„Persönlich genommen“: Stuttgarts B-Elf stachelte den HSV an
Dieser Volkspark wurde am 1. Advent erneut zu einem Ort, an dem Dinge passieren, die unmöglich erscheinen. Das Last-Minute-1:1 gegen den BVB vor drei Wochen, es war doch eigentlich schon maximal emotional. Das, was da in den letzten Minuten des Heimspiels gegen den VfB Stuttgart geschah, toppte das alles aber noch einmal. Der HSV zitterte in Unterzahl um den einen Punkt – und lag sich plötzlich vor der Nordtribüne in den Armen. Der 2:1-Sieg ist der nächste Achtungserfolg, ein riesiger sogar, weil ein Topteam der Liga den Ort des Wahnsinns mit null Punkten verließ. Die HSV-Profis um Torschütze Robert Glatzel strahlten – und grübelten.
„Die machen da irgendeine dumme Aktion.“ Nicolai Remberg rätselte noch immer über die Aktion, die das Spiel sehr spät zugunsten des HSV entschied. Es lief die dritte Minute der Nachspielzeit, und die Gäste aus Stuttgart hatten Freistoß, 20 Meter vor dem Tor des HSV. Doch Angelo Stiller schoss nicht direkt, sondern hatte eine andere Idee. Seinen Pass in den Sechzehner antizipierte Nicolás Capaldo aber clever, nahm Tempo auf und schickte Fábio Baldé auf die Reise.
Der 20-Jährige spitzelte den Ball an Maximilian Mittelstädt vorbei, stürmte über den halben Platz, verzettelte sich im Dribbling eigentlich, doch mit etwas Glück sprang das Spielgerät vor die Füße von Fábio Vieira – und der traf für den HSV zum Sieg (90.+4). 2:1 statt 1:2, eine Gefühlsexplosion im Volkspark – und drei wichtige Punkte.
„Perfekter Tag“: Muheim jubelt nach HSV-Sieg gegen VfB
„Es ist schwer, das zu beschreiben“, sagte Miro Muheim erst und konnte dann doch noch etwas über seine Gefühlswelt sagen: „Es ist Erleichterung und Stolz da, dass wir das geschafft haben – am Ende sogar mit einem Mann weniger. Wir haben uns voll reingeworfen hinten, dann kam diese eine Chance – und wir haben sie genutzt.“ Das eingewechselte Duo Baldé/Vieira ließ das Stadion kochen – obwohl die Fans noch gezittert hatten, als Stiller kurz zuvor zum Freistoß angetreten war. „Geil, wie Fabio das Feld runtersprintet“, lobte Muheim den Vorlagengeber Baldé. Und dann brachte der Schweizer die Stimmungslage des gesamten HSV auf den Punkt: „Es war ein perfekter Tag für uns.“

Das sah auch Merlin Polzin so. „Es war für uns ein ganz besonderer Fußballnachmittag, der viele kleine Geschichten geschrieben hat“, resümierte der Coach. „Wir wussten, dass wir heute sehr viel leiden und verteidigen müssen, denn der VfB spielt unfassbar variabel. Meine Mannschaft hat aber mit allem, was sie hat, verteidigt.“ Und das, obwohl Polzin sie nach zuletzt fünf sieglosen Partien in Serie zumindest teilweise überraschend zusammengestellt hatte.
HSV-Trainer Polzin tauschte den Sturm komplett durch
Beide Trainer hatten kräftig rotiert, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Sebastian Hoeneß tauschte gleich siebenmal durch, ließ drei Tage nach dem 4:0 in der Europa League bei den Go Ahead Eagles Deventer mehrere Leistungsträger wie Mittelstädt, Stiller, Jamie Leweling und Deniz Undav draußen, wobei Letzterer bereits in der 40. Minute für Chris Führich kam. „Die kommen hierhin und spielen am Anfang mit der B-Mannschaft“, sagte Remberg hinterher und verriet: „Das haben wir vielleicht auch ein bisschen persönlich genommen. Das ist genau richtig so.“
Auch Polzin baute seinen Sturm um: Rayan Philippe ersetzte auf der rechten Seite Vieira, zudem Alexander Røssing-Lelesiit auf der linken Bahn den angeschlagenen Jean-Luc Dompé. Und: Glatzel feierte sein Startelfdebüt in dieser Saison, was viele HSV-Fans freute und doch unerwartet kam, weil man gegen die spielstarken Stuttgarter eher mit dem Konterspieler Ransford Königsdörffer im Sturmzentrum rechnen musste. Doch Polzins Maßnahme ging auf.
Glatzel brachte den HSV in Führung und musste dann raus
Nach der ersten VfB-Chance – Badredine Bouanani schoss nach dem Querpass von Josha Vagnoman drüber (6.) – meldete sich Glatzel zum Dienst: Sein Rechtsschuss aus spitzem Winkel wurde so von Ramon Hendriks abgefälscht, dass der Ball auf der Latte landete (9.). Doch acht Minuten später lag er dann im Tor – auch dank Røssing-Lelesiit. Der Norweger schüttelte im Mittelfeld erst Führich ab, fiel im anschließenden Duell mit Chema zu Boden, stand aber sofort wieder auf und umkurvte auch noch Henriks, ehe er Glatzels Laufweg erkannte und ihn perfekt per Steckpass einsetzte. Der Torjäger guckte sich Nationalkeeper Alexander Nübel aus und traf überlegt ins kurze rechte Eck (17.). Das 1:0, ausgerechnet durch Glatzel, der erstmals für den HSV in der Bundesliga traf – und von allen umarmt wurde.

Die Effektivität vor dem gegnerischen Kasten war den Hamburgern zuletzt abgegangen. Glatzel brachte sie zurück. Doch der 31-Jährige verletzte sich wenige Minuten nach seinem erlösenden Treffer am rechten Oberschenkel, setzte sich hin und signalisierte: Es geht nicht weiter. Die Diagnose konnte Glatzel nach dem Abpfiff noch nicht verkünden, vorerst stehen Untersuchungen an. Für den Torschützen war Königsdörffer gekommen und der hätte mit seinem ersten Ballkontakt treffen können, zielte aber zu hoch (34.). Der HSV kombinierte einige Male ansehnlich, war – anders als in den 30 Minuten von Augsburg – in den Duellen griffig. Die Gäste setzten ihr Kombinationsspiel zwar immer besser um, Luka Vuskovic und Co. standen aber stabil und ließen nur einige Fernschüsse zu. Auch Polzins Entscheidung, rechts William Mikelbrencis statt Giorgi Gocholeishvili aufzustellen, erwies sich als richtig.
Nach dem 1:1 durch Undav erhöhte der VfB den Druck
Der HSV hatte zur Pause nur 34 Prozent Ballbesitz und weniger Abschlüsse (drei zu sechs), bearbeitete jedoch das nächste Topteam der Liga erfolgreich. Klar war indes: Der VfB kann und wird zulegen. Nach Undav kam zur zweiten Hälfte auch Leweling ins Spiel. Und eine Co-Produktion der beiden Nationalspieler führte dann auch zum Ausgleich: Leweling bekam zu viel Platz und zog aus knapp 30 Metern ab, der Schuss wurde zu einem Aufsetzer, den Daniel Heuer Fernandes unglücklich nach vorne abwehrte – sodass Undav, der Vuskovic davongeeilt war, abstaubte (54.). Auch das hatte der HSV in dieser Saison bereits mehrfach erfahren: Derlei Fehler wie dieser werden eiskalt bestraft.
Problematisch war zudem, dass es nach dem 1:1 immer weniger offensive Entlastung gab. Ohne Glatzel fehlte der Spieler, der die Bälle im vorderen Drittel festmacht. Jordan Torunarigha und Capaldo verteidigten zwar aggressiv und aufmerksam, der HSV aber zunehmend passiver, was schon nach dem schwachen Augsburg-Spiel bemängelt wurde. Und die individuelle Klasse des VfB ist noch größer. Hoeneß brachte auch seinen Strategen Stiller, und Bilal El Khannous setzte zum Volley an, der den Torwinkel nur knapp verfehlte (62.). Stuttgart übernahm die Kontrolle, worauf Polzin per Dreierwechsel reagierte: Gocholeishvili kam für Mikelbrencis, Vieira für Albert Sambi Lokonga sowie Baldé für Philippe (68.). Mit dem neuen Personal stabilisierte sich der HSV, fand auch offensiv wieder statt.
Røssing-Lelesiit sah Rot – und der HSV siegte dennoch
Königsdörffers Direktabnahme war immerhin eine Torannäherung (69.), dann stand der Deutsch-Ghanaer bei Vuskovic‘ Kopfball nach einer Ecke unglücklich im Weg (73.). Doch der Kroate probierte es erneut, setzte das Leder nach einem Freistoß von Muheim knapp neben den Pfosten (77.). Diese Standards brachten dem HSV Sicherheit – und den Glauben, dass gar drei Punkte drin sind und es nicht nur darum geht, den einen Zähler zu verteidigen, was im Vordergrund stand und in der Schlussphase nicht einfacher wurde. Nach Undavs Schuss ans Außennetz (80.) ging Røssing-Lelesiit etwas übermütig in das Duell mit Vagnoman, traf den Ex-Hamburger und sah Gelb-Rot (82.).

Unterzahl also. Und ein hartes Stück Arbeit für nur noch zehn HSV-Profis. Um das Remis zu sichern, nahm Polzin Königsdörffer wieder aus und brachte Abwehrkante Guilherme Ramos (88.). Auf den A-Rängen im Volkspark saß auf einmal niemand mehr. Vier Minuten Nachspielzeit. Leweling schoss aus der Distanz vorbei (90.+1), dann brachte Remberg an der Strafraumgrenze den eingewechselten Lazar Jovanovic zu Fall. Doch was dann folgte, war kaum zu fassen. Der Ball flog nicht aufs Tor des HSV, sondern lag wenig später in dem des VfB. Der Wahnsinn war perfekt. „Ich bin so glücklich“, war Vieira erleichtert. „Vor diesen Fans zum Sieg zu treffen, bedeutet mir sehr viel. Ich muss mich für all den Support bedanken.“ Umgekehrt bedankten sich die Fans auch bei Vieira – für das Siegtor, durch das der HSV in der Bundesliga-Tabelle wieder an Augsburg vorbeizog. Nun stehen zwölf Punkte und Rang 13 zu Buche.
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„Wir sind sehr glücklich mit dem besonderen Start in diese Woche“, sagte Polzin und dachte schon an die nächsten beiden Heimspiele: am Mittwoch im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Holstein Kiel (20.45 Uhr), am Sonntag daheim gegen Werder Bremen (15.30 Uhr, beide im MOPO-Liveticker). Neue Wahnsinnsgeschichten nicht ausgeschlossen.
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