Kommentar: Darum wiegt das Kuntz-Aus beim HSV so schwer
Als sich Stefan Kuntz am Abend des 20. Dezember aus dem Volksparkstadion verabschiedete und durch die Hamburger Kälte nach Hause brauste, ahnte wohl noch niemand, dass dies das letzte Goodbye des 63-Jährigen als HSV-Sportvorstand sein sollte. Wenige Stunden zuvor hatten die Hamburger Profis Eintracht Frankfurt ein 1:1 abgetrotzt und mit dem Punkt gegen den Champions-League-Teilnehmer ein überaus erfolgreiches Jahr gekrönt. Erst der rauschhafte Aufstieg im Mai, nun Rang 13 zur Winterpause – ein voller Erfolg, der nicht zuletzt Kuntz‘ Handschrift trägt. Umso überraschender, dass ab sofort die schwierige Suche nach einem adäquaten Nachfolger beginnen muss.
Als der HSV am Freitagmorgen verkündete, Kuntz‘ Bitte um Auflösung seines Vertrages nachzukommen, dürfte sich bei einem Großteil der HSV-Fans ein unangenehmes Gefühl der Schwere breitgemacht haben. Denn Kuntz – seit Sommer 2024 im Amt und Nachfolger von Jonas Boldt – war nicht nur erfolgreich, sondern auch beliebt. Ein Menschenfänger, der seinem Ruf in Hamburg gerecht wurde. Offenherzig und nicht selten als Kumpeltyp unterwegs.
Einer, der in der Lage ist, fast jedem Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, je nachdem, welche Tonalität gerade gefragt ist. Aber auch ein knallharter Chef, wenn es darauf ankommt, so berichten es Wegbegleiter beim HSV. Kurzum: Einer, der eine Lücke hinterlässt.

Kuntz bat den HSV-Aufsichtsrat um Auflösung seines Vertrages
Kuntz wird nun an anderer Stelle gebraucht, daheim im Saarland. Die Familie ruft. Und er hinterlässt ein schweres Vermächtnis. Denn was ihn in seiner HSV-Zeit besonders auszeichnete, war seine Gabe, einzulenken. So war es, als er Steffen Baumgart im November 2024 entließ und Merlin Polzin die Chance gab, sich als Chef zu profilieren. Dass Kuntz zwischenzeitlich eher eine Lösung mit Lukas Kwasniok (damals Paderborn, jetzt Köln) favorisierte, ist ein offenes Geheimnis. Letztlich aber stand der Sportvorstand zu Polzin und schenkte ihm dann auch volles Vertrauen. Ein durchaus mutiger Schritt und ein Rückhalt, der sich mit dem Aufstieg voll auszahlen sollte.

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Auch in der Zusammenarbeit mit Sportdirektor Claus Costa soll es anfänglich etwas geknirscht haben. Doch die beiden fanden sich, wurden zu einem gut funktionierenden Team und schafften es nicht zuletzt im vergangenen Sommer, den HSV durch diverse Kader-Umstellungen und schlaue Transfers für seine erste Bundesliga-Saison nach sieben Jahren Abstinenz zu rüsten. Mit Finanz-Vorstand Eric Huwer, wie Kuntz Saarländer, entwickelte sich nach leichter anfänglicher Skepsis ebenfalls ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis.

Der HSV-Aufsichtsrat sucht einen Nachfolger für Kuntz
Und nun? Der Aufsichtsrat hat die schwierige Aufgabe, einen geeigneten Nachfolger für seinen Aufstiegs-Vorstand zu finden. Einen, der nicht nur über sportliche Kompetenz verfügt, sondern vor allem in der Lage ist, den in jeder Hinsicht polarisierenden und aufgeregten Großverein zu führen – und dabei auch öffentlich die richtigen Töne anzuschlagen, wenn es darauf ankommt. Das fiel in der Vergangenheit nicht jedem HSV-Vorstand leicht.
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Dennoch dürfen alle HSV-Fans, die am Freitag aus allen Wolken fielen, beruhigt sein. Panik ist trotz Kuntz’ Abgang nicht angebracht. Die sportliche Entscheidungsebene ist durch Costa und Scouting-Leiter Sebastian Dirscherl für den Moment auch weiterhin sehr gut aufgestellt.

Vor allem Hamburgs Sportdirektor hat sich in der Szene einen sehr guten Ruf erarbeitet, fühlt sich in seiner Rolle mittlerweile pudelwohl und galt schon in den vergangenen zwölf Monaten als der entscheidende Mann bei den meisten HSV-Transfers – mit Kuntz an seiner Seite. In diesem Winter wird Costa die Dinge nun allein regeln müssen. Gelingt im Mai der Klassenerhalt, dürfte einer der ersten Gratulanten aus dem Saarland kommen.
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