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Neues Buch enthüllt: HSV-Erfolgstrainer hatte hohen Posten unter den Nazis

Tull Harder vom HSV spielt 1923 im Endspiel gegen SC Union 06 Oberschöneweide Berlin.
1923 schoss „Tull“ Harder den HSV im Finale gegen Oberschöneweide zur Meisterschaft.

Eine jahrzehntelange Recherche wirft auf ein neues Licht auf Spieler und Funktionäre in der Nazi-Zeit. Welche Rolle sie spielten – und wie einige diese verheimlichten. 

In seinem Buch „Die Raute unterm Hakenkreuz“ wirft Werner Skrentny einen tiefgreifenden Blick auf den HSV im Nationalsozialismus. Es ist ein Werk, das auch für die heutige Zeit Fragen aufwirft.

„Ist Onkel Mors etwa aus Spaß aus Deutschland weg?“, fragt Robert Aaquist 1937 seine Familie in einem Brief, den er aus Spanien nach Palästina schickt: „Ihr und viele euresgleichen habt es hinter euch, und versucht, einfach irgendwie weiterzumachen in eurem Trott – nicht sehend, oder nicht sehen wollend, was um euch vorgeht. Seht ihr nicht das Massenelend, das der Faschismus verursacht und noch verursachen wird?“

Fast 30 Jahre Arbeit stecken in „Die Raute unterm Hakenkreuz. Der HSV im Nationalsozialismus“

Aaquist stellt eine von 111 jüdischen Biografien ehemaliger HSV-Mitglieder, die Werner Skrentny in seinem Buch „Die Raute unterm Hakenkreuz. Der HSV im Nationalsozialismus“ versammelt hat. Das 449 Seiten starke Werk ist das Ergebnis einer fast drei Jahrzehnte währenden Beschäftigung des Fußballhistorikers mit dem Thema.

„Als ich 1998 mit Jens Reimer Prüß das HSV-Buch ‚Immer erste Klasse‘ geschrieben habe, war uns klar, dass wir uns eingehender mit der NS-Zeit beschäftigen werden“, erzählt der Autor der MOPO und merkt an: „Das gab es vorher so nicht, es herrschte eine 1:0-Berichterstattung über Spiele und Spieler vor. Zur NS-Zeit hieß es oft: ‚Dann kamen die dunklen Jahre.‘“

HSV-Museum brachte Licht in „dunkle Jahre“ des Nationalsozialismus

Das hat sich grundlegend geändert. Das 2004 eröffnete HSV-Museum bemühte sich früh, Licht in „die dunklen Jahre“ zu bringen und präsentierte 2007 die Sonderausstellung „Die Raute unter dem Hakenkreuz“, die Skrentnys jüngstem Buch den Titel gegeben hat. Die spätere Ausstellung „Ins rechte Licht gerückt – der Einfluss von rechts auf die HSV-Fanszene der 1980er-Jahre“ thematisierte die damals nicht nur auf das Volksparkstadion beschränkte Atmosphäre im (west-)deutschen Fußball.

Skrentnys Werk macht klar: Fußballvereine existieren nicht außerhalb der Gesellschaft, in der sie sich befinden. „Der HSV war allein durch seine Umgebung in Harvestehude, Grindelviertel, Eppendorf ein bürgerlicher, ja großbürgerlicher Verein und politisch gesehen deutschnational aufgestellt“, skizziert der Autor: „Seine führenden Vertreter waren keine Anhänger der Weimarer Republik, deshalb hatten die HSV-Funktionäre auch keine großen Schwierigkeiten, sich einzufügen.“

Auch bei Ex-HSV-Präsident Martens: Der Mantel des Schweigens

Emil Martens, 1933 Präsident des HSV, trat nach der Machtübernahme Adolf Hitlers in die NSDAP ein – und wurde von den neuen Herrschern wegen seiner Homosexualität verfolgt. „Nach 1945 wurde beides nicht mehr erwähnt, weder seine Mitgliedschaft noch die Verfolgung“, schildert Skrentny. Ein Schweigen, das bezeichnend war für den Umgang mit der vermeintlichen Vergangenheit in der jungen Bundesrepublik. „Eine richtige Aufarbeitung fing ja erst mit der 68er-Bewegung an“, so der Fußballhistoriker: „Als Menschen sich fragten: Was ist damals in meiner Stadt, an meinem Ort passiert?“

HSV-Mannschaft und Schiedsrichter Boos 1924 vor dem Spiel gegen Corinthians London, Gruppenbild im Freien.
1924: Asbjørn Halvorsen (hintere Reihe; 3.v.r.) und „Tull“ Harder (unten; Mitte)

Skrentny geht dem seit Jahrzehnten nach. In seinem Buch schildert er – zusammen mit Gastautor Jürgen Kowalewski – ausführlich die wohl bekannteste Geschichte über zwei sehr unterschiedliche Lebensläufe in der NS-Zeit: die von HSV-Torjäger Otto „Tull“ Harder und dem norwegischen Mittelfeldspieler Asbjørn Halvorsen. Gemeinsam prägte das Offensivduo in der Weimarer Republik die Zeit der ersten großen Erfolge. 1923 und 1928 wurde der HSV deutscher Meister.

Harder und Halvorsen: Der Täter und der Widerstandskämpfer

Danach trat Harder in die Waffen-SS ein und wurde später Lagerkommandant im KZ Ahlem bei Hannover, einem Außenlager von Neuengamme. Halvorsen leistete, zurück in Norwegen, Widerstand gegen die deutsche Besatzung und wurde dafür inhaftiert, gefoltert und in deutsche Lager deportiert.

Otto Tull Harder in Uniform mit Mütze, vor dunklem Hintergrund stehend.
Dass „Tull“ Harder, hier auf einem Foto aus dem Jahr 1920, KZ-Aufseher war, interessierte viele HSV-Fans nach dem Krieg nicht.

Halvorsen überlebte, schwer gezeichnet. 1955 starb er mit 56 Jahren, vermutlich an den Folgen der KZ-Haft. Harder wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er nur vier absaß. Danach wurde über seine Taten geschwiegen – oder gar ein von vielen ersehnter „Schlussstrich“ gezogen. „In zeitgenössischen Berichten heißt es, die beiden hätten sich wiedergesehen und Halvorsen hätte Harder verziehen“, referiert Skrentny. „Dafür gibt es keine Belege. Harder ist vom HSV nach 1945 deutlich mehr geehrt worden. Zum Begräbnis von Halvorsen hat der HSV keinen Vertreter nach Oslo geschickt. Was angesichts der Bedeutung, die Halvorsen für den Verein hatte, erstaunlich war.“

Auch der erfahrene Rechercheur stieß noch auf „Sachen, die mich erschrocken haben“. Etwa auf einen HSV-Funktionär, der im Entnazifizierungsverfahren 1947 seinen frühen NSDAP-Eintritt (1931) mit dem „zu großen jüdischen Einfluss“ rechtfertigte – und 1950 zum Vereinschef gewählt wurde.

Rudi Noack sitzt auf dem Rasen nach Hertha BSC gegen Hamburger SV 1938.
Rudi Noack starb 1947 in sowjetischer Kriesgefangenschaft.

Das Buch widmet sich auch ausführlich der Vor- und Nachgeschichte der NS-Zeit, behandelt die Frage, warum der HSV von den neuen Machthabern zunächst skeptisch beäugt wurde – und wartet mit grundlegend neuen Erkenntnissen zu Protagonisten der Vereinsgeschichte auf. Etwa zu Rudi Noack, WM-Teilnehmer 1934, dessen lange Spielsperre während des Zweiten Weltkriegs nun in einem anderen Licht dasteht.

Was bislang in den Akten verborgen blieb

Oder zu Günter Mahlmann, dem Erfolgstrainer der Uwe-Seeler-Mannschaft, die 1960 deutscher Meister wurde.

Guenter Mahlmann weist 1971 am Leistungszentrum Ochsenzoll auf das Hamburger-SV-Gelände.
Günter Mahlmann verschwieg den Menschen seine Rolle im Regime.

„Es hieß immer, er sei nur mit einem Koffer in Hamburg angekommen. Im Hamburger Staatsarchiv war tatsächlich auch nichts über ihn zu finden“, berichtet Skrentny von seinen Recherchen: „Aber aus Akten im niedersächsischen Staatsarchiv in Wolfenbüttel geht hervor, dass er bei der Hitlerjugend für 180.000 Jugendliche zuständig war. Deshalb durfte er nach 1945 auch nicht mehr als Lehrer arbeiten.“

Uwe Seeler und weitere HSV-Spieler bei einer Trauerfeier am blumengeschmückten Sarg.
Auch HSV-Legende Uwe Seeler (vorne links) war bei der Trauerfeier zum Tod von Günter Mahlmann 1975 zugegen.

Der eingangs erwähnte Briefschreiber Aaquist war da schon lange tot. Als Schüler spielte der 1916 Geborene beim HSV Hockey, ehe er 1930 – wie Vater Oscar – aus dem Verein austrat. 1933 floh die fünfköpfige Familie vor den Nazis nach Haifa, wo es den jungen Robert nicht lange hielt. Als 1936 Republikaner und Faschisten im Bürgerkrieg um Spaniens Zukunft rangen, zog es Aaquist zu den Internationalen Brigaden. Im Kampf gegen den späteren Diktator Francisco Franco wurde er verwundet, 1938 kam er beim Tritt auf eine Mine ums Leben.

Zuletzt gab es rassistische Rufe gegen Bakery Jatta und Patson Daka

Wäre er nicht selbst ausgetreten, hätte der HSV ihn nach Hitlers Machtübernahme aus dem Verein geworfen. In seinem Vorwort zum Buch fordert der Historiker und HSV-Fan Moshe Zimmermann, die Lektüre solle „Richtschnur für die Akteure der Gegenwart und der Zukunft in allen Lebensbereichen“ sein.

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2010 wurde der Vereinsausschluss jüdischer Mitglieder von der HSV-Mitgliederversammlung zurückgenommen. Vor dem HSV-Museum befinden sich heute Gedenktafeln, die neue Sporthalle des HSV-Zentrums im Volkspark wurde nach der NS-Widerstandskämpferin Margit Zinke benannt. Seit 2016 gibt es das Netzwerk E (E für Erinnerungsarbeit), das sich als „kritisches Korrektiv“ begreift und gerne auch bei HSV-Sponsoren die aus seiner Sicht unzureichende Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte bemängelt.

Gegen die rassistischen Rufe von Zuschauern gegen Patson Daka und Bakery Jatta in Tirol schritt der HSV schnell ein – sie zeigten aber auch, dass der Kampf gegen Menschenfeindlichkeit alles andere als ein historisches Thema ist. „Man kann sagen, dass der Verein seine Geschichte sehr gründlich aufgearbeitet hat“, resümiert Skrentny und setzt auf die Anhängerschaft: „Wenn man sieht, was von der Fan-Bewegung passiert, gibt es eine deutliche Positionierung gegen solche Entwicklungen.“


Um den Jahrestag der Reichspogromnacht (9. November 1938) wird Skrentny beim HSV aus seinem Werk lesen. Im Kultur-Kontor am Klosterwall ist noch bis zum 5. August die Wanderausstellung „Sport. Masse. Macht. Fußball im Nationalsozialismus“ zu sehen.

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