„Wir labern nicht rum“: Heidenheim-Legende Schmidt über das Duell gegen den HSV
Die Sektkorken knallten diesmal nicht – und wenn doch, dann nur im Verborgenen. Am Mittwoch wurde Frank Schmidt zum zweiten Mal in seinem Leben volljährig, seit 18 Jahren schon ist er Trainer des 1. FC Heidenheim. Eine Zahl, die nicht nur in Deutschland ihresgleichen sucht und den 51-Jährigen zu einer der beeindruckendsten Figuren der Bundesliga macht. Heidenheim forever and ever? Auch darüber sprach die MOPO mit Schmidt, ehe er am Samstag erstmals in der Bundesliga beim HSV zu Gast sein wird.
MOPO: Herr Schmidt, vor zwei Jahren begleitete HSV-Legende Jimmy Hartwig den Aufstieg Ihres Vereins mit den Worten: „Heidenheim in der Bundesliga? Das ist doch lächerlich!“ Sind Sie ihm noch böse?
Frank Schmidt: Ich bin ihm überhaupt nicht böse. Ich erinnere mich, dass uns diese Aussagen damals sogar geholfen und zusätzlich motiviert haben. Aber die entscheidende Frage ist ja: Lacht er immer noch? (schmunzelt)
Frank Schmidt freut sich auf das Spiel gegen den HSV
Er freut sich eher darüber, dass der HSV nun in der Bundesliga gegen Heidenheim spielen darf.
Und glauben Sie es mir: Das tue ich auch. Ich habe mich über den Aufstieg des HSV gefreut. Denn ich bin ja nicht nur Heidenheims Trainer, sondern beschäftige mich schon lange mit Fußball. Der HSV war auch in meiner Jugendzeit schon ein großer Verein. Er gehört in die Bundesliga, da brauchen wir gar nicht drumherum zu reden.
Im Mai 2023 verhinderten Sie den HSV-Aufstieg, weil Ihre Mannschaft in Regensburg zweimal in der Nachspielzeit traf. Dabei tanzten die HSV-Fans zeitgleich in Sandhausen vor Freude schon auf dem Rasen, ehe die kalte Dusche die Runde machte.
Dieser Tag war von seiner Dramaturgie her unglaublich. Aber ich habe damals null Schadenfreude empfunden. Ich war nur unfassbar glücklich in dem Moment und dankbar, in die Bundesliga aufzusteigen. Und ich kann mich nur wiederholen: Schön, dass wir nun dort gegen den HSV spielen dürfen.
Angesichts des Saisonstarts beider Vereine spricht man in Hamburg bereits vom ersten Schicksalsspiel dieser Saison. Gehen Sie da mit?
An der Feststellung, dass dieses Spiel ein richtungsweisendes ist, kommt keiner vorbei. Dass ich mit unseren drei Niederlagen zum Start nicht zufrieden bin, erschließt sich ja von selbst. Aber wir in Heidenheim sind es gewohnt, nicht rumzulabern, sondern uns einer Situation zu stellen und uns damit auseinanderzusetzen. Deshalb: Es ist zwar erst das vierte Spiel, aber es hat einen richtungsweisenden Charakter. Es spielt nun mal der Vorletzte gegen den Letzten.
Sie haben in der Zweiten Liga zehnmal gegen den HSV gespielt. Sind die Voraussetzungen jetzt noch vergleichbar?
Die Bundesliga an sich hat natürlich eine deutlich größere Strahlkraft. Die Aufmerksamkeit, die auf dieser Partie liegt, wird dadurch größer sein. Wobei der HSV das ja auch schon aus der Zweiten Liga kennt, weil er auch da immer eine ganz große Nummer war.
Schmidt und Heidenheim erlebten einen großen Umbruch
Hamburgs Mannschaft ist nach einem gewaltigen Umbruch im Sommer allerdings nicht mehr mit der zu vergleichen, die kürzlich den Aufstieg schaffte. Wie bereitet man sich auf einen Gegner vor, der noch in der Findungsphase ist?
Es stimmt schon: Der HSV hat nicht nur eine neue Grundordnung und auch einen anderen Trainer, als wir es aus der Vergangenheit kannten. Aber das bestärkt uns darin, vor allem auf uns zu schauen. Und eigentlich betrifft das ja beide Mannschaften, denn auch bei uns hat sich im Vergleich zur Vorsaison einiges verändert.
Sie verloren im Sommer unter anderem Paul Wanner, Frans Krätzig und unmittelbar vor der Schließung des Transferfensters auch noch Léo Scienza. Da wäre es verständlich, wenn man sich als Trainer auch mal beklagen würde.
Erst mal glaube ich, dass der Aderlass im Jahr davor noch viel größer war, als wir mit Tim Kleindienst, Niklas Beste, Eren Dinkci, Kevin Sessa und Florian Pick gleich fünf wichtige Spieler abgegeben haben. Aber wenn ein Spieler wie Léo Scienza kurz vorm Transferende nach England zu Southampton wechseln kann, bringt es nichts, ihm nachzuweinen. Ich bin schließlich dafür da, Lösungen zu finden. Und doch merkt man, dass es mitunter schwieriger wird als in den Vorjahren.
Inwiefern?
Wir hatten jahrelang das Privileg, unseren Kader schon sehr früh zusammen zu haben, weil wir vornehmlich Spieler aus den unteren Ligen verpflichtet haben. Nun als Bundesligist ist es aber so, dass Spieler aus der Zweiten oder Dritten Liga nicht mehr wie selbstverständlich nach Heidenheim wechseln, sondern sie haben auch andere gute Optionen. Die Konkurrenz ist größer geworden.
Dennoch jammern Sie nicht.
Warum auch? Das bringt doch nichts und es entspricht nicht meinem Naturell. Nur, weil wir jetzt im dritten Jahr in der Bundesliga spielen, fühlen wir uns ja nicht als etwas Besseres. Wir haben die letzten beiden Jahre sehr genossen und wollen auch in dieser Saison den Klassenerhalt schaffen. Ich bin aber nicht nur Optimist, sondern auch Realist. Deshalb weiß ich: Wir haben kein Dauer-Abonnement auf die Bundesliga. Aber wir sind jetzt Teil dieser Liga und wollen da auch nicht wieder raus.
Schmidt: Heidenheim hat die Conference League genossen
Im Vorjahr spielten Sie sogar im Europapokal und überwinterten dort. Was haben Sie aus dem Einzug in die Conference League mitnehmen können?
Wir haben das alles total gern gemacht. Es waren großartige Erfahrungen und Erlebnisse, gerade für uns in Heidenheim. Dass wir im Europapokal würden spielen können, lag ja vor wenigen Jahren noch fernab jeder Vorstellungskraft. Der Rhythmus war natürlich ein ganz anderer, das hat man im November oder Dezember zu spüren bekommen, als wir dann sieben Bundesligaspiele in Folge verloren haben. Aber ganz ehrlich: Wir würden es jederzeit wieder spielen wollen.
Am vergangenen Mittwoch feierten Sie einen speziellen Jahrestag. Seit 18 Jahren sind Sie nun Heidenheims Cheftrainer. Hand aufs Herz: Ist es überhaupt noch vorstellbar, dass Sie irgendwann mal einen anderen Verein trainieren?
Ich weiß, dass ich einen Stempel auf der Stirn habe. Spaßeshalber habe ich deshalb mal gesagt, dass ich gern mal zwei Vereine gleichzeitig trainieren würde, um zu beweisen, dass ich es auch woanders kann. Das geht aber schlecht.
Dann bliebe also nur ein Vereinswechsel.
Ganz ehrlich: Ich kann nicht sagen, was in der Zukunft nach meinem Vertragsende (im Sommer 2027; d. Red.) passiert. Es ist alles denkbar für mich. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, vielleicht packt es mich irgendwann und ich möchte mich dann auch mal woanders beweisen. Aber es ist genauso gut möglich, dass ich hier in Heidenheim in Fußball-Rente gehe. Deshalb bitte ich bei der Beantwortung dieser Frage noch um etwas Geduld (lacht). Erst mal haben wir noch einiges vor.
Und das bereits am Samstag. Was wird im Volkspark entscheidend sein?
Der Saisonstart hat gezeigt, dass beide Mannschaften große Probleme hatten, Tore zu erzielen und sich Großchancen zu erspielen. Darin liegt sicherlich ein Schlüssel. Und wie ich gelesen habe, wird in Hamburg schon gesagt, für den HSV sei ein Sieg Pflicht. Wir glauben in jedem Fall an unsere Chance. Und wie ich schon sagte: Es ist schön, wieder beim HSV zu Gast sein zu dürfen.