Pro und Contra zum Glatzel-Schock: Ist der HSV-Aufstieg wieder in Gefahr?
Dieser Ausfall trifft den HSV sehr schmerzhaft. Torjäger Robert Glatzel wird monatelang verletzt fehlen und vermutlich frühestens im Saison-Endspurt wieder eingreifen können. Es ist unzweifelhaft ein empfindlicher Verlust für den HSV und seine Aufstiegs-Ambitionen. Die zentrale Frage, die sich die HSV-Fans jetzt stellen: Kann der HSV Glatzels Ausfall überhaupt kompensieren und trotzdem um den Aufstieg in die Bundesliga mitspielen? MOPO-Redakteur Simon Braasch ist überzeugt, dass das gelingen kann – sein Kollege Tim Meinke glaubt daran überhaupt nicht. Die beiden HSV-Reporter der MOPO argumentieren, was dafür und was dagegen spricht.
HSV-Reporter Simon Braasch: Ja, der HSV kann Glatzels Ausfall kompensieren! Denn Selke macht in dieser Saison den Unterschied. Um eines direkt klarzustellen: Selbstverständlich ist Robert Glatzels sportlicher Wert für den HSV unumstritten, niemand würde das ernsthaft bezweifeln wollen. Die entscheidende Frage aber lautet: Kann der HSV in den kommenden Monaten auch ohne die Treffer des Top-Torjägers seinen Aufstiegsambitionen gerecht werden? Ich behaupte: Ja, er kann es. Weil Glatzels Ausfall auch eine Chance für andere bedeuten kann, sich in den Vordergrund zu spielen.
Davie Selke erwischte einen guten Start beim HSV
Davie Selke machte nie einen Hehl daraus, dass er beim HSV eine Führungsrolle einnehmen möchte. Bislang hat er geliefert. Vier Tore in neun Pflichtspielen, das passt. An Selbstvertrauen mangelt es ihm ganz sicher nicht. Und genau das ist der entscheidende Punkt: Selke will vorweg marschieren, er hat keinerlei Zweifel an seiner Leistungsfähigkeit und wird seine große Chance nun mit aller Macht ergreifen wollen. Ein Glatzel-Pendant dieser Art hatte der HSV in den Vorjahren kein einziges Mal im Kader, da hießen die Alternativen Mikkel Kaufmann oder András Németh, waren zwar talentiert, aber unerfahren und (ver)zweifelten allzu häufig an sich selbst.
Klar, Glatzels Torquoten der Vorjahre (im Schnitt 21 Treffer pro Saison) dürften in der Summe wohl für keinen Kollegen zu erreichen sein. Und dennoch: Auch Hamburgs Top-Knipser hatte in jeder Saison Phasen, in denen es nicht lief. In seinem ersten HSV-Jahr (2021/22) blieb Glatzel in der Hinrunde mal sechs Spiele in Folge torlos, in der Serie darauf traf er zwischenzeitlich in nur zwei von zehn Partien. Auch in der Vorsaison leistete er sich eine Durstrecke von nur einem Tor in sechs Spielen. Soll heißen: Früher oder später hätte auch Glatzel in dieser Saison unter Formschwankungen gelitten, das ist nur menschlich. Dann hätten ohnehin andere in die Bresche springen müssen.
Selke, dem bereits vor dieser Saison von Kritikern viele Qualitäten abgesprochen wurden (schöne Grüße an Max Kruse in den Big-Brother-Container), kann nun zeigen, dass er das ist, wofür er verpflichtet wurde: ein Torjäger, der dafür sorgt, dass der HSV nicht allein von Glatzels Treffern abhängig ist. Unterstützt durch den ebenfalls gereifter wirkenden Ransford Königsdörffer oder Marco Richter, flankiert von Jean-Luc Dompé, Bakery Jatta oder Fabio Baldé. Klingt doch gar nicht so übel, oder?
Bisher konnte sich der HSV immer auf Glatzel verlassen
HSV-Reporter Tim Meinke: Nein, der HSV kann Glatzels Ausfall nicht kompensieren! Denn es geht nicht allein um Glatzels fehlende Tore. Robert Glatzel ist (fast) nie verletzt: Darauf konnte sich der HSV immerzu verlassen. Und es lag nie an seiner Ausbeute, dass die Mission Aufstieg Jahr für Jahr fehlschlug. 22 Liga-Tore in seiner Debüt-Saison 2021/22. Anschließend 19 Treffer in 2022/23. Zuletzt, 2023/24, dann wieder 22. Und nun, da Glatzel mit sieben Buden nach sechs Spieltagen auf Rekordkurs war, sich aber schwer verletzte, die bange Frage: Wie soll der HSV ihn ersetzen, ohne dass der Aufstieg wieder in Gefahr gerät? Die harte Antwort: Es erscheint derzeit unmöglich.
Natürlich darf sich der HSV in dieser bitteren Situation bestätigt fühlen, den Kader sehr viel breiter aufgestellt und im Sommer vor allem Davie Selke verpflichtet zu haben. Endlich ein zweiter Torjäger von Format, der in den Vorjahren fehlte. Das stimmt. Denn im seltenen Fall, dass Glatzel mal ausfiel, wurde er stets schmerzlich vermisst. Selke, immerhin schon viermal im HSV-Trikot erfolgreich, kann diesen unverhofften Kummer in Zusammenarbeit mit Ransford Königsdörffer ab sofort mindern.
Davie Selke will beim HSV mehr sein als nur ein Backup
Aber: Der Ex-Kölner wurde eben nicht primär dafür geholt, um nur dann wichtig zu sein, sollte Glatzel mal fehlen. Selke ist nicht der Backup, der im Notfall einspringt und performt, wie es András Németh im Vorjahr tun sollte. Vielmehr hat Steffen Baumgart mit beiden geplant: Glatzel UND Selke. In den jüngsten Partien wurde deutlich, dass das Duo immer mehr voneinander profitiert, je eingespielter es ist; dass der HSV nun endlich zwei verlässliche Knipser hat. Nicht umsonst hatte Baumgart vor der Saison die Hoffnung ausgesprochen, zweimal 15 Tore von seinen Neunern zu bekommen. Diese Trainer-Rechnung wird jetzt kaum aufgehen.
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Je nach Reha-Verlauf ist Glatzel zuzutrauen, im Saisonfinale noch zum Trumpf zu werden. Er war und ist die offensive Lebensversicherung, war in 40 Monaten an 40 Prozent der 229 Liga-Tore des HSV direkt beteiligt. Und die Bosse haben Jahr für Jahr um dessen Verbleib gekämpft, da sie genau das wissen. Zudem ist Glatzel als mitspielender Stürmer, der sich mal fallen lassen und kombinieren kann, extrem wertvoll. Selke kann diese Stärke nicht auf Anhieb kompensieren, ist ein anderer Spielertyp und muss den Nachweis, ein Zweitliga-Torjäger auf Dauer zu sein, noch erbringen. Und mit Königsdörffer stand er im Unterhaus erst 118 Minuten auf dem Feld. Ihre Bilanz in dieser Zeit: kein Tor, kein Assist.