Kommen jetzt noch neun Neue? So plant der HSV seinen neuen Kader
Die erste Entscheidung mit großer Auswirkung auf die Kader-Planung ist gefallen: Ransford Königsdörffer geht nach Mainz und hat Claus Costa einen zusätzlichen Auftrag für den langen Transfer-Sommer verschafft. Der HSV muss im Sturm handeln, jetzt sogar in größerem Maße als erhofft. Aber nicht nur dort. Beim Blick auf das Aufgebot für die kommende Saison und auf die gültigen Verträge fällt auf: Merlin Polzin hat erst ein halbes Team mit Stammspielern.
Über das Wort „erst“ mag man streiten. Die alte Saison ist gerade mal seit einer Woche vorbei, das Transferfenster hat offiziell noch gar nicht begonnen – und auf dem Markt dürfte es aufgrund der WM ohnehin später als im Vorjahr drunter und drüber gehen. Königsdörffers ablösefreier Abgang schmerzt den HSV sportlich und finanziell, er steht aber zumindest frühzeitig fest. Diese Zeit kann Costa nutzen. Er wird aber auch diesen Sommer viele Baustellen zeitgleich bearbeiten müssen. Das Kader-Puzzle ist komplex.
Sechs Stammspieler stehen noch beim HSV unter Vertrag
Wenn man es herunterbricht, stehen derzeit nur sechs Stammkräfte aus der abgelaufenen Spielzeit auch in der neuen unter Vertrag. Neben Torwart Daniel Heuer Fernandes, der vor Ersatzkeeper Sander Tangvik die Nummer eins bleibt und vor der Unterschrift bis 2028 steht, sind das Jordan Torunarigha, Nicolás Capaldo, Miro Muheim, Nicolai Remberg und Albert Sambi Lokonga. Hinter, vor und/oder neben ihnen gibt es viele Fragezeichen. Es sind bis zu neun (siehe Abbildung unten). Und sie alle hängen auch mit der taktischen Ausrichtung zusammen.
Nach dem XXL-Umbruch im Vorjahr ist nicht zu erwarten, dass Polzin und sein Partner Loic Favé die Grundordnung erneut drastisch verändern werden. Das System mit Dreier-Abwehrkette, dem oft in die Mitte ziehenden Linksverteidiger Muheim und einem rechten Schienenspieler, der die Breite hält, hat sich als Bundesliga-tauglich erwiesen. In vorderster Reihe jedoch lautet die Frage: ein Zehner und zwei Stürmer – oder zwei (halbe) Flügelspieler und „nur“ ein klarer Angreifer? Also: 3-4-1-2 – oder doch 3-4-3?
Riskanter Poker mit Grønbæk könnte sich lohnen
Auch um Fábio Vieiras Fähigkeiten ideal nutzen zu können, passte Polzin die Taktik in der abgelaufenen Saison mehrfach in Nuancen an. Die Zukunft des Portugiesen hat nun entscheidenden Einfluss auf die Kader-Pläne. Sollte der HSV Vieira nicht fest vom FC Arsenal verpflichten, dann bräuchte es einen neuen Kreativkopf, um die System-Option mit einem klassischen Zehner zu erhalten. Einer von mehreren Kandidaten ist diesbezüglich der 22-jährige Martin Adeline vom französischen Zweitligisten ES Troyes AC. Auch Albert Grønbæk ist diese Rolle zuzutrauen. Die Zukunft des Dänen gilt aber ebenfalls als offen. Stade Rennes ist nicht bereit, bei der Kaufoption von fünf Millionen Euro Abstriche zu machen. Der HSV schielt auf einen günstigeren Preis zu einem späteren Zeitpunkt.
Es ist ein riskanter Poker – jedoch einer, der sich lohnen könnte, zumal sich der flexible Grønbæk im Saison-Endspurt als interessante Alternative für die linke Seite erwies. Der 24-Jährige könnte als Allzweckwaffe wichtig bleiben. Notwendig erscheint dennoch, dass Costa etwas nachholen muss, was im Winter verpasst wurde: einen klaren Backup für Muheim zu holen. Noah Katterbach wird trotz Vertrags bis 2027 gehen. Talent Louis Lemke (16) soll herangeführt werden, darf links aber nicht die einzige B-Lösung sein, wenn Muheim mal fehlt – wie zuletzt zwischen dem 31. und 33. Spieltag.
Vielseitigkeit von Profis wie Capaldo als Trumpf
Auf der rechten Schiene genießt die Verpflichtung einer neuen Stammkraft Priorität. Der vor ein paar Monaten eigentlich aussortierte Bakery Jatta könnte zumindest erster Vertreter bleiben, bei William Mikelbrencis, dessen Vertrag endet, stehen die Zeichen auf Abschied. Helfen kann auch die Vielseitigkeit von Capaldo, der diese Position beim 1:1 in Leverkusen bekleidete – ein Testlauf für die Zukunft?
Eigentlich ist der Argentinier als halbrechter Abwehrmann hinten gesetzt. Im defensiven Zentrum ist es Costas größter Job, einen Nachfolger für Luka Vuskovic zu finden. Aber auch ein zweiter neuer Innenverteidiger dürfte kommen. Weil Eigengewächs Shafiq Nandja (19), der am Donnerstag seinen ersten Profivertrag unterschrieb, noch Zeit benötigt. Weil Aboubaka Soumahoro ohne Spielpraxis von seiner Leihe zu St. Etienne zurückkehrt und erneut abgegeben werden könnte. Weil sonst nur Warmed Omari und Daniel Elfadli da sind. Und weil Costa weiß, dass es naiv wäre, schon jetzt verlässlich mit Mario Vuskovic zu planen.
Mario Vuskovic könnte zum Joker für den HSV werden
Der Kroate wird nach dem Ende seiner Dopingsperre im November erst mal ein Joker im Kader sein. Kofi Amoako, der für weniger als zwei Millionen Euro aus Dresden kommt, stößt als Mittelfeld-Option zeitnah dazu. Der 21-Jährige reiht sich hinter Remberg und Sambi Lokonga ein.
Die Verkaufskandidaten Jean-Luc Dompé und Fabio Baldé dagegen könnten wie Ex-Leihgabe Philip Otele, den es zurück zum FC Basel zieht, bald nicht mehr da sein. Dann blieben noch Rayan Philippe, der sich neu beweisen möchte, und Alexander Røssing-Lelesiit als potenzielle Flügelspieler, je nach Systematik. Der norwegische Youngster wird den Auftakt in die Saisonvorbereitung allerdings aufgrund seiner erneut schweren Syndesmoseverletzung verpassen.
Und Robert Glatzel? Der 32-Jährige bekam in der Rückrunde neue Chancen unter Polzin, ein Abschied aber ist ein Jahr vor dem Vertragsende keinesfalls ausgeschlossen. Sollte nach Königsdörffer auch der monatelang unzufriedene Glatzel gehen, bräuchte der HSV wohl sogar drei neue Stürmer. Zwei aber definitiv, denn Damion Downs geht nach seiner Rückrunden-Leihe zurück zum FC Southampton, Kapitän Yussuf Poulsen ist zu verletzungsanfällig – und Otto Stange eher ein Herausforderer, bei dem eine erneute Leihe im Laufe des Sommers trotz seiner Liebe zum HSV nicht auszuschließen ist. Das Puzzle bleibt komplex. Es gibt mindestens neun Fragezeichen – und deshalb nach Amoako neun weitere Transfers?