„Scheiß-Timing“: HSV-Krimi mit Rot, Elfer-Chaos – und einem Punkt
Ein offensives „Feuerwerk“ wollte Merlin Polzin gegen den FC Augsburg sehen und stellte dafür erstmals seit sechs Wochen Robert Glatzel in die Startelf. Was der HSV-Trainer im Heimspiel am Samstagnachmittag bekam, war aber kein fußballerischer Leckerbissen – sondern eine Angelegenheit, die lange sehr zäh war, erst spät turbulent wurde und 1:1 ausging. Es gab eine Rote Karte, Elfer-Chaos und am Ende geteilte Punkte.
Was wäre passiert, wenn Luka Vuskovic den Ball in der 63. Minute nicht an den Pfosten, sondern ins Augsburger Tor geköpft hätte? Dieser Gedanke dürfte einigen Fans beim Verlassen des Volksparks gekommen sein – und auch den HSV-Profis, als sie nach Abpfiff vor die Nordtribüne schlichen. Sie wirkten trotzdem einigermaßen zufrieden, denn sie hatten mehr als 30 Minuten lang mit einem Mann weniger spielen müssen. Es war Miro Muheim, der heruntergeflogen war und nach dem Schlusspfiff aufatmete: „Einfach nur Kompliment an die Mannschaft.“ Weil ohne ihn auf dem Platz zumindest der eine Punkt abgesichert wurde. Man wollte das Positive sehen im HSV-Lager.
HSV trennt sich im Heimspiel mit 1:1 vom FC Augsburg
Rund 60 Sekunden nach Vuskovic‘ Großchance war Muheim im Duell mit Anton Kade gestolpert, brachte den FCA-Offensivmann unabsichtlich, aber doch klar regelwidrig zu Fall und kassierte Rot, weil Referee Deniz Aytekin auf Notbremse entschied (64.). „Es war ein Scheiß-Timing“, wusste Muheim hinterher. „In der Phase war das echt bitter.“ Denn der HSV hatte sich kurz vor der Roten Karte erfolgreich ins Spiel gearbeitet. Das hatte sich so zunächst nicht abgezeichnet. „Wir haben uns ein bisschen mehr vorgenommen, vor allem in der ersten Halbzeit“, gestand Muheim.
Vuskovic war überhaupt nicht einverstanden mit dem Freilaufverhalten seiner Kollegen in den ersten 30, 40 Minuten. Der 19-jährige Abwehrchef klagte mit Gesten über zu wenig Bewegung seiner Vorderleute, über kaum Anspielstationen. Der FCA positionierte sich tief, nachdem er durch Arthur Chaves in Führung gegangen war (22.). Dabei sah William Mikelbrencis nach einem Freistoß der Gäste nicht gut gegen Vorlagengeber Cédric Zesiger aus.

Zuvor hatte es auf beiden Seiten nur Halbchancen gegeben. Das von Polzin angekündigte Offensivspektakel blieb lange aus und seine Maßnahmen fruchteten nicht wirklich. Albert Sambi Lokonga übernahm den Job des gelbgesperrten Nicolai Remberg im Mittelfeld, Ransford Königsdörffer spielte etwas weiter vom gegnerischen Tor entfernt als üblich und Glatzel wurde zunächst kaum gefüttert. Die ersten guten Gelegenheiten hatte der HSV erst kurz vor der Pause: Den Außenrist-Schuss von Philip Otele lenkte Finn Dahmen über die Latte (39.), den Abschluss von Glatzel nach einer Aufdrehbewegung sah Augsburgs Keeper an seinem Tor vorbeifliegen (44.). Feuerwerk? Höchstens im Ansatz. „Die Tiefe in unserem Spiel hat uns in der ersten Hälfte nicht gefallen“, kritisierte Polzin. Was der HSV bot, war nach vorne hin zu wenig. Den Gästen wiederum spielte der Zwischenstand in die Karten.
Königsdörffer glich nach Glatzel-Vorlage für den HSV aus
Um das Angriffsspiel zu beleben, brachte Trainer Polzin für die zweite Hälfte Rayan Philippe und opferte den zwar bemühten, aber glücklosen Otele. Die erste Torannäherung nach dem Seitenwechsel verbuchte aber Ex-Hamburger Michael Gregoritsch (47.). Dann war der HSV an der Reihe – mit dem besten Spielzug der Partie: Glatzel beförderte den Ball per Hacke zu Fábio Vieira, der steckte durch auf Königsdörffer, der schoss jedoch knapp links vorbei (50.). Trotzdem: Das war eine der Szenen, die Glatzels Aufstellung rechtfertigten – weil er es als Wandspieler clever löste.
Das tat er dann auch wenig später und legte den Ball perfekt ab für Königsdörffer, der aus 17 Metern in die linke Ecke traf und zum 1:1 ausglich (60.). Der HSV war zurück. Und mit ihm seine Fans. „Die Reaktion der Mannschaft nach der Pause war außergewöhnlich“, lobte Polzin. Doch Muheims Platzverweis unmittelbar nach der Vuskovic-Großchance stellte alles wieder auf den Kopf. Gregoritsch köpfte erst vorbei (73.) und traf kurz darauf aus vier Metern per Direktabnahme den Pfosten (74.).
Kein Elfmeter: Wilde Szenen in der Schlussphase des Spiels
Der HSV musste in Unterzahl leiden, hätte aber doch beinahe von einem spektakulären Eigentor von Keven Schlotterbeck profitiert: Nur Dahmens Parade mit dem Oberkörper verhinderte die nächste Jubelexplosion im Volkspark (83.). Die gab es dann zunächst, als Aytekin zwei Minuten später auf den Punkt zeigte. Doch der VAR korrigierte ihn und seinen Linienrichter zu Recht: Es war kein strafbares Handspiel von Zesiger nach dem Vieira-Schuss (85.). Es war die letzte große Aufregerszene, verbunden mit einigem Chaos und schließlich einem großen Pfeifkonzert im ausverkauften Volkspark.

„Für die Zuschauer war es sicherlich ein geiles Spiel“, hielt FCA-Coach Manuel Baum fest. „Für uns als Trainer eher nicht.“ Polzin wollte dem nicht widersprechen – und konstatierte: „Es ist ärgerlich, dass hinten raus für uns nicht mehr passiert ist. Aber wir wollen auch nicht zu gierig sein und nehmen den Punkt mit auf unsere Reise.“
Viele HSV-Konkurrenten im Abstiegskampf siegen nicht
Der HSV kann aber auch deshalb mit dem Punkt leben, weil am Samstag mit Ausnahme von Mainz 05 (2:1 in Hoffenheim) kein anderer Konkurrent im Abstiegskampf siegte. Werder Bremen unterlag RB Leipzig daheim mit 1:2, der VfL Wolfsburg verlor in Leverkusen mit 3:6 und Borussia Mönchengladbach sowie Heidenheim teilten im direkten Duell die Punkte (2:2). Über Nacht haben die Hamburger damit sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz und St. Pauli, das am Sonntag (15.30 Uhr, Liveticker auf MOPO.de) bei Union Berlin antritt.
Das könnte Sie auch interessieren: HSV-Noten gegen Augsburg: Viel Normalform, zwei Hamburger fallen ab
„Wir wussten, wenn wir heute gewinnen, wäre es ein Riesenschritt gewesen“, haderte Glatzel. „Es ist bitter, dass wir nicht die drei Punkte hier zu Hause mitnehmen konnten – gegen einen direkten Konkurrenten.“ Doch auch der Stürmer sah am Ende das Positive: „Die Liga ist so eng und jeder Punkt ist einfach wichtig. Das Glas ist lieber halbvoll als halbleer.“
Anmerkungen oder Fehler gefunden? Schreiben Sie uns gern.