Irres Comeback! Victoria schockt nach Pokal-Frust Dassendorf
Das tat gut! Im Topspiel der Hamburger Oberliga schoss sich der SC Victoria Hamburg den Pokal-Frust von Dienstag von der Seele. Nach einer furiosen Aufholjagd gewann „Vicky“ gegen den TuS Dassendorf mit 5:3 (1:3). Verschossene Elfmeter, Tore ohne Ende, singende Engländer und ein überragender Luca Palzer – die Partie hatte alles zu bieten, was das Fußballherz begehrt. Nach dem Spiel waren die Victorianer sichtlich berührt.
Noch am Dienstag flog Victoria gegen Vorwärts-Wacker im Lotto-Pokal-Viertelfinale raus. Es war das Nachholspiel nach der abgebrochenen Partie, in der „Vicky“ noch mit 3:1 geführt hatte. Erst in der Nachspielzeit kassierten die Victorianer den Ausgleich, ehe sie im Elfmeterschießen unterlagen. „Für viele Jungs war das am Dienstag das niederschmetterndste Erlebnis, das sie im Fußball erlebt haben“, sagte Victoria-Coach Sascha Bernhardt nach der Partie. Auch Luca Palzer widmete seine ersten Worte nach Abpfiff dem „schwarzen Dienstag“. „Ich ärgere mich, dass wir am Dienstag rausgeflogen sind. Ich glaube, das werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen, das war wirklich brutal“, sagte er nach Abpfiff.
Wie sehr den Victorianern das bittere Pokal-Aus gegen Vorwärts-Wacker noch in den Knochen, und vor allem im Kopf steckte, merkte man ihnen schnell an. Schon nach 40 Sekunden sorgte Yannick Petzschke mit einem fatalen Fehlpass für den ersten Riesenaufreger im Strafraum der Gastgeber. Dassendorfs Johann Knebel entschied sich jedoch nicht für die leere Hälfte des Tors, sondern suchte förmlich den eigentlich bereits geschlagenen Victoria-Keeper Hendrik Rabe, der doch noch entschärfen konnte.
Dassendorf nutzt turbulente Anfangsphase für sich
Kurz darauf machten es die Gäste besser, als Johann von Knebel auf Sven Möller flankte, der per Kopf gegen die Laufrichtung von Rabe zum 0:1 einschob (9.). Victorias Sönke Meyer hatte dabei Glück, dass der Ball die Linie überquerte, bevor er ihn in Manuel Neuer-Manier mit der Hand nach der Kugel griff.

Die Gastgeber wirkten völlig von der Rolle. Quasi ohne Gegenwehr hoben von Knebel und Möller mit einem simplen Doppelpass im gegnerischen Sechzehner die gesamte Victoria-Abwehr aus. Das ließ sich von Knebel nicht nehmen und traf nahezu entspannt zum 0:2 (14.).
Währenddessen fühlten sich unter den 726 zahlenden Zuschauern zumindest neun Fans aus dem fernen englischen Leeds von den Geld-Blauen Victorianers an ihren Heimatklub erinnert und sorgten für Stimmung im Heimbereich. Mit „Sweet Caroline“ sangen sie die „Boys in Yellow“ nach vorne. Die Engländer durften in der 23. Minute aus dem Nichts das 15. Saisontor von Luca Palzer bejubeln, der nach Fehlpass von Dassendorf-Torwart Max Wendt durch einen schönen Heber zum 1:2 traf.
Victoria verschießt Elfmeter – und dreht das Spiel
Davon ließen sich die Gäste zunächst nicht beeindrucken. Nur wenige Minuten später verlängerte Martin Harnik eine Hereingabe in den Strafraum per Kopf, wo Möller mit seiner dritten Torbeteiligung nach 28 Minuten zum 1:3 einschob. Schlag auf Schlag ging es weiter. Elfmeter für „Vicky“! Doch Brian Jungjohann konnte das Training aus dem Elfmeterschießen unter der Woche nicht für sich nutzen und schoss links am Tor vorbei (37.).
In die Halbzeit gingen die Gäste ohne Kapitän Harnik, der scheinbar angeschlagen schon in der 41. Minute vom Platz ging und die Binde an Kerim Carolus weitergab. Aus der Pause kamen wieder die Gäste mit mehr Feuer, doch Max Kruse konnte einen Kopfball nicht zu seinem ersten Saisontor ummünzen. Auch den anschließenden Schuss aus rund zwei Metern konnte Karim Ay nicht über die Linie bringen.
Und dann kam es plötzlich Knüppeldick für die Dassendorfer. Drei Tore in sieben Minuten (!) schenkten ihnen die Gastgeber ein. Erst machte Jungjohann seinen vergebenen Elfmeter wett und köpfte nach Ecke von Palzer zum 2:3 (51.), anschließend glich Luis-Luka Gleich nach Vorarbeit von Heider zum 3:3 aus (55.). In der 58. Minute drehten die Victorianer das Spiel dann binnen sieben (!) Minuten komplett. Palzer dribbelte vorbei an der Dassendorfer Abwehr, hatte dann auch noch das Auge für den einlaufenden Jungjohann, der das Traum-Solo von Paltzer mit dem Treffer zum 4:3 vollendete.
Victoria-Matchwinner Palzer: „Haben uns den Weg in die Kneipe verdient“
Mittlerweile war es ein ganz anderes Bild als noch in Halbzeit eins. Jetzt waren es die Dassendorfer, die das Verteidigen komplett einstellten. 15 Minuten vor Ende belohnte Palzer seine überragende Leistung mit einem zweiten Tor zum 5:3. Dieses Mal war es Darijo Maksimovic, der sehenswert per Hacke auflegte. Ein neuntes Tor gab es dann nicht mehr. Schluss an der Hoheluft!
Sofort machte sich pure Erleichterung bei den Gastgebern breit. „Luca Palzer“-Sprechchöre im Teamkreis. Auch Trainer Bernhardt merkte man die Erleichterung an. „Wir haben vor dem Spiel gesagt, dass wir nicht aufs Ergebnis gucken. Ich habe den Jungs gesagt, wenn wir hier acht Tore kriegen, würde ich ihnen das verzeihen. Nach dem Vorwärts-Wacker-Spiel haben Spieler geweint“, schüttete Bernhardt sein Herz nach Abpfiff aus. In der Halbzeit hätte er „einfach an unsere Gemeinschaft appelliert. Egal was passiert, wir sind einfach stolz, für Vicky zu spielen.“

„Ich glaube, Jonas Urbig ist gerade erst von der deutschen Nationalmannschaft abgereist“, ergänzte Bernhardt zudem mit einem zwinkern und deutete auf die starke Leistung von Keeper Rabe hin. Matchwinner Luca Palzer, der an vier Toren direkt beteiligt war, konnte über eine scherzhaft vorgeschlagene DFB-Nachnominierung für den ebenfalls abgereisten Jamie Leweling nur lachen. „Ich glaube, das ich Quatsch“, sagte er schmunzelnd. Stattdessen würde er lieber Florian Wirtz aufstellen. Was er zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht wusste: Wirtz hat im Testspiel gegen die Schweiz ebenso viele Scorer gesammelt wie er – vier. Palzer merkte man ebenfalls die emotionale Bedeutung des Sieges an: „Ich bin schon ein bisschen stolz auf uns. Ich freue mich einfach, dass wir wieder positiv sein konnten, Spaß haben konnten. Heute haben wir uns dann auch den Weg in die Kneipe verdient.“
Dassendorf-Coach Kocadal: „Ich kann es einfach nicht verstehen“
Entsprechend angefressen war hingegen Dassendorf-Coach Özden Kocadal. „Ich verstehe nicht, wo diese Lethargie herkommt. Das Gefühl, als wäre das Spiel schon vorbei gewesen. Ich kann es einfach nicht verstehen, wie eine so hoch dekorierte Mannschaft mit sehr hohen Zielen solche zehn Minuten hat. Das war schwach“, sagte Kocadal sichtlich angefressen.
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Drei Punkte hinter Dassendorf lauert Victoria auf Tabellenplatz vier. Für Dassendorf ist es hingegen ein großer Rückschlag im Aufstiegsrennen. Bei zwei Spielen weniger auf dem Konto trennen Harnik, Kruse und Co. sieben Punkte vom Tabellenführer, dem Eimsbütteler TV.
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