Kein Platz für rechte Tendenzen beim HSV: Ultras räumen die Kurve auf

HSV-Fans halten ein Banner gegen Rassismus hoch
Die HSV-Ultras engagieren sich gegen Rassismus und Faschismus – auch und insbesondere in der Kurve des Volksparkstadions.

Einmal tief Luft holen – und dann ab in den Saisonendspurt. Was für die Profis des HSV gilt, trifft in der Länderspielpause gleichermaßen auf die Ultra-Gruppierungen zu, die den Verein allwöchentlich unterstützen. Am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker bei MOPO.de) gegen Augsburg soll der Volkspark dann wieder beben. Doch die Stimmung, die auf den Rängen herrscht, ist das eine. Die Arbeit, die damit einhergeht, das andere. Hinter den Kulissen ist in HSV-Fankreisen ein bemerkenswerter Prozess im Gange, der das Ziel hat, die Werte der Nordtribüne gegen rechte Tendenzen zu verteidigen. Betroffen davon sind Ultra-Gruppierungen befreundeter Vereine.

Was nach den Wochenenden bleibt, sind schöne Fotos. Auch im Rahmen der Partie gegen Augsburg könnte es zu einer viel beachteten Choreo kommen, die sowohl Fans als auch Spieler erfreut. Wenn Tausende HSV-Anhänger auf der Nordtribüne die zuvor entwickelten Ideen umsetzen, entstehen Momentaufnahmen, von denen mitunter noch viele Jahre später gesprochen wird. Es sind die sichtbaren Zeichen der Ultra-Kultur. Mindestens genauso wichtig aber ist das, was im Verborgenen geschieht und für ein gutes Klima auf den Tribünen sorgen soll. Diesbezüglich setzen die HSV-Ultras klare Zeichen. Das hat zur Folge, dass mehrere Gruppierungen befreundeter Vereine ein Betretungsverbot auf der Nordtribüne haben.

HSV-Ultras prügelten sich zuletzt mit Lübecker Fans

Erst kürzlich wurde deutlich, dass auch langjährige Freundschaften an ihre Grenzen stoßen. Vor zwei Wochen prügelten sich HSV-Ultras am Rande des Spiels ihrer U21 in Lübeck mit Mitgliedern der VfB-Gruppierung „Halunken“, kurioserweise wurden sie dabei von anderen Lübecker Ultras unterstützt. Der Hauptgrund: Den „Halunken“ wird eine klar rechtsextreme Gesinnung nachgesagt. Genau das wird von den HSV-Ultras nicht toleriert.

Auf der Nordtribüne, dem Hotspot der HSV-Ultras im Volkspark, wurde bereits vor geraumer Zeit ein Betretungsverbot gegen die „Halunken“ verhängt. Der unmissverständliche Tenor: Wer die Werte unseres Vereins nicht lebt und sich nicht entsprechend benehmen kann, hat in unserem Kreis nichts verloren. Diskriminierung, Sexismus oder Homophobie sollen im Volksparkstadion keinen Platz haben.

Die „Halunken“ sind allerdings nicht die Einzigen, die von den HSV-Ultras geächtet werden. Betroffen sind auch die „Union Bears“ der Glasgow Rangers, die das Gros der Ultra-Bewegung des schottischen Vereins darstellen. Und genau anhand dieses Beispiels wird deutlich, wie stark Fußball und Politik in den Kurven miteinander verknüpft sind.

Fans der Glasgow Rangers sorgten mit Banner für Ärger

Zwar sind Rangers- und HSV-Fans seit Jahrzehnten befreundet, vor rund einem Jahr aber erhielt das einst innige Verhältnis tiefe Risse. Im Rahmen des Europa-League-Spiels gegen Fenerbahce Istanbul entrollten Rangers-Fans ein Banner („Keep woke foreign ideologies out – defend Europe“), das als politisch rechtes Statement zu verstehen war und auch von der UEFA als klar rassistisch und diskriminierend bezeichnet wurde. Ein Vorfall, der insbesondere viele der älteren HSV-Ultras zutiefst enttäuschte und für eine emotionale Entfremdung sorgte. Zudem sollen auch die engen Freundschaften der Glasgow-Ultras zu den ebenfalls rechtsorientierten „Bad Gones“ des französischen Erstligisten Olympique Lyon für Unmut beim HSV-Anhang sorgen.

Fans der Glasgow Rangers halten ein Banner zur Verteidigung von Europa hoch
Dieses rechtsextreme Banner der Rangers-Fans sorgte beim HSV für Fassungslosigkeit.

Die „Union Bears“ sind im Volkspark nicht mehr gern gesehen, grundsätzlich geht die Abneigung sogar über die Tribünen hinaus. Noch im Sommer 2023 feierten Fans beider Lager zusammen ein Fußball-Fest, als ihre Vereine in einem Testspiel aufeinandertrafen. Die Freude war riesig, 46.000 Fans kamen damals ins Glasgower Ibrox Stadium. Mittlerweile sei eine Neuauflage des Duells allerdings undenkbar und würde gewaltige Proteste der HSV-Fanszene nach sich ziehen, heißt es aus Ultra-Kreisen.

Wie aber lässt sich das Betretungsverbot gegen die in Missgunst geratenen Lübecker und Glasgower Gruppierungen eigentlich durchsetzen? Grundsätzlich steht es ja jedermann frei, sich mit Tickets für verschiedenste Bereiche im Volkspark einzudecken, also auch für die Nordtribüne. Letztlich greifen hier aber die rauen Gesetze der Kurve. Die Betroffenen wüssten Bescheid, heißt es. Sollten sie das Verbot dennoch missachten, würden halt andere Saiten aufgezogen werden. Diesbezüglich seien sich sämtliche HSV-Ultra-Gruppen einig.

HSV-Ultras haben auch Differenzen mit „West Hannover“

Gegen Unbelehrbare ist kein Kraut gewachsen, das weiß man auch im Volkspark. Manchmal hilft es aber, miteinander zu reden. So gab es nach MOPO-Informationen kürzlich auch Differenzen mit den Ultras der Gruppierung „West Hannover“, die zu den Unterstützern von Hannover 96 gehören und ebenfalls einen zweifelhaften Ruf in der Szene genießen. Auch ihnen drohte aufgrund rechter Tendenzen ein Betretungsverbot. Zahlreiche Gespräche sollen allerdings für eine Entspannung des Verhältnisses gesorgt haben. Oder wie es beim HSV heißt: Die „Westler“ wüssten jetzt, wie sie sich im Volksparkstadion zu benehmen hätten.

Was nach zahlreichen Reibereien und offenen Rechnungen zwischen den Ultras unterschiedlicher Vereine klingt, ist in diesen Fällen tatsächlich nur der Tatsache geschuldet, dass die HSV-Fans ihre Tribünen politisch sauber halten wollen. Eine Folge des Einflusses, der nicht zuletzt vom „Netzwerk Erinnerungsarbeit“ gefördert wird. Das 2016 ins Leben gerufene Projekt setzt sich gegen Diskriminierung und für einen vielfältigen und diversen Fußball ein.

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Tiefe und feste Fan-Freundschaften gibt es natürlich auch im Volkspark weiterhin. Vor allem zum FC Kopenhagen und zu Arminia Bielefeld, weiterhin aber auch nach Lübeck und Hannover. All diejenigen, die sich zu benehmen wissen, sind weiterhin auf der Nordtribüne willkommen und können auch am Samstag gegen Augsburg kräftig mithelfen. Dann könnten erneut starke Bilder entstehen, die für Erstaunen und Freude sorgen – die Arbeit dahinter aber wird auch weiterhin unsichtbar bleiben.