„Juckt mich null“: Ist dieses große HSV-Problem wirklich „egal“?
Es stimmt ja: Als Aufsteiger kann man bei der aktuell beachtlich starken TSG Hoffenheim verlieren, das hat in dieser Saison etwa auch schon RB Leipzig getan (mit 1:3). Die 1:4-Pleite des HSV in der Pre-Zero-Arena löste dennoch Fragezeichen aus. Denn Merlin Polzins Mannschaft hat bereits bewiesen, dass sie auswärts bei einem Topteam mithalten kann, siehe die Partie in Leipzig, ungeachtet des Resultats (1:2). Das war grundsätzlich ein Zeichen der Stärke. Umso überraschender war es aber, dass der HSV an diesem Samstag derart chancenlos war. Nach den Pleiten in Köln (1:4) und Augsburg (0:1) setzte es in der Ferne nun die nächste – mit Folgen.
Durch die Niederlage in Hoffenheim ist klar, dass der HSV den ersten Saisonteil auf dem letzten Platz beenden wird – in der Bundesliga-Auswärtstabelle. Fünf Pleiten und zwei Remis: Kein einziges Mal konnten die Hamburger vor der Winterpause fernab des Volksparks gewinnen. Alarmierend oder am Ende nicht entscheidend? Vermutlich beides.
HSV beendet das Jahr in der Auswärtstabelle als Letzter
Denn zur Wahrheit gehört natürlich auch: Der HSV steht mit insgesamt 15 Punkten nach 14 Partien weiterhin gut da, auch wenn der VfL Wolfsburg durch das 3:1 in Gladbach in der Gesamttabelle vorbeizog und der siegreiche FC St. Pauli (2:1 gegen Heidenheim) wieder näher an den Stadtrivalen heranrückte. Die positive Lesart ist, dass der HSV dank seiner Heimstärke (vier Dreier, ein Unentschieden, zwei Niederlagen) auf dem ordentlichen 14. Platz steht. Und die Profis haben natürlich das absolute Recht, auf die starke Volkspark-Bilanz zu verweisen, Kraft daraus zu ziehen.

Weil Yussuf Poulsen der Gesamteindruck am wichtigsten ist, reagierte er am Samstagabend etwas gereizt, als er kurz nach dem Abpfiff auf den Fakt angesprochen wurde, dass der HSV auswärts abermals nicht dreifach punkten konnte, diesmal in Hoffenheim. „Die Auswärtstabelle juckt mich eigentlich null Komma null. Das ist scheißegal“, konterte der Kapitän. „Am Ende zählt die (gesamte; d. Red.) Tabelle. Ob zu Hause oder auswärts – es ist relativ egal, wo wir die Punkte holen. Wir müssen einfach die Punkte holen.“ Sollte der HSV das vor heimischer Kulisse weiterhin so stark tun wie im bisherigen Saisonverlauf, dürfte er die Klasse halten. Doch sollte man sich hierauf verlassen?
HSV darf Mut aus der Heimstärke ziehen – aber reicht das?
Das wäre leichtsinnig, auch wenn die Ausrufezeichen gegen den BVB (1:1), den VfB Stuttgart (2:1) und Werder Bremen (3:2) nicht die letzten im Volkspark bleiben dürften. Noch mal: Der HSV darf und muss auf den wertvollen Heimspielfaktor setzen. Er erhöht die Wahrscheinlichkeit auf den Klassenerhalt. Doch weil es keine Garantie dafür gibt, dass Poulsen und Co. auch die kommenden Heimspiele gegen Frankfurt (!, 20. Dezember), Leverkusen (!, 13. Januar), Gladbach (!, 17. Januar) und Bayern (!, 31. Januar) erfolgreich nutzen, wird der HSV seine Auswärtsbilanz früher oder später verbessern müssen. Über den Jahreswechsel bleibt hier Rang 18 stehen, das steht bereits fest.
Auch Poulsen verhehlte nicht, dass die Leistung in Hoffenheim nicht ausreichte. „Es war einfach zu wenig heute, um Punkte zu holen“, sagte der Stürmer und dachte auch an die besondere Auswärtskulisse mit mehr als 10.000 HSV-Fans: „Natürlich ist es bitter, dass wir ihnen heute keine Freude machen konnten. Gerade das tut weh.“ Aber der Zwischenstand im Auswärtstableau? Der sei ihm eben herzlich egal. Auch Polzin schob die Debatte vorerst beiseite.

„Man muss das Ganze weniger an den Statistiken festhalten, sondern sachlich und nüchtern bewerten“, forderte der HSV-Trainer und begann mit einer Eloge für den Gegner aus dem Kraichgau: „Wir haben gegen die wahrscheinlich intensivste Mannschaft der Bundesliga gespielt, die es einem mit ihrem Pressing extrem unangenehm macht, spielerische Lösungen zu finden. Wir wissen als HSV, dass wir noch ein großes Stück von diesen Mannschaften entfernt sind.“ Das bekam sein Team gegen die TSG zu spüren, gnadenlos und schon in der Anfangsphase samt dem frühen 0:1-Gegentor (7.). Polzin ist sich allerdings sicher: „Das hat wenig mit heim oder auswärts zu tun.“
Trainer Polzin: „Hat wenig mit heim oder auswärts zu tun“
Der 35-Jährige legte dennoch den Finger in die Wunde, weil er in Hoffenheim Grundsätzliches vermisste. „Es geht darum, in jedem einzelnen Zweikampf auf dem Platz Lösungen zu finden und sich zu behaupten. Das haben wir heute nicht so getan, wie wir es in den vergangenen Wochen gezeigt haben“, kritisierte er. „Das hat etwas mit unserer eigenen Leistung zu tun, aber auch mit der Qualität des Gegners.“ Und die sei bei der TSG, die sich unter Christian Ilzer zum Europapokal-Aspiranten entwickelt hat und Platz fünf absicherte, eben sehr stark ausgeprägt.
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Deshalb formulierte Polzin, als er seine Ausführungen zum Auswärtsthema beendete, einen Appell: „Es ist in der Betrachtung und Bewertung des Spiels wichtig, zu berücksichtigen, dass Christians Mannschaft eine unfassbare Saison spielt – mit einem guten Fußball und aggressivem Pressing. Deswegen können wir das nüchtern betrachten.“ Bedeutet: Der Übungsleiter will die vierte Auswärtspleite des HSV analysieren, aber nicht überbewerten. „Trotzdem wollen wir wieder ein anderes Gesicht zeigen – bestenfalls schon nächste Woche.“ Gegen Frankfurt. Zu Hause.
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