„Unfassbar eigentlich“: Weltmeister macht dem HSV Europa-Hoffnung
Hut ab vor der Arbeit im Breisgau. Wenn man Verantwortliche des HSV in jüngerer Vergangenheit fragte, welchen Verein man sich als Vorbild nehmen könne, um kontinuierlich zu wachsen und sich dauerhaft wieder in der Bundesliga zu etablieren, fiel auch der Name des SC Freiburg immer wieder. Der Sportclub hat es geschafft, seinem Weg treu zu bleiben und sich von Rückschlägen wie dem Bundesliga-Abstieg 2015 nicht beirren zu lassen. Die Belohnung: mehrere Europapokal-Teilnahmen in den vergangenen Jahren. Ein SC-Profi, der vieles von dem miterlebt hat und die Bundesliga bestens kennt, macht dem HSV nun große Hoffnungen.
Zusammenfassung:
- Ginter sieht SC Freiburg als HSV-Vorbild für kontinuierliches Wachstum in der Bundesliga
- Matthias Ginter absolvierte sein 400. Bundesliga-Spiel und wurde 2014 Weltmeister
- Freiburg, Frankfurt und Stuttgart als Beispiele für beeindruckende Vereinsentwicklung.
Wer mehr als 400 Partien im deutschen Oberhaus bestritten hat, der kennt die Tücken dieses Geschäfts. Deshalb sollte man genau zuhören, wenn Matthias Ginter über seine Karriere und seine Erfahrungen spricht. Vor zweieinhalb Wochen bestritt der Weltmeister von 2014 sein 400. Bundesliga-Duell und wurde zum einzigen noch aktiven Feldspieler, der diese beachtliche Marke knackte. Über ihm thronen nur die Keeper Manuel Neuer (FC Bayern, 541 Einsätze) und Oliver Baumann (TSG Hoffenheim, 512). Hinter Ginter folgen Maximilian Arnold (VfL Wolfsburg, 395), Julian Brandt (BVB, 372) sowie sein Freiburger Teamkollege Christian Günter (362).
Freiburg als HSV-Vorbild: Matthias Ginter über den SC-Weg
Ginter und Günter zählen zu den schillerndsten Figuren dieses SC-Jahrtausends. Während Kapitän Günter Freiburgs Rekordspieler ist (457 Pflichtspiele) und seit 2006 ununterbrochen im Breisgau kickt, verließ Ginter seinen Heimatverein zwischendurch und lief – nach dem WM-Titel in Brasilien – zunächst für Dortmund (2014 bis 2017) und später für Borussia Mönchengladbach auf (2017 bis 2022). Vor dreieinhalb Jahren kehrte der Innenverteidiger dann in den Südwesten der Republik zurück – zum SC, der sich unter Christian Streich gerade sensationell für die Europa League qualifiziert hatte. 2022/23 und 2023/24 ging es für Ginter und Co. in diesem Wettbewerb bis ins Achtelfinale, in der aktuellen Saison beendete Freiburg die Gruppenphase auf dem starken siebten Platz und steht erneut in der Runde der letzten 16.

Der Höhenflug setzt sich nach dem Ende der Ära Streich, der von 2011 bis 2024 zur SC-Legende wurde, auch unter dem neuen Coach Julian Schuster fort – wenngleich das manche Fußballfans gar nicht auf dem Schirm haben. „Es ist dieses Klischee: die Studentenmannschaft von früher“, hat Ginter registriert. „Aber es hat sich einfach verändert.“ Der 32-Jährige erklärt im Podcast „Copa TS“ das neue Freiburger Anspruchsdenken: „Wenn wir gewinnen, aber nicht ansehnlich spielen, ist es mittlerweile in Freiburg so: Boah, es war jetzt aber nicht so, dass wir die hergespielt haben. Das ist die Fluch der guten Taten.“ So in etwa dürfte es den SC-Profis auch Mitte Januar ergangen sein, als sie den HSV zum Auftakt ins neue Jahr etwas glücklich (und mithilfe des Schiedsrichters) mit 2:1 besiegten.
Auch Frankfurt und VfB Stuttgart als positive Beispiele
Ginter ist happy darüber, dass in Freiburg mittlerweile größer, ambitionierter gedacht wird. „Es ist immer unser Ziel gewesen, als Mannschaft und als Verein zu wachsen. Das haben wir die letzten Jahre geschafft“, sagt der 51-malige A-Nationalspieler, der noch auf ein WM-Ticket von Julian Nagelsmann für das Turnier in diesem Sommer schielt. Bei Konkurrenten wie dem VfL Wolfsburg oder Borussia Mönchengladbach, die sich aktuell im Abstiegskampf befinden, hätte man sich im SC-Lager „vor fünf oder zehn Jahren gesagt: keine Chance, in der Liga vor denen zu stehen“. Das dies heute anders aussehe, sei „ein Verdienst von ganz vielen Leuten, die jahrelang hier gearbeitet haben“, lobt Ginter, der sich voll mit dem Freiburger Weg identifiziert. Der Abwehrmann verweist aber zugleich darauf, dass auch andere deutsche Vereine eine beeindruckende Entwicklung hinter sich haben.

Da ist zum Beispiel Eintracht Frankfurt, das vor 15 Jahren kurz mal ein Zweitligist war und inzwischen ein absoluter Topklub ist – national wie international, wie der Europa-League-Triumph 2022 und die diesjährige Champions-League-Teilnahme belegen. Und da ist auch der VfB Stuttgart, „der vor nicht allzu langer Zeit im Abstiegskampf und in der 2. Liga war“, wie Ginter weiß. „Manchmal braucht es diesen einen Moment. Bei Stuttgart war es der Trainerwechsel.“ Dank Chefcoach Sebastian Hoeneß verhinderte der VfB in der Relegation gegen HSV (3:0/3:1) den erneuten Zweitliga-Absturz, die Schwaben wurden danacg Vizemeister, Königsklassen-Klub und DFB-Pokal-Sieger. Das nötigt Ginter Respekt ab. Und der Routinier glaubt, dass für den HSV in naher Zukunft Ähnliches drin ist.
Ginter über den HSV: „Sie haben viel mit Leihen gemacht“
„Klar, sie haben jetzt viel mit Leihen gemacht“, weiß Ginter um die Hamburger Top-Transfers mit Luka Vuskovic, Fábio Vieira und Co. Diese Leih-Deals werden dem HSV in der kommenden Saison vermutlich nichts mehr bringen. Doch Ginter verweist auf die guten Voraussetzungen im Volkspark: „Sie sind natürlich auch als Stadt, als Verein, als Stadion unfassbar eigentlich.“ Und weil in der Bundesliga alles „sehr schnelllebig verlaufe“, hält er es für möglich, dass strukturstarke Traditionsvereine wie der HSV sich zügig wieder in höheren Tabellenregionen etablieren werden.
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Ginters Schlussatz im Podcast: „Wenn die richtigen Leute da sind, es ein bisschen in die Hand nehmen und im Endeffekt die richtigen Entscheidungen treffen, dann geht es schon, gerade in der Bundesliga in Richtung Europa zumindest eine Tuchfühlung zu haben.“ Dem SC Freiburg ist dies gelungen. Bald auch wieder dem HSV?
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