HSV-Trainer Merlin Polzin muntert seine Mannschaft in Dortmund auf.

Ein großes Spiel mit tragischem Ausgang: HSV-Trainer Merlin Polzin musste mit seinen Profis in Dortmund eine Niederlage hinnehmen. Foto: imago/Jan Huebner

Kommentar: Die Fan-Wut auf HSV-Trainer Polzin ist völlig daneben

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Ohne Frage: Die 2:3-Niederlage bei Borussia Dortmund am vergangenen Samstagabend war eine besonders bittere. Nicht nur, dass der HSV bis zur 73. Minute mit 2:0 führte, in der ersten Halbzeit spielten die Hamburger ein richtig gutes Auswärtsspiel gegen den Rückrunden-Tabellenführer der Bundesliga. Spätestens nach dem verschossenen Nmecha-Elfmeter kurz vor der Halbzeit sprach so vieles für einen Coup. Dass sich der Ärger vieler Fans über die Pleite, zumindest entsteht der Eindruck massiv beim Blick auf die Kommentarspalten in den sozialen Medien, nun gegen Trainer Merlin Polzin richtet, verkürzt die Ursachen für das verlorene Spiel aber erheblich.

Was regt die Anhänger so auf? Der Tenor: Polzin hätte Fábio Vieira und Philip Otele nicht nach 68 Minuten durch Damion Downs und Fabio Baldé ersetzen dürfen, weil vor allem durch die Herausnahme von Vieira dem HSV jegliche Möglichkeit der Entlastung final abhandengekommen sei. Da stand es schließlich noch 2:0, ergo: Polzin ist schuld. Grundsätzlich sind sich vermutlich alle einig, dass Vieira, wenn gesund, immer beim HSV durchspielen sollte. Seine Fähigkeiten gibt es im Kader sonst nicht.

Polzin musste wechseln, weil der Druck des BVB zunahm

Aber diese Schlussfolgerung ist zu plump – und sie wird der Arbeit von Trainern nicht gerecht. Der HSV war auch vor Vieiras Auswechslung enorm unter Druck geraten. Dortmund hatte den HSV schon zuvor immer tiefer in der eigenen Hälfte eingeschnürt. Auch vor der 68. Minute gab es keinen Ballkontakt im BVB-Strafraum. Der Mannschaft gelang es ab Minute 55 zunehmend nicht mehr, herauszuschieben und nach vorne zu verteidigen. Aus Trainersicht besteht in solchen Momenten akuter Handlungsbedarf. Frische Spieler können in solchen Momenten häufig dafür sorgen, die erste Verteidigungslinie wieder etwas nach vorne zu schieben, der ersten Dortmunder Ballbesitzlinie wieder mehr Druck zu geben.

William Mikelbrencis, Luka Vuskovic, Nicolai Remberg und Warmed Omari (v.l.) waren nach den Elfmetern angefressen. WITTERS
William Mikelbrencis, Luka Vuskovic, Nicolai Remberg und Warmed Omari ärgern sich.
William Mikelbrencis, Luka Vuskovic, Nicolai Remberg und Warmed Omari (v.l.) waren nach den Elfmetern angefressen.

Mit dem Wissen des Spielausgangs, eine Entscheidung während des Spiels zu hinterfragen, die im Nachhinein nicht aufging, ist einfach. Dass die Spielertypen, die für Vieira und Otele kamen, nicht in der Lage waren, für mehr Entlastung zu sorgen, ist deren Qualität im Ballbesitz geschuldet. Zu hinterfragen, ob diese Spieler die richtigen für die Situation waren, ist legitim. Dass sowohl Downs als auch Baldé dann nicht in der Lage waren, mit ihrer Frische mehr Druck gegen den Ball zu entwickeln, kannst du als Trainer vorher nicht wissen. Und trotzdem bestand in dem Moment Handlungsbedarf.


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Wie gesagt: Der Druck hatte auch vorher schon enorm zugenommen. Und was auch völlig untergeht bei der Wut auf Polzin: Der HSV hat bei Borussia Dortmund gespielt. Nur die Bayern haben im Signal Iduna Park in dieser Saison gewonnen. Der BVB führt die Rückrundentabelle an, ist ungefährdeter Tabellenzweiter, hat reichlich Qualität im Kader und schon früh in der zweiten Halbzeit mit gefühlt zehn Stürmern auf dem Platz gestanden.

Auch Polzin wird weiter lernen müssen

Wie Daniel Heuer Fernandes nach dem Spiel sagte: In solchen Spielen mit dieser Dynamik musst du einfach versuchen, mit allem, was du hast, deine Box zu verteidigen – und dann kann es auch mal gutgehen. Dass William Mikelbrencis einen maximal unnötigen Elfmeter verursacht und mit dem verwandelten Strafstoß auch das Stadion den letzten Tropfen Energie ins Dortmunder Spiel bringt, liegt nicht in Polzins Verantwortung.

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Das heißt alles natürlich nicht, dass Polzin auf ewig wegen des Aufstiegs unantastbar sein soll. Auch er muss weiter lernen, sich verbessern, in Spielen bessere Entscheidungen treffen. Das weiß er auch selbst. Aber Kritik sollte immer auch differenziert sein und nicht plump in die eigene Agenda passen, nur weil vielleicht der eigene Lieblingsspieler nicht so behandelt wurde, wie man sich das als Fan gewünscht hätte.

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Der HSV steht unterm Strich mit 30 Punkten und auf Platz 12 ordentlich da. Hätten es mehr Zähler sein können? Ja. Hat Polzin in dieser Saison auch schon Fehler gemacht? Ja. Hat er aber mit seiner behutsamen Aufbauarbeit dafür gesorgt, dass der HSV in der Bundesliga eine gute Rolle spielen kann? Ja. Also weitermachen, Klassenerhalt eintüten und dann können alle in Ruhe analysieren.

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