Trotz verpassten Aufstiegs: Simon Terodde hält bis heute einen irren HSV-Rekord
Simon Terodde ist der Inbegriff der 2. Bundesliga. Viermal schoss sich der Stürmer aus dem Ruhrgebiet zum Torschützenkönig in der 2. Liga, mit drei verschiedenen Vereinen gelang ihm der Aufstieg – nur nicht mit dem HSV. Nicht einmal mit dem Zweitliga-Rekordtorschützen schafften die Hamburger 2021 den Sprung zurück in die Bundesliga. Und das, obwohl Terodde auch in seiner einzigen Saison im Volkspark herausragend performte und einen unglaublichen HSV-Rekord für die Ewigkeit aufstellte – der bis heute und vermutlich noch sehr lange Bestand haben wird. Die MOPO erzählt im Rahmen einer Porträt-Reihe über Hamburger Fußball-Profis seine Geschichte.
Man kann wohl behaupten, dass er sehr genau weiß, wo das Tor steht. Mit 177 Toren in 311 Spielen ist Terodde bis heute Rekordtorschütze in der 2. Bundesliga. Gleich viermal holt er die Torjägerkanone – mit vier verschiedenen Vereinen – und gleich dreimal schafft er den Aufstieg in die Bundesliga – mit drei verschiedenen Vereinen. Das hat kein anderer vor ihm geschafft. Der einzige Klub, der in jeder dieser Aufzählungen allerdings komplett fehlt, ist der HSV.
Als Kind baut Terodde noch Sandburgen auf dem Platz
Terodde, ein gelernter Industriemechaniker aus Bocholt, beginnt seine Karriere im Alter von fünf Jahren beim Kreisligisten SV Krechting – und zwar auf Asche. Und das auch nur, weil sein eigener Vater ihn trainiert. „Da ging es nur am Rande um sportliche Erfolge. Einige Jungs haben während des Spiels noch Sandburgen auf dem Platz gebaut“, erinnert sich Terodde zu seiner HSV-Zeit in den Vereinsmedien. Trotzdem entdeckt er genau dort seine Leidenschaft.

Über den VfL Rhede und den 1. FC Bocholt wechselt der Angreifer ins Nachwuchsleistungszentrum des damaligen Zweitligisten MSV Duisburg. Terodde ist zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt, macht nebenbei gerade seinen Realschulabschluss und später seine Ausbildung, für die er jeden Tag um 5 Uhr morgens seine Schichten beginnt, um nachmittags auf dem Trainingsplatz stehen zu können. Täglich pendelt er eineinhalb Stunden hin und zurück zum Training nach Duisburg. Freizeit hat Terodde fast keine.
„Genau in dieser Phase begann auch die Zeit der Stadtfeste und Abi-Partys, da mussten meine Kumpels dann aber allein abliefern. Ich bin samstags zu Hause geblieben und habe mich auf die Spiele am Sonntag vorbereitet. Das Pensum war insgesamt schon sehr sportlich, gleichzeitig wurde so aber auch die Disziplin geschärft, die für den Profitraum einfach vonnöten war.“
Terodde 2021 im HSV-Stadionmagazin über seine Zeit in Duisburg
Die harte Arbeit zahlt sich aus. 2007 wird Terodde bereits Torschützenkönig der A-Jugend-Bundesliga West und macht viele Vereine auf sich aufmerksam. Trotzdem bleibt er zunächst in Duisburg, schafft den Sprung zu den Profis und gibt dort verletzungsbedingt etwas verspätet sein Zweitliga-Debüt. Nach zwei Jahren geht’s für eine Saison auf Leihbasis zu Fortuna Düsseldorf, wo ihn abermals Verletzungen ausbremsen. Sowohl in Duisburg (zwei Einsätze) als auch in Düsseldorf (acht) und danach beim 1. FC Köln (fünf) will es nicht so richtig laufen für Terodde.
In Berlin und Bochum gelingt ihm der große Durchbruch
Das ändert sich erst im Jahr 2011, als er zum 1. FC Union Berlin wechselt. Direkt in seiner ersten Saison schießt Terodde acht Tore und ist damit erfolgreichster Torschütze des Vereins in der 2. Liga. Aus der Leihe nach Berlin wird eine Fest-Verpflichtung – und der Durchbruch. Auch in der darauffolgenden Saison (zehn Tore, fünf Vorlagen) ist Terodde bester Schütze von Union, wird ein Jahr später unter Neu-Trainer Norbert Düwel allerdings aussortiert. Also orientiert er sich neu und kehrt wieder in seine Heimat zurück – nach Bochum.

Spätestens jetzt ist Terodde endgültig ein gefürchteter Zweitliga-Torjäger. In den Saisons 2014/15 (19 Pflichtspieltore) und 2015/16 (28 Pflichtspieltore) schießt sich der Angreifer zunehmend in einen Lauf und krönt sich 2016 mit 25 Treffern in der 2. Liga erstmals zum Torschützenkönig. Auch dank ihm landet Bochum auf einem starken fünften Tabellenplatz, hat im Aufstiegsrennen gegen den SC Freiburg, RB Leipzig und den 1. FC Nürnberg aber keine Chance.
Terodde schießt Stuttgart 2017 zum Bundesliga-Aufstieg
Als Terodde im Sommer 2016 mit dem VfB Stuttgart sein nächstes Kapitel aufschlägt, kommt neben seiner Torjäger-Serie nun auch noch der mannschaftliche Erfolg dazu. Abermals wird er mit 25 Toren zum Zweitliga-Torschützenkönig und steigt mit den Schwaben in die Bundesliga auf, wo er allerdings nicht mehr so richtig zum Zug kommt. Die logische Konsequenz: Terodde wechselt zurück in die 2. Liga zum 1. FC Köln – und wiederholt seine Geschichte. Wiederum erzielt er 29 Treffer, wird Torschützenkönig und schafft mit dem „Effzeh“ den Aufstieg.

Die Bilanz von Terodde in der 2. Bundesliga
| Saison | Verein | Spiele | Tore |
|---|---|---|---|
| 2023/24 | FC Schalke 04 | 28 | 5 |
| 2021/22 | FC Schalke 04 | 30 | 30 |
| 2020/21 | HSV | 33 | 24 |
| 2018/19 | 1. FC Köln | 33 | 29 |
| 2016/17 | VfB Stuttgart | 32 | 25 |
| 2015/16 | VfL Bochum | 33 | 25 |
| 2014/15 | VfL Bochum | 33 | 16 |
| 2013/14 | 1. FC Union Berlin | 27 | 5 |
| 2012/13 | 1. FC Union Berlin | 33 | 10 |
| 2011/12 | 1. FC Union Berlin | 27 | 8 |
| 2008/09 | MSV Duisburg | 2 | 0 |
Weil er auch in Köln nach dem Aufstieg in die Bundesliga nicht mehr so richtig in Fahrt kommt, will Terodde sein Kunststück ein drittes Mal schaffen – diesmal mit dem HSV. Der erhofft sich, nach der wiederholt verpassten Erstliga-Rückkehr eine Art Aufstiegs-Versicherung verpflichtet zu haben. Doch der Plan vom Torjäger- und Aufstiegs-Hattrick geht in Hamburg nicht auf.
Beim HSV verpasst Terodde Aufstieg und Torjägerkanone
Mit inzwischen 32 Jahren schlägt Terodde zwar auch beim HSV voll ein, schießt 17 Tore in den ersten 17 Spielen (darunter sechs Doppelpacks) und die Hamburger zur Winterpause souverän an die Tabellenspitze. Doch auch mit dem Knipser passiert das, was damals in jeder Saison passiert: Der HSV bricht im Frühjahr ein. Und mit ihm Terodde, der nach dem 20. Spieltag nur noch fünf Treffer erzielt. Alle Ziele werden verfehlt, Hamburg verpasst wieder einmal den Aufstieg – und auch der Stürmer selbst holt diesmal nicht seine Torjägerkanone (drei Tore weniger als Serdar Dursun von Darmstadt).

Trotzdem hinterlässt er in Hamburg einen bleibenden Eindruck. Lothar Matthäus etwa fordert zu dieser Zeit, dass Terodde in der deutschen Nationalmannschaft eine Chance bekomme, für die er in seiner gesamten Karriere übrigens nicht ein einziges Mal nominiert wird. Dafür aber schafft er einen Eintrag in die Geschichtsbücher des HSV: Kein Stürmer hatte je eine bessere Tor-Quote als Terodde. Mit 24 Treffern in 33 Partien (durchschnittlich 0,73 Tore pro Spiel) ist er der effektivste Stürmer, den der HSV je hatte. Nicht einmal Horst Hrubesch oder Uwe Seeler hatten eine solch gute Quote.
Nach HSV-Aus folgt noch einmal der Aufstieg mit Schalke
Nach dem missglückten Jahr beim HSV verlängert Terodde seinen Ein-Jahres-Vertrag dennoch nicht, sondern nimmt beim FC Schalke 04 einen neuen Anlauf. Dort läuft es dann wieder genau so, wie der Star-Angreifer es kennt und liebt: 30 Tore in 30 Spielen, Torschützenkönig der 2. Bundesliga und Aufstieg am Ende der Saison. Legendär wird vor allem sein Interview am 33. Spieltag nach dem 3:2-Sieg gegen den FC St. Pauli, mit dem die Schalker den Aufstieg perfekt machen – weil Doppeltorschütze Terodde vom Jubeln schon so heiser ist, dass ihm vor laufender Kamera die Stimme versagt.

Auf Schalke lässt er dann auch seine Karriere ausklingen. In der Bundesliga und nach dem direkten Wiederabstieg in die 2. Liga schießt er noch jeweils fünf Tore pro Saison, ehe er 2024 im Alter von 36 Jahren seine aktive Karriere beendet und jetzt nur noch gelegentlich in der Icon League kickt. Doch ein echter Zweitliga-Experte bleibt Terodde bis heute – nur nicht mehr auf, sondern jetzt neben dem Platz. Seither ist der Ex-Profi regelmäßig als Experte für die 2. Liga beim Pay-TV-Sender Sky zu sehen.
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