Warum Baumgart das Vertrauen verdient – und was man dem HSV-Trainer vorwerfen muss
Vergleiche mit der HSV-Ära Tim Walter wirken derzeit deplatziert. Denn unterschiedliche Spielstile bringen verschiedene Vor- und Nachteile mit sich. Und wenn man nur das verpasste Ziel Aufstieg als Maßstab nimmt, ist der Ex-Trainer mit seinen Ideen gescheitert. Steffen Baumgart hat sich schon kurz nach seinem Dienstantritt in Hamburg von der fußballerischen Philosophie seines Vorgängers distanziert. Neun Monate später aber stellt sich die Frage: Scheitert auch er am und mit dem HSV? Das Für und Wider ist teils extrem. Und der Druck auf den Coach auch.
Nicht bis zu Baumgarts Installation im Februar, aber bis Mai muss man zurückblicken, um die aktuelle Gemengelage beim HSV angemessen einzuordnen. Am 23. Mai, vier Tage nach dem Ende der Vorsaison und der folgenden Ablösung von Jonas Boldt, wurde deutlich: Dessen Nachfolger, Stefan Kuntz, hat laut Aufsichtsratschef Michael Papenfuß zwei Jahre für den HSV-Aufstieg. Auch deshalb ist es verständlich, dass sich Kuntz nach der ersten größeren Ergebniskrise der Saison nun nicht direkt getrennt hat von Baumgart, dessen Entlassung auch eine erste große Pleite für den Sportvorstand darstellen würde.
HSV-Coach Baumgart hatte im Sommer genug Zeit
Denn, zur Erinnerung, Kuntz hatte das Festhalten am Trainer trotz des erneuten Nicht-Aufstiegs zu Recht so begründet: „Steffen hat noch keine Chance gehabt, hier eine Vorbereitung zu machen. Noch keine Chance, seine Vorstellungen bei Transfers zu äußern.“ Das stimmte. Aber im Sommer hatte Baumgart diese Zeit. Und der Zwischenstand ist ernüchternd. Kuntz’ Plan, am 30. Spieltag auf einem der drei Top-Plätze zu stehen, ist beim nackten Blick auf die Tabelle weiter bestens erreichbar – weshalb Aktionismus in der aktuell unglaublich ausgeglichenen Zweiten Liga der falsche Ratgeber ist.
Inzwischen gibt es aber mehr gefährliche Tendenzen als bloße Ausrutscher. Darüber darf das Tableau nicht hinwegtäuschen. 2:4 in Elversberg, 1:3 in Braunschweig: Nicht die Ergebnisse an sich, sondern das Zustandekommen ist alarmierend. Um konkret zu sein und ohne das ewige Argument „Der HSV braucht endlich Konstanz auf dem Trainerstuhl“ anzuführen: Unmittelbar kann Baumgart für die individuellen Fehler seiner Profis nichts. Und es ehrt ihn, dass er sich nach erschreckenden Auftritten wie in Braunschweig nicht auf einzelne Spieler einschießt, sondern die Verantwortung bei sich sucht. Der Trainer ist aber derjenige, der Lösungen vorlegen muss. Nachhaltig.
HSV-Trainer zogen richtige Schlüsse – Probleme bleiben
Im Sommer hat Baumgarts Team einige richtige Schlüsse gezogen. Es wurde etwa erkannt, dass in den eigenen, jahrelang harmlosen Standards viel mehr Potenzial schlummert – mit Erfolg. Sehr großem sogar. Baumgart hat andere zentrale Probleme aber noch nicht in den Griff bekommen, obwohl es längst ein Bewusstsein gibt für beispielsweise die eklatante defensive Anfälligkeit nach den Halbzeitpausen. Der 52-Jährige hat den HSV nach Walter flexibler gemacht, sich mitunter neu erfunden und sich von überfallartigen Offensiv-Prinzipien teilweise verabschiedet, um die Abwehr stabiler und den HSV aufstiegsfähig zu machen. Das Wissen, nur mit einer starken Abwehr in die Bundesliga zurückkehren zu können, hat die Anzahl unerklärlicher Gegentore bisher jedoch kaum reduziert.
Daniel Elfadli als Stabilisator; Jean-Luc Dompé als Garant für das präferierte Umschaltspiel; Davie Selke als Kopfball-Waffe nach Flanken von Techniker Noah Katterbach; Miro Muheim als Teil einer Abwehr-Dreierkette, weil er ballsicher und gut in der Spieleröffnung ist – Baumgarts Idee ist darauf ausgelegt, dass allein die individuelle Klasse weniger Profis oft spielentscheidend ist. Konstanz über 90 Minuten geht dem HSV jedoch zu oft ab. Und wenn einzelne Bausteine (Spieler) schwächeln, wirkt das Gesamtkonstrukt derart brüchig, dass auch das Endresultat häufig schlecht ist.
Auch HSV-Führungsspieler unter Baumgart in der Krise
Nach Braunschweig beklagte Baumgart die Fehlerketten innerhalb seiner Mannschaft. Unter ihm stecken inzwischen sogar Führungsspieler wie Sebastian Schonlau oder Jonas Meffert, ohne die das HSV-Spiel in der Vergangenheit immerzu ins Wanken geriet, in Formkrisen. Nicht nur ohne, sondern auch mit oder wegen dem Duo waren die Leistungen zuletzt schlecht. Andererseits hat Baumgart in seinen neun HSV-Monaten längst nachgewiesen, dass er Spieler besser machen kann: Katterbach, vor allem Ransford Königsdörffer, auch Ludovit Reis vor dessen Hinrunden-Aus.
Für die zwischenzeitlich heftige Verletztenmisere kann Baumgart nichts, vor allem das monatelange Fehlen von Robert Glatzel wiegt schwer. Der Trainer hat aber angekündigt, dass der Luxuskader, den in dieser Form noch kein Zweitliga-Trainer des HSV vorfand, die Ausfälle auffangen kann. Nach dem Aufstiegs-K.o. in der Vorsaison hatte er im Übrigen gefragt: „Welche Jungs sind die richtigen, um den Angriff auf die Bundesliga anzunehmen? Braucht es nur die besten? Oder auch die, die vielleicht andere Qualitäten haben?“ Es klang nach Umbruch im Kader.
Unter Baumgart stand der HSV nie auf einem Aufstiegsplatz
Vor diesem Hintergrund ist es irritierend, dass HSV-intern als einer der Gründe für die derzeitige Krise nun die Angst mancher Spieler vor dem erneuten Scheitern ausgemacht wird. Denn was Schonlau, Meffert, Daniel Heuer Fernandes und Co. in den vergangenen, stets aufstiegslosen Jahren durchlebt haben und was hemmend wirken könnte, war vor der Saison bekannt. Mindestens.
Randnotiz: In Baumgarts Aufstiegssaison 2018/19 stand der SC Paderborn nach zwölf Spieltagen mit nur 17 Punkten auf dem 10. Platz – während der HSV (aktuell 19 Punkte) Tabellenführer mit 24 Zählern war. Am Ende aber – und anders als der HSV – stieg Baumgart mit dem SCP auf. Er hat also schon bewiesen, dass er einer Mannschaft im Saisonverlauf die richtigen Werkzeuge an die Hand geben kann, damit sie nach dem 34. Spieltag an der Spitze thront. Baumgart weiß aber, dass frühere Erfolge jetzt nicht helfen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt äußerte er im vertraulichen Kreis, dass der Aufstiegsplan von damals nicht als Schablone dienen kann, um beim HSV Gleiches zu erreichen.
Die Realität lautet: Baumgarts momentaner Punkteschnitt von 1,62 pro Spiel wird unter allen Zweitliga-Trainern des HSV nur von Dieter Hecking (1,58 in der Saison 2019/20) unterboten. Mit dem HSV stand der Coach in neun Monaten nie auf einem direkten Aufstiegsplatz. Entmutigend.
HSV-Trainer über Diskussionen: „Werden Ziele erreichen“
Baumgart will die Debatte um seine Person, die etwas mit ihm mache, nicht an sich heranlassen, sagt: „Ich versuche, mich da rauszuhalten, weil die Stimmung in Hamburg innerhalb von 14 Tagen kippen kann – mal positiv, mal negativ.“ Baumgart ist bemüht, öffentlich Zuversicht auszustrahlen: „Ich bin überzeugt, dass wir die Ziele erreichen und auch mit mir erreichen.“
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Das Vertrauen der Spieler scheint ihm dabei weiter sicher zu sein. So sagte Schonlau in Braunschweig, als er zu Wegen aus der HSV-Krise befragt wurde: „Dafür haben wir ein Trainerteam.“ Das jetzt unter Druck steht. Baumgart in vorderster Front muss Kuntz’ Vertrauen rechtfertigen, muss mit Resultaten neue Brandreden des Bosses wie nach Elversberg verhindern. Der Coach muss zügig, schon nach der Länderspielpause gegen Schalke, und vor allem konstant liefern – damit nicht auch er am HSV scheitert.