Weltmeister Khedira schwärmt vom HSV – aber: „Vuskovic ist für mehr bestimmt“

Luka Vuskovic jubelt nach dem 2:2 des HSV gegen den FC Bayern
Luka Vuskovic ist mit vier Treffern der torgefährlichste Innenverteidiger der Liga.

Er genoss es, mal wieder in Hamburg zu sein. Nur eines war so, wie fast immer, wenn Sami Khedira zu Gast ist. „Die graue Decke nervt ein wenig“, sagte der Weltmeister von 2014 schmunzelnd mit Blick in Richtung Hamburger Himmel. Als Gast der „SPOBIS“ sprach Khedira im CCH darüber, wie man den deutschen Fußball-Nachwuchs künftig wieder stärker fördern kann. Zudem nahm sich der 38-Jährige Zeit, mit der MOPO über den HSV zu sprechen – über die aktuelle Saison, die Zukunft in der Bundesliga und Luka Vuskovic.

MOPO: Herr Khedira, seit dieser Saison wird auch im Volkspark wieder Erstliga-Fußball gespielt. Ein kleiner Flashback: Wie sehr haben Sie sich im vergangenen Sommer gefreut, als der HSV den Aufstieg schaffte?

Sami Khedira: Wirklich sehr. Auch wenn ich ja aus dem Süden Deutschlands komme, muss ich sagen: In diesen sieben Jahren, in denen der Verein in der 2. Liga spielte, hatte ich schon ein bisschen Sehnsucht nach dem HSV. Hamburg ist eine tolle Stadt und der HSV ein großartiger Verein. Für die Bundesliga und insbesondere für ihr Bild nach außen ist es verdammt wichtig, dass wir solche Traditionsvereine in Liga eins haben. Ich selbst habe auch immer sehr gern hier gespielt.

Sami Khedira sieht HSV als starkes Bundesliga-Team

Wie schlägt sich der HSV aus Ihrer Sicht nach dem Aufstieg?

Es macht sehr viel Spaß, ihm zuzusehen. Für meine Begriffe spielen sie einen attraktiven Fußball. Es gibt nur ein Manko.

Welches?

Der HSV hat auswärts erst drei Zähler geholt und punktet vornehmlich zu Hause. Aber vielleicht zeigt das die Liebe der Profis zu ihrem schönen Stadion (schmunzelt).

Sami Khedira bei einer Podiumsdiskussion der SPOBIS in Hamburg
„Ich hatte schon ein bisschen Sehnsucht nach dem HSV“, sagt Khedira über die sieben Jahre 2. Liga. „Der HSV ist ein großartiger Verein.“

Dennoch: Wenngleich der HSV als Aufsteiger eine sehr solide Saison spielt, beträgt der Abstand zum Relegationsplatz lediglich einen Zähler.

Das stimmt. Aber alles andere als der Klassenerhalt wäre fatal. Gerade, wenn man nach vielen vergeblichen Anläufen zurück in der Bundesliga ist. Es ist ja aber auch klar, dass man nach so vielen Jahren der Abwesenheit nicht sofort durchmarschieren kann. Heidenheim hat es in der vorletzten Saison zwar mal geschafft und direkt die Conference League erreicht. Aber grundsätzlich wartet auf einen Aufsteiger erst mal immer Überlebenskampf. Das macht der HSV aus meiner Sicht sehr gut, mit viel Zuversicht. Zumindest in den Heimspielen machen sie viel Spaß.

Weltmeister Khedira traut dem HSV Stabilisierung zu

Bei Traditionsklubs dieser Art entstehen allerdings auch schnell Begehrlichkeiten. Es gibt in der Liga mit Frankfurt und Stuttgart gute Beispiele für Vereine, die einst auch den Gang in die 2. Liga antreten mussten, nun aber feste Größen im Kampf um die internationalen Plätze sind. Trauen Sie dem HSV perspektivisch auch eine ähnliche Rolle zu?

Es ist für große Vereine nicht automatisch leichter, aber vielleicht etwas realistischer. Da geht es ja auch um infrastrukturelle Dinge, die hier natürlich gegeben sind. Aber das A und O ist immer, dass man den Sport in den Mittelpunkt stellt. Alles andere ist zweitrangig. Nur so kannst du nachhaltig Erfolg haben.

Sie wurden in Stuttgart geboren, spielten von 1995 bis 2010 beim VfB und haben den Verein entsprechend besonders gut im Blick. Was kann der HSV von Stuttgart lernen?

Es ging beim VfB irgendwann nicht mehr rein um die Vermarktung oder darum, wie man am besten Geld generieren kann. Der Sport steht total im Mittelpunkt. Es wurden über Jahre hinweg kluge Entscheidungen getroffen und Weichen gestellt. Das ist in Frankfurt mit Axel Hellmann und Markus Krösche passiert und auch in Stuttgart mit Alexander Wehrle und vor allem Trainer Sebastian Hoeneß. Man sieht: Kontinuität ist diesbezüglich ganz wichtig. Du kannst nicht jedes Jahr die sportliche Führung wechseln, das bringt dich nicht weiter.

Auch beim HSV gab es zuletzt wieder reichlich Wirbel. Sportvorstand Stefan Kuntz ging zum Jahreswechsel und sieht sich schwerwiegenden Vorwürfen ausgesetzt. Jean-Luc Dompé wurde nach einer Autofahrt im alkoholisierten Zustand vom Verein suspendiert und nimmt aktuell noch nicht wieder am Spielbetrieb teil. Sind das unterm Strich Vorfälle, die man als Traditionsverein in einer großen Stadt immer mal wieder aushalten muss?

Das sind natürlich Vorfälle, die niemand haben möchte und die man entsprechend moderieren muss. Aber ich schaue da eher auf das Sportliche und muss sagen: Das macht der HSV sehr ordentlich, aller Vorfälle zum Trotz.

In der DFL engagiert sich Khedira für den Nachwuchs

Im Sommer steht eine WM an. Sie selbst wissen nur zu gut, welche Strahlkraft solche Turniere auch für Vereine haben. Wie wichtig wäre es für das Ansehen des HSV, perspektivisch auch mal wieder einen deutschen Nationalspieler zu stellen?

Auch das sieht man ja am Beispiel Stuttgart, wo auf einmal fünf, sechs Spieler plötzlich für Deutschland spielten. Das stärkt natürlich das Ansehen eines Vereins. Der Bundestrainer kommt öfter mal vorbei und durch solche Spieler wirst du auch auf dem deutschen Markt attraktiver und ziehst wiederum mehr Sponsoren an. Aber natürlich kann man sich einen deutschen Nationalspieler nicht schnitzen. Ihn selbst zu entwickeln, dauert in der Regel eine Weile.

Sami Khedira bei einem Spiel des VfB Stuttgart
Sami Khedira, der bis 2023 das Management des VfB Stuttgart beriet, ist TV-Experte bei DAZN.

Sie selbst engagieren sich verstärkt dafür, den deutschen Nachwuchs zu fördern, und gehören einer achtköpfigen DFL-Expertengruppe an, zu der auch Jürgen Klopp, DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig, DFL-Geschäftsführer Marc Lenz und Frankfurt-Boss Markus Krösche gehören. Was ist das übergeordnete Ziel?

Es geht um Talententwicklung und darum: Wie bekommen wir die nächsten Topstars, damit wir nicht nur in der Bundesliga, sondern auch in der Nationalmannschaft wettbewerbsfähig sind und uns diesbezüglich in der Breite verbessern? Sich dahingehend auszutauschen und Dinge auf den Weg zu bringen, macht mega viel Spaß, noch dazu in dieser Gruppe. Da sind so viele herausragende Persönlichkeiten, gute Typen, aber auch Menschen mit viel Ahnung drin. Jeder bringt sein Wissen und seine Erfahrung ein.

Angedacht ist, dass möglicherweise schon ab Sommer eine U21-Liga startet, an der die Profivereine auf freiwilliger Basis teilnehmen können.

Dieses Thema ist sehr wichtig, auch wenn es vielleicht nicht gleich kurzfristigen Erfolg bringt. Gerade der Übergangsbereich in dieser Altersklasse macht nicht nur in Deutschland, sondern insgesamt in Europa Probleme. Das wird durch Daten belegt. Es gibt nach der U19 keine Übergangsliga, deswegen bleiben viele Talente, die vielleicht noch ein Jahr bräuchten, auf der Strecke. Mit der neuen Liga können wir die Entwicklungszeit ein wenig verlängern und jungen Spielern mehr Spielzeit verschaffen.

HSV-Juwel Luka Vuskovic kann „ganz oben mitspielen“

Kommen wir noch mal zum HSV. Dort trumpft mit Luka Vuskovic ein erst 18-Jähriger groß auf. Angesichts Ihrer Bemühungen um Talente dürften Sie Ihre helle Freude an ihm haben.

Ich finde, dass der HSV insgesamt kluge Transfers gemacht hat. Fábio Vieira ist ja auch ein sehr spannender Spieler. Aber es stimmt schon: Vuskovic ist mit seinen 18 Jahren schon eine richtige Persönlichkeit. Ich habe mir zuletzt das Stadtderby des HSV bei St. Pauli angesehen. Das war, um es nett auszudrücken, sehr durchwachsen. Aber selbst in so einem Spiel fällt Vuskovic ja positiv auf – und nicht nur, wenn er wie zuletzt gegen die Bayern trifft. Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit er in der Bundesliga Fuß gefasst hat.

Der HSV träumt davon, Vuskovic auch über die Saison hinaus halten zu können, auch wenn er nur bis zum Sommer ausgeliehen ist.

Das wäre schön für den Verein, aber ich denke, das liegt ja allein in Tottenhams Hand. Ich glaube, dass der Junge schon für mehr bestimmt ist, vielleicht sogar schon für das obere Tableau. Wenn man mit 18 Jahren – gerade auch als Persönlichkeit – derart in einer Mannschaft auffällt, die nicht oben mitspielt, hat man sehr viel vor sich.

Trauen Sie Vuskovic den Sprung in die Weltklasse vor?

Wenn er so weitermacht: ja. Ich glaube, er kann ganz oben mitspielen.

Er genoss es, mal wieder in Hamburg zu sein. Nur eines war so, wie fast immer, wenn Sami Khedira zu Gast ist. „Die graue Decke nervt ein wenig“, sagte der Weltmeister von 2014 schmunzelnd mit Blick in Richtung Hamburger Himmel. Als Gast der „SPOBIS“ sprach Khedira im CCH darüber, wie man den deutschen Fußball-Nachwuchs künftig wieder stärker fördern kann. Zudem nahm sich der 38-Jährige Zeit, mit der MOPO über den HSV zu sprechen – über die aktuelle Saison, die Zukunft in der Bundesliga und Luka Vuskovic.