Kommentar: Schändliches Eigentor! HSV-Fans beschenken die Hardliner
Es war ein bitterer Nachmittag, einer, den sich HSV-Fans in ihren Albträumen kaum schlimmer hätten ausmalen können. Die verdiente 1:3-Niederlage bei Werder Bremen ist schwer zu verdauen und wird vielen, die es mit den Hamburgern halten, einen gebrauchten Abend und eine unruhige Nacht beschert haben. Da war die Mannschaft, in der sich nur Nicolás Capaldo und Robert Glatzel in der benötigten Derby-Form befanden, da war ein Schiedsrichter Florian Exner, der zwar keine haarsträubende Fehlentscheidung traf, aber mit seinem unsouveränen Gesamtauftritt dazu beitrug, dass es auf dem Rasen und daneben immer stärker zu brodeln begann. Das alles aber bietet nicht den Hauch einer Berechtigung für das, was einige HSV-Fans im Weserstadion veranstalteten. MOPO-Sportchef Frederik Ahrens kommentiert.
Schon weit vor Spielbeginn bewiesen einige, die es mit dem HSV halten, dass ihr Testosteron-Level an diesem Tag auf einem nicht ganz gesunden Niveau zu sein schien. Kaum hatte man ihnen die Stadiontore geöffnet, stürmten sie vermummt in den Block und führten sich dort auf, als hätte man sie in die Steinzeit zurückgebeamt. Wahllos feuerten einige Fans Raketen in Richtung des Werder-Anhangs. Feurige Geschosse landeten knapp neben dem DAZN-Team. Die Übertragung musste unterbrochen werden. Hurra, hurra, die Vollidioten waren da. Und es sollte nur die Ouvertüre für das sein, was sich nach dem Abpfiff abspielte.
HSV-Fans schossen Feuerwerkskörper durchs Stadion
Zündelnde Vandalen sorgten für einen Brand im Toilettenbereich, andere Pyromanen erachteten es erneut als schlaue Idee, Feuerwerkskörper diesmal gezielt auf andere Menschen zu feuern. Es war das pure Glück, dass eine Rakete knapp neben Werder-Stürmer Keke Topp, der auf Krücken vor dem feiernden Fanblock stand, landete. Es war Zufall, dass niemand verletzt wurde.

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Damit nicht genug: Als Polizisten in den HSV-Block vordrangen, laut eigener Erklärung aufgrund des Brandes im Toilettenbereich, wurden diese von Fans attackiert. Prügel gegen Polizisten. Für einen Teil der Fanszene ist das legitim und angebracht.
Choreo in Stuttgart romantisierte Gewalt gegen die Polizei
Schon beim Spiel gegen den VfB Stuttgart hatte eine Choreo der Ultras, die Gewalt gegen Polizisten romantisierte, für Kopfschütteln beim weit überwiegenden friedlichen Teil des HSV-Anhangs gesorgt, während Präsident Henrik Köncke diese direkt auf seinem Instagram-Kanal postete. Ohne Distanzierung. Köncke war selbst vom Ultra zum höchsten Vereinsvertreter aufgestiegen. Er pflegt die Nähe zu denen, die ihm zum Job verholfen haben.
Nun wird es seine Aufgabe und die des HSV-Vorstands sein, deutlich zu machen, dass die Grenzüberschreitungen von Bremen innerhalb des Klubs nicht geduldet werden können. Wer Gewalt ausübt, wer andere Menschen im Stadion gefährdet, der darf beim HSV kein Zuhause finden. Stadionverbote sind in diesen Fällen alternativlos.
HSV-Fans als vorbildliche Botschafter eines Boom-Klubs
Die Eskalation im Weserstadion ist vor allem deshalb so schlimm und für den Klub nahezu tragisch, weil auch die aktive Fanszene so viel dazu beigetragen hat, dass der HSV zumindest bis zum Samstagnachmittag in einem anderen Licht erschien als in früheren Zeiten.

Lange als Chaosklub und Lachnummer verspottet, ist der HSV dank des sportlichen und wirtschaftlichen Aufschwungs nicht nur ein ernst zu nehmender Bundesliga-Klub. Die Tatsache, dass kein anderes Team von so vielen Auswärtsfahrern in fremden Stadien begleitet wird, dass die Unterstützung im stets ausverkauften Volksparkstadion so laut und enthusiastisch ist wie fast nirgendwo in Fußball-Deutschland, hat dem HSV zusätzlichen Respekt eingebracht. Die HSV-Fans sind Botschafter einer fußballverrückten Stadt. Sie sprechen sich klar gegen Rassismus und gegen Ausgrenzung aus. Vorbildlich.
Gewalttätige HSV-Fans bekommen Applaus bei Instagram
Die Idioten, denen in Bremen die Sicherungen durchbrannten, haben vieles dafür getan, andere Botschaften auszusenden. Flankiert werden sie noch von den Sofa-Tätern, von denen, die in den sozialen Netzwerken Gewalttätern applaudieren. Auch auf dem Instagram-Kanal der MOPO fiel einigen Clowns nichts Klügeres ein, als mit Parolen wie ACAB („All Cops are Bastards“) oder ähnlich Geistreichem auf die Berichterstattung zum Raketen- und Gewaltexzess zu reagieren.
Schon vor dem Spiel gegen Werder führte der HSV die Strafentabelle der Bundesliga an. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass die Pyro-Vorfälle vom Hinspiel gegen Werder den Klub mehr als eine halbe Million Euro an Strafen eingebrockt hatten. Das Zünden von Pyro aber ist in keinem Fall gleichzusetzen mit Gewalt und auch nicht mit Vandalismus.
HSV-Fans verhalten sich ähnlich wie Dynamo-Ultras
Vor zwei Wochen hatten Ultras von Dynamo Dresden für kollektive Fassungslosigkeit gesorgt, als sie beim Heimspiel gegen Hertha BSC den Platz stürmten und pyrotechnische Gegenstände in den Hertha-Block warfen. Es dauerte nur wenige Stunden, bis Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU), einer der Hardliner in der Debatte, sich zu Wort meldete. Es dürfe „kein Pardon“ mehr geben, sagte er und forderte „drakonische Konsequenzen“.

Das mutete schrill an. Wie ein Generalverdacht gegen Ultras. Die von Dynamo Dresden und die von Hansa Rostock scheinen doch eher Sonderfälle im deutschen Profifußball darzustellen – so die Meinung in Hamburg und anderswo. Wer sich aber über die schändlichen Exzesse dieser Ostklubs in scheinbar sicherer moralischer Überlegenheit erhob, der darf nun eingestehen, dass es doch klug erscheint, zunächst vor der eigenen Haustür oder aber dem eigenen Stadiontor nachzuschauen.
Vor Innenministerkonferenz: HSV-Ultras beschenken Hardliner
Die HSV-Ultras genießen viele Privilegien innerhalb des Klubs. Nicht zu Unrecht gewähren Vorstand und Präsidium ihnen Mitsprache. Jetzt aber sind Gräben aufgerissen worden. Seitens der Gewalttäter unter den Fans. Die Ultra-Gruppierungen werden sehr genau wissen, wer da dazugehört. Und mutmaßlich werden sie schweigen, die Täter decken. So wie fast immer. Wenn nicht, dann gebührt ihnen großer Respekt. Wenn doch, dann werden sie mit den Konsequenzen leben müssen.
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Wie die aussehen? Die nächste Innenministerkonferenz findet vom 17. bis 19. Juni in Hamburg statt. Landauf, landab demonstrieren aktive Fußballfans seit Monaten friedlich gegen drohende Einschränkungen des Stadionerlebnisses. Auch die HSV-Fans waren Vorreiter und dürfen sich jetzt auf die Fahnen schreiben, dass sie den politischen Hardlinern ein Geschenk geliefert haben, das sie nur noch auspacken müssen.
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