HSV
„Vielleicht war es einfach zu früh“: Ex-HSV-Shootingstar Sanne will’s wieder wissen
Als 18-Jähriger feierte Tom Sanne sein Debüt bei den HSV-Profis – doch der Durchbruch blieb aus. Nun startet der Niendorfer einen neuen Anlauf im Norden.
Das Fußballgeschäft ist brutal. Einer, der das weiß, ist Tom Sanne – einst ein hoffnungsvolles HSV-Talent. Jetzt will der Stürmer einen neuen Anlauf nahe der Heimat wagen und beim ambitionierten Regionalligisten SV Drochtersen/Assel vor den Toren Hamburgs wieder auf sich aufmerksam machen. An der Elbe fühlt er sich gewollt – endlich. Denn das war in den vergangenen zwei Jahren anders. Einmal HSV-Traum und zurück.
Der Tatendrang klingt beim gebürtigen Niendorfer bei jedem Satz durch, wenn er über seine neue Aufgabe spricht. „Viele Gespräche“ hat Sanne vor seinem Wechsel nach Drochtersen mit Trainer Oliver Ioannou geführt. Schnell war das Gefühl da, „dass er auf mich setzt“. Ein Spielsystem mit zwei Angreifern – das liegt Sanne, der seine Stärken nicht nur im Strafraum hat, sondern auch zwischen den Linien des Gegners.
Das erkannte vor fast vier Jahren auch der ehemalige HSV-Trainer Tim Walter und ließ den nur 1,72 Meter großen, aber physisch starken U19-Angreifer bei den Profis trainieren. „Der Kleine“ wurde Sanne vom heutigen Kiel-Coach liebevoll genannt. Sanne hat Walter „alles zu verdanken, was er damals erleben konnte“. Und das hatte es in sich.
Kam das Profi-Debüt für Sanne beim HSV zu früh?
Am 23. Oktober 2022 erfüllte sich Tom Sanne seinen großen Traum. Als HSV-Fan seit Kindheitstagen lief der damals 18-Jährige erstmals für die Profis im Volksparkstadion auf – und er schoss sogar ein Tor. Was sich damals wie der Beginn einer langen Reise im Profifußball anfühlte, löst heute „gemischte Gefühle“ im mittlerweile 22-Jährigen aus.
„Ich werde meinen Kindern davon erzählen“, sagt Sanne mit Blick auf seinen Treffer vor 57.000 Zuschauern zum 2:3 gegen Magdeburg. „Aber dass ich danach nie die richtige Chance bekommen habe, hatte mich mehr getroffen, als es von außen vielleicht ersichtlich war. Vielleicht war es auch einfach zu früh.“
Auf den einminütigen Einsatz inklusive Tor folgten noch ein weiterer bei einer 0:1-Niederlage in Fürth (neun Minuten) und vier Kadernominierungen in der Zweitliga-Saison 2022/23. Obwohl er nach der Spielzeit seinen ersten Profivertrag beim HSV unterschrieb, folgten keine weiteren Auftritte mehr im heimischen Volksparkstadion. Sanne zerschoss in der folgenden Saison die Regionalliga Nord, erzielte 24 Treffer für die U21, wurde Torschützenkönig. Doch als der HSV Tim Walter ersetzte und trotz verpassten Aufstiegs mit Nachfolger Steffen Baumgart in die neue Saison ging, war die Tür für Sanne endgültig zu.
Sanne wurde vom eigenen Ehrgeiz gebremst
„Mir wurde gesagt, dass der Trainer nicht auf mich steht“, erinnert sich Sanne, dem zudem András Németh vor die Nase gesetzt wurde, der bekanntermaßen keine Erfolgsgeschichte im Volkspark schrieb. Es folgte eine Leihe zu Hannover 96 II in die 3. Liga. Ein logischer Schritt für den jungen Stürmer. Was Sanne noch nicht wusste: Es war der Beginn einer langen Leidenszeit.
In Hannover ging es gut los. Erstes Drittliga-Spiel, erstes Tor, Stammspieler. Und dann gab es die erste heftige Delle in einer aufstrebenden und noch immer nach Plan verlaufenden Karriere. Sanne verletzte sich, aber machte einfach weiter. Trotz Schmerzen im linken Fuß trainierte und spielte er. Auf dem Niveau unmöglich, wie er feststellen musste. Die Leistungen wurden schwächer, er landete auf der Bank, war nur noch Joker oder kam sogar überhaupt nicht mehr zum Einsatz. Aber er sagte nichts.
In den Niederlanden erlebte er ein Albtraum-Jahr
„Ich wollte unbedingt eine gute Saison spielen und zurück zum HSV. Das war mein Traum. Deshalb habe ich weitergemacht“, erklärt Sanne. „Heute kenne ich meinen Körper gut und weiß, dass es ein Fehler war. Ich trage dafür die Verantwortung. Da hat mir mein Ehrgeiz nicht geholfen.“ Erst im Winter unterzog er sich genaueren Untersuchungen, bei denen festgestellt wurde, dass die Syndesmose schwerwiegender verletzt war und „eigentlich hätte operiert werden müssen“. Das Band heilte mit Verzögerung dennoch. „Ich dachte mir, wenn ich die Saison wegen einer Verletzung unterbreche, ist mein Traum vorbei“, sagt Sanne heute. „So, wie es dann gelaufen ist, war er es dennoch.“
Denn in Hannover hatte sich der Wind schon längst gedreht. Abstiegskampf. Trainer Daniel Stendel passte die Spielweise an, wofür er einen großgewachsenen Stürmer brauchte. Der war und ist Sanne nicht. Es folgte in der Rückrunde 2024/25 der Leihabbruch und ein erneuter Wechsel auf Zeit – dieses Mal in die zweite Liga der Niederlande zum FC Dordrecht. Der Rhythmus war weg, das Selbstvertrauen ebenso. Sanne spielte nie von Beginn an, sammelte nur wenige Minuten, erzielte kein Tor und hatte sich „mehr erhofft“.
Das Jahr, in dem er Spielpraxis auf hohem Niveau sammeln, sich für die HSV-Profis empfehlen wollte, wurde zum Albtraum. „Heute weiß ich, dass es gut war, auch mal die Schattenseiten zu erleben“, sagt ein aufgeräumter, gereifter Sanne, der den HSV 2025 ganz verließ und zu Wacker Burghausen in die Regionalliga Bayern wechselte.
Sanne und seine Parallelen zu Deniz Undav
Dass das verkorkste Jahr Spuren hinterlassen hatte, spürte Sanne, der parallel ein BWL-Studium begann, in der Hinrunde noch. Im Saisonfinale gehörte er dann aber zum Stammpersonal und fühlte „sich endlich wieder gut“. Dabei half ihm auch das Studium, wodurch er vom Fußball abschalten konnte. Zu sehr hatten die negativen Erfahrungen an ihm genagt.
Doch das liegt nun hinter ihm. Der Blick geht nach vorn. In Drochtersen wartet ein ambitioniertes Projekt. Die Niedersachsen wollen als amtierender Vizemeister um den Aufstieg in die 3. Liga spielen. Sanne will mit Toren dabei helfen, ist hungrig und trainiert täglich für den Traum vom Profifußball, den er noch nicht abgehakt hat. „Ich bin 22. Ich glaube nicht, dass es schon vorbei ist“, sagt er und nennt mit einem Grinsen ein prominentes Beispiel: „Bei Deniz Undav ging es auch erst spät richtig los.“ Parallelen in der Spielweise sind auf jeden Fall erkennbar. Undav startete damals in Meppen in der 3. Liga durch. Da will Sanne wieder hin – am besten mit Drochtersen.
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