Woher kommt eigentlich die Rivalität zwischen HSV und Werder Bremen?
Für viele HSV-Fans ist das Spiel gegen Werder Bremen sogar das heißere Derby als gegen den FC St. Pauli. Es ist jedes Mal ein Hochsicherheitsspiel, die Polizei ist mit einem Großaufgebot im Einsatz. Schließlich sind die beiden Klubs tiefe Rivalen, und das inzwischen schon seit Jahrzehnten. Natürlich geht es darum, wer die Nummer eins im Fußball-Norden ist. Doch das ist längst nicht der einzige Grund für die Rivalität zwischen dem HSV und Werder. Sie hat eine lange Geschichte mit vielen Zwischenfällen und Ereignissen.
Hamburg und Bremen – zwei große Hansestädte in unmittelbarer Nachbarschaft. Selbstverständlich liegt es da auf der Hand, dass sich einer gewisser Machtkampf entwickelt. Und das beschränkt sich nicht nur auf Fußball, sondern reicht bei den Kaufleuten schon Jahrhunderte zurück. Beide Städte wollen die Nummer eins im Norden sein, das Einzugsgebiet überschneidet sich besonders in Niedersachsen, westlich von Hamburg und östlich von Bremen. Jeder beansprucht dieses Gebiet für sich und mag die Konkurrenz nicht.
Städte Hamburg und Bremen haben eine lange Rivalität
Viele Hamburger und Bremer berichten heute davon, dass sie mit einer Abneigung gegenüber der jeweils anderen Stadt aufgewachsen sind. Seit mehreren Generationen wird diese historische Rivalität weitergetragen. Und in den vergangenen fast genau 100 Jahren hat sich das eben auch auf den Fußball übertragen. Zwei große Vereine, der HSV und Werder Bremen, beide erfolgreich, beide mit Ambitionen und später sogar beide mit einer Raute als Logo. Und eben beide auch mit einem ähnliche Einzugsgebiet an Fans.
„Die Bedeutung ist riesengroß. Das Derby gehört für beide Seiten immer zu den Saison-Highlights.“
damalige HSV-Stadionsprecherin Christina Rann 2022 im MOPO-Interview über das Derby
Mutmaßlich kann sich heutzutage kein Anhänger mehr an das erste Duell der beiden Klubs am 13. März 1927 erinnern. Es ist das erste offizielle Pflichtspiel zwischen dem HSV und Werder, damals noch in der Vorrunde der Norddeutschen Meisterschaft. Die Hamburger gewinnen mit 4:1 und werden in den ersten zwölf Duellen mit Bremen stets ungeschlagen bleiben. Teilweise sind die Ergebnisse überaus deutlich, 1959 gewinnt der HSV sogar mit 9:1. Zu dieser Zeit stellt sich die Frage nach dem größeren und kleineren Verein nicht.

Mit der Einführung der Bundesliga 1963 ändern sich jedoch die Kräfteverhältnisse. Plötzlich ist Werder ein Gegner auf Augenhöhe, der in den ersten acht Bundesliga-Aufeinandertreffen kein einziges Mal gegen den HSV verliert. Die Grün-Weißen spielen regelmäßig um Titel mit, werden Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger. Und die Rivalität zwischen den Vereinen verschärft sich durch die sportliche Brisanz im Laufe der folgenden Jahre immer mehr.
HSV ist in den 1980er-Jahren fast nicht zu besiegen
Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre gelingt es dem HSV, die Vorherrschaft im Norden wieder an sich zu reißen. In seiner erfolgreichsten Ära der Vereinsgeschichte wird das Team um Horst Hrubesch, Felix Magath & Co. dreimal Deutscher Meister, holt zweimal den DFB-Pokal und sogar den Europapokal. Werder hingegen steigt 1980 erstmals für ein Jahr aus der Bundesliga ab. In dieser Zeit gewinnt Bremen nur eines von zwölf Nordderbys.

Provoziert durch das sportliche Tauziehen erreicht die Rivalität 1982 einen traurigen Höhepunkt. Auf dem Weg zum DFB-Pokal-Duell im Volksparkstadion stirbt der junge Bremer Fan Adrian Maleika nach einer Attacke von HSV-Hooligans. Es ist der erste gewaltsame Tod eines Fußballfans, der für viel Aufsehen sorgt – und für ein Wachrütteln der Fan-Szenen.
„Warum wir immer mit den Bremern Ärger bekommen? Das weiß ich auch nicht. Das war allerdings auch schon so, als ich 1972 Fan vom Hamburger SV wurde.“
Holger B., Angeklagter im Prozess um den getöteten Fan Adrian Maleika im Dezember 1983, laut „Abendblatt“
Wegen einer Art Friedensabkommen, das die Vereinsbosse mit Fan-Vertretern nach dem Tod von Maleika vereinbaren, beschränkt sich der Wettstreit fortan aufs Sportliche. Die Abneigung gegenüber der jeweils anderen Seite wird durch diesen Vorfall allerdings nur noch mehr befeuert.
Nach Maleika keimt die Rivalität erst um 2000 wieder auf
Doch auch sportlich ist durchaus Brisanz drin zwischen dem HSV und Werder. In den 1980er-Jahren spielen beide Teams um die Meisterschaft mit, die Nordderbys sind oft auch vorentscheidend für den Ausgang einer Saison. Entsprechend ausgeglichen ist die Bilanz in den direkten Duellen in diesen Jahren, was sich erst wieder ändert, als Hamburg und Bremen gegen Ende der 1990er-Jahre im Mittelfeld der Tabelle verschwinden.

Einen neuen Aufschwung bekommt die Rivalität erst nach der Jahrtausendwende. Bremen wird Deutscher Meister und entwickelt sich zurück zu einem Spitzenteam, der HSV spielt regelmäßig im Europapokal. Die Duelle finden fortan wieder auf höchstem Niveau statt – und damit steigt auch die Bedeutung wieder an. Verbale Auseinandersetzungen oder Schmäh-Plakate auf den Tribünen sind keine Seltenheit mehr. Auch Pyrotechnik gehört nun zum Bild der Derbys. Die Polizei muss stets mit einem Großaufgebot im Einsatz sein, um Ausschreitungen zu verhindern.
2009 stürzt Werder den HSV in 19 Tagen in den Abgrund
Im April und Mai 2009 bestreiten Werder und der HSV vier Spiele in nur 19 Tagen gegeneinander – ein seltenes und fast schon filmreifes Kuriosum. Neben dem regulären Bundesliga-Spiel werden sich die Teams auch im Halbfinale des DFB-Pokals und im UEFA-Cup-Halbfinale (Hin- und Rückspiel) zugelost. Es ist die intensivste Derby-Phase aller Zeiten, denn es geht in diesen Spielen in allen drei Wettbewerben um den Ausgang der Saison. Für beide Vereine steht enorm viel auf dem Spiel.
| Datum | Wettbewerb | Paarung | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| 22. April 2009 | DFB-Pokal-Halbfinale | HSV – Werder Bremen | 1:3 i.E. (1:1, 1:1, 0:1) |
| 30. April 2009 | UEFA-Cup-Halbfinale, Hinspiel | Werder Bremen – HSV | 0:1 (0:1) |
| 7. Mai 2009 | UEFA-Cup-Halbfinale, Rückspiel | HSV – Werder Bremen | 2:3 (1:1) |
| 10. Mai 2009 | Bundesliga | Werder Bremen – HSV | 2:0 (1:0) |
Das DFB-Pokal-Halbfinale im Volksparkstadion gewinnt Bremen, weil Torhüter Tim Wiese im Elfmeterschießen zum Helden wird. Acht Tage später revanchiert sich der HSV im UEFA Cup zwar mit einem 1:0-Auswärtssieg, verliert das Rückspiel eine Woche danach jedoch zu Hause mit 2:3 – und scheidet aus, weil damals noch die Auswärtstorregel gilt. In die Geschichte geht diese Partie des 7. Mai 2009 vor allem deshalb ein, weil HSV-Verteidiger Michael Gravgaard über eine Papierkugel stolpert, woraufhin das vorentscheidende 3:1 für die Gäste fällt. Die berühmt gewordene Papierkugel ist heute im Werder-Museum ausgestellt.

Zu allem Überfluss gewinnen die Bremer dann auch das Bundesliga-Duell drei Tage später, wodurch Hamburg die letzte Chance auf die Meisterschaft verspielt. Bis heute sind diese 19 Tage, in denen Werder den HSV aus allen drei Wettbewerben warf, Genugtuung für die Grün-Weißen und traumatische Erfahrung für die Fans aus Hamburg zugleich. Der sprichwörtliche Stachel sitzt noch immer tief. Manche behaupten gar, in diesen Wochen sei der sportliche Untergang des HSV eingeleitet worden.
HSV und Werder steigen beide in die 2. Liga ab
Schließlich kämpfen die Rothosen in den folgenden Jahren nicht nur mit Skandalen und vereinspolitischen Problemen, sondern auch regelmäßig gegen den Abstieg. Dass man in der Saison 2015/16 erstmals seit fast 50 Jahren beide Nordderbys in einer Saison gewinnt, tröstet kaum – denn 2018 steigt der HSV aus der Bundesliga ab. In Bremen gönnt man dem Rivalen den Absturz, folgt allerdings 2021 selbst eine Liga tiefer. Erstmals gibt es somit in der Saison 2021/22 zwei Derbys in der 2. Liga, von denen beide Klubs jeweils eines gewinnen.

Weil Bremen nach nur einer Saison wieder aufsteigt und der HSV 2025 ebenfalls in die Bundesliga zurückkehrt, findet das Nordderby nun wieder im Fußball-Oberhaus statt. Das gilt mittlerweile auch für die Frauen-Bundesliga, in der es ebenfalls zu teils brisanten Aufeinandertreffen kommt. Die Bedeutung dieser direkten Begegnung wird also auch in Zukunft nicht geringer werden – ganz im Gegenteil.
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