Von Papierkugel bis Kung-Fu-Tritt: Die heißesten Derbys zwischen HSV und Werder
157 Spiele zwischen dem HSV und Werder Bremen hat es bislang gegeben – und jedes davon schrieb seine eigene Geschichte. Die Fans fiebern wochenlang auf das Derby hin, das nicht nur sportlich brisant ist, sondern auch aufgrund der langen Rivalität der beiden Vereine. Seit dem ersten Aufeinandertreffen vor fast 100 Jahren hat es zahlreiche heiße Duelle, besondere Momente und emotionale Höhepunkte gegeben. Die MOPO stellt die 15 größten Derby-Momente aller Zeiten vor.
1927 – Das erstes Derby zwischen HSV und Werder

13. März 1927: In der Vorrunde der Norddeutschen Meisterschaft treffen der HSV und Werder Bremen erstmals überhaupt in einem Pflichtspiel aufeinander. Rund 7000 Zuschauer sehen den 4:1-Sieg der Hamburger, die zur damaligen Zeit der haushohe Favorit sind. Mit dem Sieg qualifiziert sich das Team für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, scheidet dort jedoch im Viertelfinale gegen den späteren Meister 1. FC Nürnberg aus. Ein Jahr später wird der HSV selbst Deutscher Meister.
1959 – Ein historischer Kantersieg des HSV

5. August 1959: Nie davor und nie wieder danach hat es einen solch hohen Sieg im Derby gegeben. Im Halbfinale des damaligen Norddeutschen Pokals (NOFV-Pokal) besiegt der HSV den Rivalen aus Bremen mit 9:1 und holt später auch den Titel. Da Pokalwettbewerbe zu dieser Zeit statistisch noch nicht umfangreich erfasst werden, sind die Torschützen des Spektakels nicht überliefert. Es gibt später Berichte, die Uwe Seeler mindestens drei Tore zuschreiben.
1963 – Das erste Nordderby in der Bundesliga

12. Oktober 1963: Auch im ersten Aufeinandertreffen der neu gegründeten Bundesliga trifft Seeler. Für einen Sieg reicht es dieses Mal allerdings nicht, Bremen gewinnt die Premiere mit 4:2. Arnold „Pico“ Schütz erzielt drei Treffer und wird später erzählen, dass er von der Prämie seine Familie zum Essen einlädt. Es ist der Auftakt einer Bremer Serie von acht ungeschlagenen Derbys in Folge. Der HSV hat auch in den folgenden Jahren teilweise deutlich (0:4, 1:5) das Nachsehen.
1967 – Eine Auswechslung geht in die Geschichte ein

19. August 1967: Die wenigsten Fans wissen, dass im Derby 1967 in Bremen ein historischer Moment für die Ewigkeit passiert. In der 18. Minute verletzt sich HSV-Torhüter Özcan Arkoc und kann nicht weiterspielen, sein kleinen Finger ist gebrochen. Für ihn geht nach 20 Minuten schließlich Ersatztorwart Erhard Schwerin ins Tor. Das Besondere daran: Es ist die erste Auswechslung aller Zeiten in der Bundesliga. In der Sommerpause wird die Regelung im Fußball neu eingeführt, doch im Eröffnungsspiel zwischen dem MSV Duisburg und Borussia Dortmund am Vortag (2:2) verzichten beide Trainer noch auf die Neuerung. Somit gehen der HSV und Arkoc an jenem 1. Spieltag in die Geschichte ein. Nach frühem Rückstand endet das Spiel noch mit 4:1 für die Hamburger.
1971 – Werder muss in HSV-Trikots spielen

27. November 1971: Für eine kuriose Situation sorgt Schiedsrichter Walter Eschweiler in der Hinrunde der Saison 1971/72. Der Referee ist der Meinung, dass sich die Trikots der beiden Teams zu stark ähneln – der HSV spielt damals in weißen Trikots und roten Hosen, Werder ebenfalls in den rot-weißen Landesfarben. Eschweiler fordert die Gäste aus Bremen in der Halbzeit dazu auf, die Trikots zu wechseln, die jedoch haben gar keine Ersatztrikots mitgebracht. Also müssen die Werder-Profis in der zweiten Hälfte in den blauen Ausweichtrikots des Erzrivalen HSV spielen. Neben der größtmöglichen Schmach gibt es dann auch noch eine 1:2-Niederlage.
1982 – Der tragische Fan-Tod von Adrian Maleika

16. Oktober 1982: Der 3:2-Sieg des HSV in der 2. Runde des DFB-Pokals gerät an diesem Tag völlig in den Hintergrund. Auf dem Weg in den Volkspark attackieren Hooligans eine Gruppe von Werder-Fans und verletzen den erst 16 Jahre alten Adrian Maleika tödlich mit einem Stein am Kopf. Maleika stirbt am nächsten Tag im Krankenhaus, es ist der erste Tod durch Fan-Gewalt in Deutschland. Der Vorfall sorgt für großes Aufsehen und belastet das Verhältnis der beiden Rivalen noch stärker. Drei Mitglieder des HSV-Fanclubs „Die Löwen“ werden ein Jahr später letztlich vor Gericht verurteilt.
1989 – Ditmar Jakobs hängt im Karabiner fest

20. September 1989: Auch beim 4:0 sieben Jahre später ist das Ergebnis nur eine Randnotiz. HSV-Star Ditmar Jakobs rettet beim Stand von 0:0 nach einer Viertelstunde für seinen geschlagenen Torwart Richard Golz auf der Torlinie und rutscht dabei ins Tor. Ein Karabiner, der das Netz an der Torstange zusammenhält, ist nicht richtig befestigt und bohrt sich in den Rücken des Verteidigers. Erst nach fast 20 Minuten kann er von Rettungskräften aus der schmerzhaften Lage befreit werden – ein Arzt schneidet ihm den Karabinerhaken noch auf dem Platz aus der Wunde. Für Jakobs, der sein 493. Bundesliga-Spiel bestreitet, ist diese Szene das Ende seiner Karriere.
2004 – Meisterhafte Bremer überrollen den HSV

1. Mai 2004: Am 31. Spieltag sorgt eine furiose Werder-Mannschaft für den höchsten Bremer Sieg aller Zeiten gegen den HSV. Eingeleitet durch ein Eigentor von Sergej Barbarez, fallen die Hamburger zunehmend auseinander – später treffen unter anderem die Topstars Ivan Klasnic, Aílton und Nelson Valdez. Mit 6:0 fertigen die Grün-Weißen den HSV am Ende im eigenen Stadion ab und feiern eine Vorentscheidung im Kampf um die Deutsche Meisterschaft. Eine Woche später macht Werder den Titel perfekt, holt kurz darauf auch noch den DFB-Pokal und damit das Double.
2006 – Klose entscheidet Champions-League-Duell

13. Mai 2006: Wenn das Nordderby am 34. Spieltag einer Saison steigt, hat es meist eine zusätzliche sportliche Brisanz. Im Besonderen gilt das für die Saison 2005/06. Vor dem letzten Spiel steht der HSV einen Punkt vor Werder auf Platz zwei der Tabelle, der damals zur direkten Qualifikation für die Champions League berechtigt. Das direkte Duell bringt die Entscheidung – und dort ausgerechnet Miroslav Klose. Der Stürmer, der wenige Wochen später zum WM-Helden beim Sommermärchen 2006 wird, erzielt in der 72. Minute den 2:1-Siegtreffer für Bremen. Die Gäste feiern daraufhin ausgelassen im Volkspark und qualifizieren sich für die Königsklasse.
2008 – Der Kung-Fu-Tritt von Wiese gegen Olic

7. Mai 2008: Kaum ein Bild ist so eng mit dem Derby verbunden wie der Kung-Fu-Tritt von Tim Wiese. Wieder geht es am 32. Spieltag um eine Vorentscheidung im Kampf um die Champions-League-Plätze, als der Bremer Torhüter in der 42. Minute aus seinem Tor eilt. Er tritt am Ball vorbei und trifft stattdessen HSV-Stürmer Ivica Olic mit gestrecktem Fuß an der Schulter – und das nur, weil Olic im letzten Moment den Kopf wegdrehen kann. Franz Beckenbauer, damals TV-Experte, nennt die Situation „schon fast ein Mordversuch“. Wiese sieht für diese denkwürdige Szene übrigens nur Gelb von Schiedsrichter Lutz Wagner. Am Ende gewinnt Werder mit 1:0.
2009 – Vier legendäre Spiele in nur 19 Tagen

22. April 2009: Im Frühjahr 2009 sorgen die Losfeen für eine kuriose und beinahe filmreife Derby-Konstellation. Der HSV und Werder treffen nicht nur regulär in der Bundesliga aufeinander, sondern auch im Halbfinale des DFB-Pokals und auch im UEFA-Cup-Halbfinale (Hin- und Rückspiel). Vier direkte Duelle in 19 Tagen. Und in allen drei Wettbewerben geht es in diesen Spielen für beide Vereine um alles. Zum Auftakt im DFB-Pokal wird ausgerechnet der aus dem Vorjahr negativ in Erinnerung gebliebene Tim Wiese zum Helden. Der Keeper pariert im Elfmeterschießen sensationell drei der vier HSV-Strafstöße von Jerome Boateng, Ivica Olic und Marcell Jansen.
2009 – Eine Papierkugel sorgt für das HSV-Aus

7. Mai 2009: Nachdem der HSV das UEFA-Cup-Hinspiel mit 1:0 in Bremen gewonnen hat, geht das Rückspiel als vielleicht denkwürdigstes Nordderby aller Zeiten in die Geschichte ein. Michael Gravgaard stolpert zehn Minuten vor dem Ende über eine Papierkugel, die zuvor Teil einer HSV-Choreografie gewesen ist. Die folgende Ecke verwandelt Werder-Kapitän Frank Baumann zum vorentscheidenden 3:1. Weil die Bremer letztlich mit 3:2 gewinnen und bei 3:3 in Summe damals noch die Auswärtstorregel gilt, scheidet der HSV auch aus dem UEFA-Cup aus. Drei Tage später verliert er auch in der Bundesliga mit 0:2.
2021 – Erstmals ein Derby in der 2. Liga

18. September 2021: Im Jahr 2018 kann der HSV nach vielen Jahren des knappen Klassenerhalts den Abstieg aus der Bundesliga nicht mehr verhindern. Auch Bremen steigt 2021 ab, sodass es erstmals überhaupt zu einem Aufeinandertreffen in der 2. Liga kommt. Wegen der Corona-Pandemie ist die Zuschauerzahl noch begrenzt, nur 21.050 Fans dürfen live dabei sein. Sie sehen ein rasantes Nordderby, in dem die Kapitäne Christian Groß und Sebastian Schonlau beide mit Gelb-Rot vom Platz fliegen. Moritz Heyer und Robert Glatzel treffen zwar zum 2:0-Sieg für den HSV, am Ende der Saison steigt Werder aber trotzdem nach nur einem Jahr direkt wieder auf.
2025 – Zuschauer-Rekord im Derby der Frauen

23. März 2025: Bei den Männern ist ein ausverkauftes Stadion längst keine Seltenheit mehr. Das DFB-Pokal-Halbfinale zwischen den Frauen-Teams des HSV und Werder Bremen hingegen bricht im März 2025 alle Rekorde. 57.000 Fans sehen im Volksparkstadion einen 3:1-Sieg nach Verlängerung für den grün-weißen Favoriten. Die HSV-Frauen, die einige Wochen später ebenfalls in die Bundesliga aufsteigen, werden trotzdem gefeiert. Die Partie stellt eine neue Bestmarke für die meisten Zuschauer bei einem Frauenfußballspiel in Deutschland auf Vereinsebene auf. Auch in der Bundesliga werden die HSV-Frauen in der darauffolgenden Saison dauerhaft ins Volksparkstadion umziehen und dort einen der höchsten Zuschauerschnitte der Liga haben.
2025 – Ein Traumtor macht Vuskovic zum Helden

7. Dezember 2025: Nach der Rückkehr des HSV ins Fußball-Oberhaus steigt das Nordderby endlich wieder in der Bundesliga. Im ersten Wiedersehen auf der großen Bühne erzielt der 18-jährige Abwehr-Star Luka Vuskovic mit der Hacke ein Traumtor, das später zum Tor des Monats gewählt wird. Neben Vuskovic krönt sich Yussuf Poulsen zum Derby-Helden, der in der 84. Minute den 3:2-Siegtreffer für den HSV erzielt – sein erstes Tor überhaupt für die Hamburger. Und der erste Sieg gegen Werder in der Bundesliga seit 2016.
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