„Unter der Gürtellinie!“ Tumulte nach HSV-Spiel – Wolfsburg-Fans drehen durch
Nach dem letzten Pfiff des Nachmittags dauerte es keine 90 Sekunden, bis es unübersichtlich wurde. Während die HSV-Fans den 2:1-Auswärtssieg feierten und Wolfsburgs Ultras das Zünden von Pyrotechnik vorbereiteten, gab es auf dem Spielfeld mehrere Rudelbildungen. Schiedsrichter Florian Exner zückte sogar noch einmal die Rote Karte, ehe er in den Katakomben verschwand. Doch das unruhige Geschehen war längst nicht vorbei.
Auch Nicolai Remberg musste erst mal verstehen, was da nach dem Schlusspfiff um ihn herum passierte. „Ich habe rüber geguckt und unseren Co-Trainer im Umkreis von drei Wolfsburgern gesehen“, berichtete der HSV-Abräumer am Sky-Mikrofon. „Dann habe ich natürlich gedacht: Da gehe ich mit rein, da helfe ich.“ Konkret beteiligt waren unter anderem Merlin Polzins Assistent Richard Krohn sowie mehrere VfL-Profis. Auch weitere Mitglieder des HSV-Staffs eilten hinzu – und wenige Sekunden später tummelte sich der Großteil beider Teams auf wenigen Quadratmetern. Selbst Hamburgs Sportdirektor Claus Costa war mittendrin und bemüht, die Streithähne voneinander zu trennen.
Auch HSV-Assistent Richard Krohn in einer Rudelbildung
„Ich würde da meinen Co-Trainer oder generell meine Jungs nie alleine lassen“, sagte Remberg, stellte aber klar: „Ich habe jetzt niemanden böse getroffen.“ Man habe einfach ein bisschen „gerangelt“, das gehöre bei einem Fußballspiel dieser Bedeutung dazu. Aber was war in diesem Fall der Auslöser? „Irgendjemand hat immer was zu sagen, dann kam einer vom Wolfsburger Staff und hat sich einen von uns gepackt.“ In diesen Momenten würden die verschiedensten, vermutlich unschönen Sätze fallen. „Das kann ich jetzt nicht wiedergeben“, hielt sich Remberg bedeckt. „Aber gut, das sind die Emotionen nach dem Spiel. Ich glaube, da ist jetzt nichts Schlimmes passiert.“

Exner blies während der chaotischen Szenerie ein paarmal in seine Pfeife, die erhoffte Wirkung blieb aber zunächst aus. Spieler und Mitglieder der beiden Trainerteams gingen weiterhin aufeinander los. Die Emotionen kochten hoch. Diejenigen, die aus Exners Sicht etwas zu sehr über die Stränge schlugen, bestrafte er. Der nicht eingewechselte HSV-Youngster Fabio Baldé sah Gelb, Wolfsburgs Ersatzkeeper Marius Müller kassierte sogar die Rote Karte. Wofür genau, also ob wegen körperlicher oder verbaler Unsportlichkeiten, war zunächst unklar.
HSV-Trainer Polzin über „Worte, die hier nicht hingehören“
Letztlich war es Polzin, der seine Kollegen und Profis aufforderte, sich in Richtung der eigenen Anhänger zu bewegen. Und dann wurde aufseiten des HSV nur noch gefeiert mit den circa 10.000 mitgereisten Fans. „Es sind Dinge gefallen, die definitiv unter der Gürtellinie sind“, sagte Polzin bei DAZN. „Aber das sollte heute nach dem erfolgreichen Spiel nicht unser Fokus sein.“ Auf der Pressekonferenz ergänzte der HSV-Coach zunächst mit Blick auf die unterlegenen Wolfsburger: „Wir können als HSV durch die vergangenen Jahre einschätzen, was alles zusammenkommt, wenn die Ergebnisse nicht so da sind, wie man sich das vorstellt.“
Doch dann betonte Polzin: „Es gibt Dinge, die bei aller sportlichen Rivalität hier nichts zu suchen haben. Es sind Worte gefallen, die nirgendswo hingehören.“ Das sei in der HSV-Kabine bereits besprochen worden. „Aber ich würde es gerne intern behalten.“

Was in den Umkleiden passierte, blieb der Öffentlichkeit verborgen. Die unschönen Ereignisse in der Volkswagen Arena setzten sich parallel dazu aber fort. Die Heimfans präsentierten ein großes Plakat mit der Aufschrift „Chance vertan, Rückhalt verspielt“ – und sangen: „Wir haben die Schnauze voll.“ Pyrotechnik brannte, Böller explodierten, sogar VfL-Schals sollen direkt vor der Kurve verbrannt worden sein. Deshalb rückten zwei Feuerwehrmänner an, die hinter dem Tor und vor vielen vermummten Wolfsburgern im Block zunächst nicht zur Tat schritten konnten. Auf dem Feld hatten sich mehr als 20 Ordner positioniert. Und die Profis der Niedersachsen? Die warteten zunächst ab.
Wolfsburg-Ultras sorgen nach Abpfiff für Ausschreitungen
Viele von ihnen hatten sich nach der Auflösung der Rudelbildungen zügig in die Katakomben begeben, die Fühungsspieler Maximilian Arnold, Christian Eriksen und Müller blieben aber noch länger an der Seitenlinie stehen – genauso wie Youngster Jan Bürger und Vini Souza. Sie blickten mit versteinerter Miene in Richtung der Ultras und trauten sich nicht, zu ihnen zu gehen. Es war wohl besser so. Arnold und Müller besprachen sich mit Aufsichtsrat und Ex-Torwart Diego Benaglio, auch Sportdirektor Pirmin Schwegler ging mit in den Austausch.
Als es nach einigen Minuten Benaglio und Schwegler waren, die zu den Fans marschierten, gaben diese den Verantwortlichen deutlich zu verstehen, dass sie unerwünscht sind. Die Wolfsburger Szene wollte vielmehr, dass sich die Profis stellen. Noch beim Abschlusstraining am Freitag hatte Kapitän Arnold zum Zusammenhalt aufgerufen – davon war nichts mehr zu sehen.
VfL-Trainer Bauer: „Müssen Sie den Schiedsrichter fragen“
Als Benaglio und Schwegler in den Spielertunnel schritten, hatten die HSV-Profis ihre Ehrenrunde durch die halbe Arena längst beendet. Im Hamburger Lager wird man die Tumulte schnell vergessen können. In der Autostadt aber werden die Geschehnisse wohl noch ein Nachspiel haben – ganz gleich, ob Daniel Bauer der Trainer der „Wölfe“ bleiben darf. Der Tabellenvorletzte bleibt bei 20 Punkten stehen und wartet seit nun acht Partien auf einen Sieg.
Das könnte Sie auch interessieren: Noten in Wolfsburg: Sonder-Applaus für HSV-Profi – aber eine Fünf
„Ich will unmittelbar nach dem Spiel kein Öl ins Feuer gießen“, sagte Bauer zu den Unruhen. „Es war heiß auf dem Platz und auch zwischen den Bänken. Das gehört dazu. Gewisse Dinge nach dem Spiel gehören sich dann nicht. Wir haben die Szenen gesehen.“ Warum Müller glatt Rot sah und mit Baldé lediglich ein HSV-Profi Gelb, „müssen Sie den Schiedsrichter fragen“, meinte der sichtlich frustrierte VfL-Coach. „Den Rest möchte ich nicht bewerten.“
Anmerkungen oder Fehler gefunden? Schreiben Sie uns gern.