Pulverfass HSV! Das sind die Brandherde – und das könnten die Folgen sein

Jonas Boldt und Steffen Baumgart am Spielfeldrand
Frust in Düsseldorf: Den gemeinsamen Start hatten sich HSV-Boss Jonas Boldt und Neu-Trainer Steffen Baumgart anders vorgestellt.

Die Laune all derer, die zum HSV halten, wurde über das Wochenende hinweg nicht besser. Zehn Punkte Rückstand auf St. Pauli, fünf auf Kiel – ein direkter Aufstieg ist in weite Ferne gerückt, vielmehr droht der Verein abermals alles zu verspielen. Mindestens genauso schlimm: Der lange Zeit vorgelebte Zusammenhalt innerhalb des Klubs hat tiefe Risse erhalten, der HSV präsentiert sich dieser Tage als Pulverfass.

Es ist gerade mal vier Wochen her, da holte Jonas Boldt zu einer gewaltigen Lobesrede aus. „Wir haben hier eine ganze Menge erarbeitet“, erklärte der Sportvorstand nach der Entlassung von Trainer Tim Walter und sprach „von wirtschaftlicher Solidität, die der Klub mittlerweile hat, von Euphorie, die entstanden ist, von einem Gemeinschaftsgefühl trotz mehrfacher Widerstände“. Nun, die Finanzen stimmen noch immer. Der Rest aber fliegt dem HSV zurzeit um die Ohren.

Zwei Pleiten erschüttern den gesamten HSV

Erst 1:2 gegen Osnabrück, dann 0:2 in Düsseldorf. Zwei Pleiten, die den Klub und seine Fans bis ins Mark erschütterten. Überall brennt es. Mannschaft und Trainer fremdeln miteinander, die Geduld des Anhangs ist vorbei und die Kritik an Boldt nimmt intern mächtig zu. Die Bestandsaufnahme vor dem letzten Saison-Viertel könnte alarmierender kaum ausfallen.

HSV-Trainer Steffen Baumgart in Düsseldorf
HSV-Trainer Steffen Baumgart war in Düsseldorf mächtig angefressen.

Brennpunkt Mannschaft/Trainer: Mit dem Trainerwechsel von Walter hin zu Baumgart wollte der HSV Stabilität erlangen, um sein Ziel Aufstieg zu erreichen. Nach nur drei Wochen unter Baumgart aber ist tiefe Ernüchterung eingekehrt. Schon nach der Pleite gegen Osnabrück sah sich der Coach genötigt, sein Team schonungslos zu kritisieren und beklagte fehlende Mentalität. Nun setzte er noch einen drauf. „Wir sind weit weg von dem, wie ich es mir vorstelle“, polterte er nach dem Abpfiff in Düsseldorf und nahm sein Team in die Pflicht: „Einfach mal umsetzen, was vorher klar besprochen wurde.“ Harte Ansagen, noch dazu ein öffentlicher ausgetragener Konflikt mit Führungsspieler László Bénes.

Warum verstehen die HSV-Profis Baumgarts Fußball noch nicht?

Stellt sich die Frage: Warum sind die Profis nicht in der Lage, den Plan ihres Trainers umzusetzen? Ein Erklärungsansatz: Nach zweieinhalb Jahren extremem Ballbesitzfußball unter Walter, ist es nicht so einfach, nun auf ein schnelles Umschalten mit frühem Pressing umzuswitchen.

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Dafür spricht: Im Vergleich zu den Hauptkonkurrenten im Aufstiegskampf hängt der HSV im Bereich der Laufwerte deutlich hinterher. Die Angaben variieren je nach Anbieter, mal ist der HSV sogar Zweitliga-Schlusslicht (Sportschau), mal Zwölfter (kicker) oder Achter (bundesliga.de), in jedem Fall rangiert er überall deutlich hinter St.Pauli oder Kiel. Der Folgeschluss: Wie soll der auf den Walter-Fußball zugeschnittene HSV-Kader plötzlich unentwegt marschieren, obwohl er diese Intensität zweieinhalb Jahre lang nicht gewohnt war?

Baumgart zermarterte sich am Wochenende den Kopf. Vorerst bleiben bohrende Fragen. Und die Gefahr, dass sich bei anhaltendem Misserfolg immer schwerer eine Bindung zu seinen Profis herstellen ließe.

Erstmals Risse zwischen Fans und Mannschaft

Brennpunkt Fans: Erstmals seit Monaten riss dem Anhang der Geduldsfaden. Nach dem Düsseldorf-Spiel wurden die Profis gnadenlos ausgepfiffen und verscheucht. Das klare Zeichen: Die Geduld der Fans ist aufgebraucht. Das wiederum könnte die Profis, die das nicht gewohnt sind, zusätzlich verunsichern. Eine gefährliche Gemengelage.

Die HSV-Profis um Sebastian Schonlau und Ludovit Reis schreiten nach der Pleite in Düsseldorf enttäuscht vor die HSV-Kurve.
Der Frust stand den HSV-Profis um Sebastian Schonlau und Ludovit Reis beim Gang vor die Gästekurve in Düsseldorf ins Gesicht geschrieben.

Brennpunkt Polizei-Konflikt: Längst nicht ausgestanden ist der Unmut der Ultra-Szene über die Haltung des HSV im Clinch mit der Polizei. Daran änderten auch Cornelius Göbels Einordnungen nichts. Der HSV-Direktor für Kultur, Fans und Identität meldete sich in der Vorwoche ausführlich und dezidiert zu Wort, kritisierte dabei aber auch das Vorgehen von Teilen des Anhangs (u.a. Verbrennen einer Polizeiuniform) und stellte Stadionverbote in den Raum. Verständliche Ansagen, die allerdings nicht gut ankamen. Der Konflikt schwelt.

Ohne Aufstieg wird es für HSV-Boss Boldt sehr eng

Brennpunkt Vorstand: Boldt ist derjenige, der den sportlichen Bereich zu verantworten hat. Im Aufsichtsrat schwindet der Rückhalt für ihn, es gilt als ausgeschlossen, dass der im Sommer 2019 angetretene Sportvorstand auch nach einem fünften Jahr unter seiner Führung ohne Aufstieg im Job verbleiben dürfte. Boldt sieht sich derzeit vor allem dem Vorwurf ausgesetzt, sich nicht schon im Winter von Walter getrennt sondern die Lage falsch eingeschätzt zu haben. Ein weiterer Vorwurf: Einige Räte sollen sich gewünscht haben, dass Boldt nach den jüngsten Niederlagen auch öffentlich Stellung bezieht und nicht nach Abpfiff unsichtbar bleibt.

Viele Brandherde, reichlich Turbulenzen. Und ein enormer Druck vor der undankbaren Aufgabe am Sonntag gegen Wehen Wiesbaden.