebene Chance gnadenlos und vollstreckte zum 3:0 (58.). Während der Oberliga-Saison war der 19-Jährige nicht zwingend als Goalgetter aufgefallen (sechs Tore). „Ich habe mir das extra für heute aufgespart“, sagte Scalzi grinsend, den vor allem der Fan-Support begeisterte: „Wir haben zwölf gegen elf gespielt.“
Die Vorentscheidung? Mitnichten, denn wiederum nur knapp zehn Minuten später wurde Oliver Doege im Strafraum freigespielt, drehte sich klasse um seinen Gegenspieler und verkürzte auf 1:3 (67.). Für Vorwärts-Wacker war es der Auftakt zu einer Schlussphase, in der die Billstedter auf den Anschluss drückten und ihn durch den Lattenschuss von Netzbandt (76.) nur denkbar knapp verpassten. Bujar Seidija wurde zunächst bei seinem Abschluss aus kurzer Distanz geblockt (84.) und verpasste wenig später eine Hereingabe per Kopf nur um Zentimeter (88.). Um eine Restchance zu wahren, musste die Elf von Trainer Ümit Taytanli die Tore öffnen – und wurde dafür vom HEBC gnadenlos bestraft: Per Konter stellten die Eimsbütteler zunächst durch Moses Magens auf 4:1 (90.+2) und mit dem Schlusspfiff sogar noch auf den 5:1-Endstand (90.+4). Ein Ergebnis, das letztlich „viel zu deutlich“ daherkam, wie auch HEBC-Trainer Philipp Obloch anerkennen musste, dem grenzenlosen Jubel jedoch keinen Abbruch tat.
Peter Tschentscher erntet Pfiffe für Olympia-Werbung
Minutenlang feierte HEBC mit den Fans, dazwischen quetschten sich noch die Feierlichkeiten der Siegerehrung. Dabei sprach auch Bürgermeister Peter Tschentscher seine Glückwünsche aus, um das Spiel anschließend als Werbung für die Olympischen Spiele in Hamburg zu nutzen und dafür aus dem Publikum ein Pfeifkonzert zu ernten. Es war jedoch nur eine kleine Delle in der ansonsten ausgelassenen Stimmung.
„Wir haben uns heute unsterblich gemacht“, sagte ein sichtlich euphorisierter Köhler. „Es ist unglaublich.“ Die Bilder vom Fanmarsch hätten dabei als zusätzliche Motivation gedient: „Wir haben die Fotos vorher gesehen. Das hat uns das letzte Feuer gegeben.“ Trainer Obloch sagte: „Es fühlt sich unwirklich an.“ Kapitän Janek Wrede fand die Entstehung des Sieges zwar spielerisch „sicherlich nicht schön“, aber: „Ein Finale muss man nicht schön gewinnen.“ Auch der 33-Jährige spricht von einem Eintrag in die Geschichtsbücher. Die Generation von 1983 spreche bis heute noch über das damalige Endspiel. „Das werden wir in 30 Jahren auch tun.“
HEBC freut sich über Geld-Regen
Doch der Pokalsieg ist nicht nur sportlich ein Großereignis für den Verein, auch finanziell wird HEBC für den Einzug in den DFB-Pokal fürstlich entlohnt. Mehr als 200.000 Euro fließen vom Verband in die Kassen des Oberligisten. „Was das finanziell für so einen Verein heißt, ist ja fast schon absurd. Da könnte man sich ja fast schon über eine andere Verteilung unterhalten. Jetzt hoffen wir mal dass das gut angelegt wird“, so Wrede.
Und gegen wen soll es nun in der ersten Pokalrunde im August gehen? Die meisten Eimsbütteler hielten sich dahingehend bedeckt. Wrede hingegen hat durchaus eine Idealvorstellung, welches Los HEBC zuteilwird: „Ich habe mir den HSV gewünscht.“ Logisch: Der Verteidiger arbeitet als Scout für den Bundesligisten.
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Trainer Obloch unterdessen hatte nach Abpfiff nur noch aufgrund einer Sache Bedenken: „Ich habe große Sorge“, so der Übungsleiter, „dass bei dem einen oder anderen, der 90 Minuten bei der Hitze gemacht hat und das Adrenalin ein oberes Level hat, der erste Havanna Cola ganz schön einschlägt. Es wird mit Sicherheit ein feuchtfröhlicher, langer Abend.“