Wie Hamburgs Amateurklubs um Talente buhlen – und HSV und St. Pauli profitieren

Die HSV-Spieler Otto Stange, Joel Agyekum, Nicolas Oliveira und Adedire Mebude
Die HSV-Talente Nico Oliveira, Joel Agyekum und Otto Stange (v. l.) spielten allesamt in der Jugend des ETV.

Der HSV und der FC St. Pauli ringen im Großraum Hamburg um die besten Talente, um die Profis von morgen. Doch auch die Amateurvereine spielen eine entscheidende Rolle bei der Nachwuchsförderung. Nicht nur, weil ihre Arbeit für die Profiklubs von „überragender Bedeutung“ ist, wie Benjamin Liedtke, St. Paulis Nachwuchsleiter, sagt, sondern auch für die Weiterentwicklung des eigenen Vereins. Der Eimsbütteler TV, der USC Paloma, der Niendorfer TSV und auch Vorwärts Wacker Billstedt gelten in Hamburg als gute Adressen für talentierte Kicker. Der Kampf um Platz drei – einer mit vielen Facetten.

Eine davon ist das Geld. Vereine, die Talente entwickeln und Grundlagen für einen Wechsel in ein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) wie das des HSV, des FC St. Pauli oder auch Holstein Kiel legen, profitieren finanziell. DFB und DFL schütten jährlich Gelder für Debüts in den Junioren-Nationalmannschaften und im Profifußball aus. Der DFB regelt zudem die Ausbildungsentschädigungen bei Vereinswechseln.

Vereine können „Bonuseinnahmen“ gut gebrauchen

Für den ETV „sind das Bonuseinnahmen, die wir nicht im Jugend-Etat einkalkulieren“, erklärt Jasper Hölscher, Nachwuchsleiter des Eimsbütteler TV, da die Anzahl an Spielern, die pro Saison in ein NLZ wechseln, variiert. Profis werden nur die allerwenigsten von ihnen. Wie der ETV plant auch der Niendorfer TSV diese Gelder nicht ein und nutzt sie vielmehr „ausschließlich für Infrastruktur-Projekte, die dem Jugendfußball des Niendorfer TSV zugutekommen“, wie Kai-Uwe Hesse, Leistungskoordinator des NTSV, erklärt. Das gilt auch für Vorwärts Wacker.

Jasper Hölscher steht mit verschränkten Armen vor einem Tor
Jasper Hölscher ist Nachwuchsleiter des Eimsbütteler TV.

Die Billstedter verwenden die Einnahmen für „Trainingslager und Ausrüstung“, sagt Jugendleiter Ümit Taytanli.

Der Niendorfer TSV gab im Sommer 2024 sieben Spieler in ein NLZ ab, nahm durch Ausbildungsentschädigungen laut eigenen Angaben etwa 40.000 Euro ein. „Das ist im Vergleich zum gesamten Jugend-Etat für eine Saison aber nur ein kleinerer Posten“, ordnet Hesse die Gesamtsumme ein.

Zahlreiche Hamburger Talente schafften den Sprung zum Profi

Beim ETV wechselten sogar zwölf Spieler in den Profi-Nachwuchs von HSV, St. Pauli und Co., was etwas mehr als 30.000 Euro einspielte. Zudem feierten Justin Njinmah (Werder Bremen) und Nicolas Oliveira (HSV) ihre Profi-Debüts. In der laufenden Saison kamen mit Otto Stange (HSV), Max Marie (Eintracht Braunschweig) und am vergangenen Spieltag Joel Agyekum (HSV) drei weitere Ex-ETV-Talente hinzu. Auch bei Vorwärts Wacker, das im Sommer drei Talente an ein NLZ abgab, freute man sich über das Profidebüt von Fabio Baldé (HSV), der ein Jahr in Billstedt kickte. Vom USC Paloma wechselten im Sommer vier Spieler zu HSV oder St. Pauli.

Doch nicht nur gute Spieler ermöglichen finanziellen Spielraum. Auch gute Trainer zahlen sich monetär aus. Für die gibt es zwar keine Ausbildungsentschädigung des aufnehmenden Vereins (Niendorf gab in den letzten sieben Monaten drei Trainer an St. Pauli ab), aber lizensierte Trainer werden vom Hamburger Sport-Bund bezuschusst. „Im Jahr 2024 waren 45 Lizenz-Trainer ab der C-Lizenz aufwärts bei uns aktiv“, gibt Niendorfs Hesse an. Die Übungsleiter gaben mehr als 11.000 Trainingsstunden, was der HSB mit einem niedrigen fünfstelligen Betrag belohnt.

Hölscher: „Wollen uns mit möglichst vielen jungen Spielern auf maximalem Niveau messen“

Neben dem finanziellen Aspekt beim Kampf um Platz drei gibt es auch den sportlichen. Wer sich um die Ausbildung von Nachwuchskickern bemüht, macht überregional auf sich aufmerksam, gilt als gute Adresse im Nachwuchsbereich. Sowohl der ETV, als auch Niendorf, Paloma, Vorwärts Wacker, aber auch Eintracht Norderstedt sind mit ihren Nachwuchsteams regelmäßig überregional vertreten. Der NTSV (U17), Paloma (U17) und Norderstedt (U19) spielen in dieser Saison sogar in der neuen DFB-Nachwuchsliga mit, in der sich die Amateurvereine deutschlandweit mit den Nachwuchsleistungszentren vergleichen können.

Die U19 des Niendorfer TSV
Die U19 des Niendorfer TSV spielt in der A-Junioren Regionalliga Nord.

Bei der Jugendarbeit geht es aber nicht nur um das Entwickeln von künftigen NLZ-Spielern, sondern auch von Eigengewächsen für die Herrenteams des Vereins. Beim ETV hat man Jugend und Erwachsene noch enger verzahnt. „Wir wollen uns mit möglichst vielen jungen Spielern auf maximalem Niveau messen“, sagt Hölscher, dessen ETV in dieser Saison um den Aufstieg in die Regionalliga spielt, wo er vorletzte Saison bereits erstmalig vertreten war. Sich auch als Herrenspieler noch für höhere Aufgaben empfehlen zu können, ist die Idee, dessen Tauglichkeit sowohl im Sommer bewiesen wurde, als Maurice Boakye in die 3. Liga zur zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart wechselte, als auch in diesem Winter, als es Oberliga-Hamburg-Torjäger Piet Scobel zum Unterbau des 1. FC Nürnberg zog.

Gute Ausbildung als Magnetwirkung für den Breitensport

Im Kampf um Talente im Großraum Hamburg kann diese Reputation helfen. Spielen Vereine überregional, zieht das ebenso Spieler an wie ein altersgerechtes Training durch gut ausgebildete, lizensierte Übungsleiter. Beides hat auch eine Magnetwirkung für den Breitensport. Beim Niendorfer TSV spielen Stand Dezember 2024 mehr als 1100 Kinder und Jugendliche Fußball – „so viele wie noch nie“, sagt Hesse. Beim ETV sind es 1000, bei Paloma 850, bei Vorwärts Wacker rund 900. Wartelisten sind dabei die Regel.

Viele Kinder und Jugendliche bedeuten viele Mannschaften. Diese benötigen Platz. Während Niendorf und der ETV durch ihre nutzbaren Flächen ordentlich aufgestellt sind, hat zum Beispiel der USC Paloma nur einen Kunstrasen und einen Grandplatz zur Verfügung. „Wir sind im ständigen Austausch mit dem Bezirksamt bezüglich unseres zweiten Sportplatzes“, hofft USC-Vorsitzender Dirk Rathke auf einen weiteren Kunstrasen. In Billstedt ist Vorwärts Wacker ein großes Stück weiter. Das Gelände wurde gerade von einem auf drei Plätze künstlichen Grüns erweitert.

Ein leerer Fußballplatz in Niendorf
Auf dem Bondenwald-Sportplatz sind die Leistungsteams des Niendorfer TSV zu Hause.

Doch nicht nur die Fußballplätze spielen im Werben um begabte Nachwuchskicker eine Rolle. Der ETV hat mit seinem Sportzentrum am Lokstedter Steindamm, das Fitness- und Besprechungsräume beinhaltet, neue Maßstäbe gesetzt. In Niendorf entstand am Bondenwald in Eigenregie ein neuer Kraftraum, ein Besprechungsraum soll folgen.

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Auch der HSV und der FC St. Pauli schauen sehr genau hin, wie es bei den „Zweite-Reihe-Vereinen“, wie Palomas Rathke sie nennt, läuft. Sie profitieren von der guten Vorarbeit. Die Kiezkicker engagieren sich sogar proaktiv, bieten Trainingsmodule und Weiterbildungen für Amateurvereine an. Beim HSV sieht Nachwuchsleiter Loic Favé da noch Verbesserungspotenzial: „Ich sehe uns da in der Pflicht.“ Beide loben aber die Zusammenarbeit und die Kommunikation mit den Amateurklubs. Unterm Strich eint nämlich alle dasselbe Ziel: junge Hamburger Fußballer zu entwickeln und bei dem Prozess zu begleiten.