Lokalsport

„Das ist vogelwild!“ Vier Wunder auf einmal: Wie St. Pauli für Jubel in Schnelsen sorgt

Kurioser Aufstieg in die Landesliga: Die Mannschaft von Germania Schnelsen
Kurioser Aufstieg in die Landesliga: Die Mannschaft von Germania Schnelsen

Nachspielzeit-Tore, ein Lizenzentzug sowie der „gleitende Aufstieg“ sorgen für ein kurioses Happy End bei Germania Schnelsen. Die Mannschaft ist in alle Winde verstreut.

Drei Wochen Warten haben sich gelohnt: Durch vier ungewöhnliche Ereignisse hat Germania Schnelsen den Aufstieg in die Landesliga geschafft. Dabei spielte der FC St. Pauli eine besondere Rolle.

„Das ist vogelwild“, kann Schnelsens Trainer Yakup Özdemir es kaum fassen: „Was gerade passiert, war nicht absehbar, als wir auseinander gegangen sind. Mit so einer Welle hätten wir nie gerechnet.“ Weil gleich zwei Konkurrenten am letzten Spieltag in der Nachspielzeit Gegentore kassierten, der Eimsbütteler TV sich danach in der Regionalliga-Aufstiegsrunde durchsetzte und 1860 München auf einmal das Geld ausging, steigt sein Verein auf - drei Wochen nach dem letzten Saisonspiel.

Den Aufstieg müssen sie im Urlaub feiern

Viel zu spät, um noch gemeinsam im Klubheim am Riekbornweg zu jubeln, das vom ehemaligen St. Pauli-Profi Nico Patschinski betrieben wird. Trainer und Spieler sind längst an verschiedenen Urlaubsorten verstreut. Gefeiert wird einzeln, sich ausgetauscht über Handy-Nachrichten. „Wir freuen uns alle riesig“, berichtet Özdemir, der selbst an der spanischen Costa Blanca weilt: „Aber es fühlt sich auch komisch an.“

Nico Patschinski beim Public Viewing von „Kampf der Realitystars“ in der Meuterei in Hamburg.
Nico Patschinski, hier 2023 beim „Kampf der Realitystars“ in Hamburg, führt das Klubheim des unverhofften Landesliga-Aufsteigers Germania Schnelsen.


Am 22. Mai bestritt Germania Schnelsen in der West-Staffel sein letztes Punktspiel, Harksheide II wurde zu Hause mit 8:1 abgefertigt. Luca Drenkhahn, Sohn des Trainers traf dreifach, es waren seine Saisontore 45, 46 und 47. So weit, so egal, schien es. Denn ein Sieg des Kummerfelder SV zwei Tage später hätte die Germanen auf Platz drei belassen und ihnen jede Aufstiegschance beraubt.

Hörle schockt Kummerfeld, Neves die Falken

Am 24. Mai führte Kummerfeld 2:1 beim HSV IV, bis Tim Hörle in der 92. Minute für die Rothosen zum Ausgleich traf. Damit war Schnelsen für kurze Zeit nach Quotientenregel der drittbeste Zweite aus vier Bezirksliga-Staffeln - bei maximal zwei noch zu vergebenden Aufstiegsplätzen.

Zwei Stunden nach Kummerfeld spielte der HFC Falke in der Bezirksliga Nord sein letztes Saisonspiel. Mit einem Heimsieg gegen Groß Borstel hätten die HSV-Rebellen alle Aufstiegsträume der Germanen zunichte machen können. Bis zur dritten Minute der Nachspielzeit führte Falke 2:1, dann glich Leandro Neves für die Gäste aus - und Schnelsen war in der Nachrückliste einen Platz nach vorne gerutscht, weil sie pro Spiel 33 Tausendstel Punkte mehr gesammelt hatten als die Falken.

Die Tabelle der Bezirksliga-Zweiten:

SC Wentorf 69 Punkte/30 Spiele = 2,300

Germania Schnelsen 66/30 = 2,200

HFC Falke 65/30 = 2,167

DSC Hanseat 58/28 = 2,071


Der Aufstieg des Hamburger Vizemeisters Eimsbüttel in die Regionalliga Nord sorgte dafür, dass mit dem SC Wentorf der beste Bezirksliga-Zweite in die Landesliga nachrückte. Damit war eigentlich alles geklärt - bis 1860 München keine Drittliga-Lizenz mehr bekam, weil sich der ehemalige deutsche Meister nicht mit seinem Investor einigen konnte. Dadurch blieb der TSV Havelse in der Dritten Liga, wie der DFB am Donnerstag bekannt gab - und die eigentlich abgestiegene U23 des FC St. Pauli wiederum in der Regionalliga Nord. 

Auf dem Dankes-T-Shirt wird der Platz knapp

Noch ein freier Platz für Nachrücker in Hamburg - und diesmal, 20 Tage nach dem letzten Saisonspiel, war Germania an der Reihe! „Wir haben schon rumgespaßt“, erzählt Özdemir: „Wenn wir ein Dankes-T-Shirt machen, würden da sechs, sieben Vereine auftauchen.“ HSV IV, Groß Borstel, Eimsbüttel, 1860 München, Havelse, St. Paulis U23 - zumindest diese sechs Vereine mussten mitspielen, um Schnelsen zum Aufstieg zu hieven.


„Seit ein paar Tagen ist nicht mehr Urlaub“, scherzt Özdemir. Seit der Aufstieg sich angebahnt hat, kontaktiert er auch Kandidaten, um den Landesliga-Kader zu vergrößern. Allzu viel verändern will er aber nicht. Die meisten seiner Spieler seien erst Anfang 20 und hätten „Mega-Potenzial“, um auch in der höheren Spielklasse zu bestehen.

Seit ein paar Tagen ist nicht mehr Urlaub. Aber wir sind von der Truppe überzeugt.

Yakup Özdemir

Dort geht es nicht mehr gegen Escheburg, Hamwarde oder Stapelfeld, sondern gegen Barmbek-Uhlenhorst, die Zweite von Altona 93 und die Dritte des FC St. Pauli. „Wir sind von der Truppe überzeugt“, sagt Özdemir von sich und seinem Assistenten Thomas Gleixner, der sich gerade in Portugal erholt.

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Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann Tausende Kilometer weiter einen Wirbelsturm entfachen, heißt es gern. Auch im Fußball hängen Dinge zusammen, von denen man es kaum vermutet: Weil in München das Geld fehlt, kann Schnelsen über den Aufstieg jubeln.

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