„Ich akzeptiere kein Gejammer“: Favé verrät HSV-Vision – und ein Dompé-Geheimnis
Manchmal vergisst er sogar, welcher Tag gerade ist, so sehr lebt Loic Favé (32) den HSV und so viel arbeitet er, um den Verein nach vorne zu bringen. In der MOPO erklärt er als Assistent von Merlin Polzin die „Riesenchance“, die das junge Trainer-Trio nutzen möchte. Als Sportlicher Nachwuchsleiter betont er, welche Klagen der Talente er nicht akzeptieren kann. Und als Mensch, der Französisch spricht, verrät Favé ein Geheimnis über HSV-Star Jean-Luc Dompé.
MOPO: Herr Favé, zunächst: Alles Gute nachträglich! Am Dienstag wurden Sie 32 Jahre alt, es gab ein gemeinsames Frühstück mit Merlin Polzin, Richard Krohn und dem ganzen Staff. Haben Sie ein Geschenk Ihrer Trainer-Kollegen bekommen?
Loic Favé: Bisher noch nicht. Mal gucken, ob sie sich noch etwas einfallen lassen (lacht). Aber das Frühstück selbst war schon super. Wir sehen uns als großes Team und es tut gut, auch außerhalb des Stadions beisammen zu sein. Das schweißt uns zusammen.
Am vergangenen Freitag beim 2:1 in Münster, nach dem zurückgenommenen Elfmeter in der zweiten Hälfte, haben Sie wegen Protests die Gelbe Karte gesehen. War das Ihre erste Verwarnung im Profibereich?Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich als Co-Trainer von St. Pauli auch mal eine Gelb Karte gesehen. Es war also die zweite.
HSV-Trainer Favé selbstkritisch: „Ein bisschen ruhiger sein“
Und was sagt das aus über den Trainertypen Loic Favé?
Wer Spiele mit mir als U21-Trainer des HSV gesehen hat, weiß, dass das ein Thema ist, an dem ich arbeiten will. Es geht darum, ein bisschen ruhiger von draußen zu sein – denn am Ende bringt das Reklamieren oft nichts. Die Szene in Münster hat mich aber geärgert. Grundsätzlich weiß jeder, der mich kennt, dass Emotionen an der Seitenlinie bei mir immer eine Rolle spielen. Das ist wichtig, weil Emotionen ansteckend sein können für die Mannschaft. Wichtig ist aber, zu wissen, wann es hilft – und wann nicht.
Ludovit Reis sagte uns kürzlich: „Merlin ist der Chef, das weiß jeder. Aber Loic agiert daneben sehr stark.“ Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit im Trainerteam, zu dem auch Richard Krohn gehört?
Merlins Ansatz war von Anfang an: Wir machen und besprechen alles zusammen. Das war schon so, als er Anfang 2024 Interimstrainer war. Im November (nach der Entlassung von Ex-Chefcoach Steffen Baumgart; d. Red.) war uns klar, dass wir mit Richi unbedingt jemanden dazuholen, weil sich unsere Ideen nur als großes Team umsetzen lassen – zum Beispiel, viel mit den Spielern zu sprechen und die Dinge inhaltlich klar zu benennen.
Favé wollte eigentlich nicht mehr als Co-Trainer arbeiten
Nach der Entlassung von Tim Walter wurden Sie am 12. Februar 2024, nur einen Monat nach Ihrer Vorstellung beim HSV, erstmals zum Co-Trainer berufen. Hätten Sie gedacht, dass Sie ein Jahr später nun wieder als Assistent tätig sein würden?
Es ist kein Geheimnis, dass ich mich vergangenes Jahr eigentlich gegen die Co-Trainer-Tätigkeit entschieden hatte. Zumindest für den Moment. Deshalb habe ich Anfang 2024 beim 1. FC Köln nicht mit Timo Schultz (zuvor sein Trainerpartner beim FC St. Pauli und danach beim FC Basel; d. Red.) weitergemacht und ging stattdessen zum HSV – und deshalb war es mir im vergangenen Sommer wichtig, mit der U21 meine eigene Mannschaft beim HSV zu übernehmen. Ich war schon immer jemand, der gerne gestaltet und aktiv sein will. Einen Einfluss zu haben, ist mir wichtig. Und das lebt Merlin komplett. Daher macht es mir in dieser Konstellation aktuell sehr viel Spaß.
Merlin Polzin verriet zuletzt: „Jeder Trainer hat sein Spezialgebiet.“ Was ist Ihres beim HSV?
Wir sehen den Fußball so, dass alles einander beeinflusst. Und uns ist ganz wichtig: Wofür wollen wir fußballerisch stehen? Deshalb kann man nicht sagen: Der eine macht nur die Defensive, der andere nur die Offensive. Klar, Merlin hat durch seine Rolle auch viele Termine drumherum, Richi und ich konzentrieren uns auf die Trainingsausarbeitung. Richi hat beispielsweise seinen Fokus auf dem nächsten Gegner, ich fokussiere mich eher darauf, wie wir agieren wollen. Der Mannschaft war es wichtig, dass wir eigene Prinzipien und eine eigene Art, Fußball zu spielen, entwickeln. Die finale Spielvorbereitung machen wir immer zusammen. Deswegen gibt es bei uns im Trainerteam keine klassische Aufteilung.
Mit Polzin und Krohn bildet Favé jüngstes HSV-Trainerteam
Sie bilden als Trio das jüngste Trainerteam, das der HSV in seiner Profi-Historie je beschäftigt hat. Sehen Sie das als eine Auszeichnung?
Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Als ich und Fabi (Fabian Hürzeler; d. Red.) bei St. Pauli die jüngsten Co-Trainer der Zweiten Liga waren, dachte ich mir vor der ersten Einheit: Wie wird das sein? Aber unser Alter war bei den Spielern kein Thema. Hier beim HSV ist es genauso. Die Jungs fragen sich nur: Wie ticken wir menschlich? Wie können wir ihnen helfen? Ich glaube, wir drei haben eine Riesenchance, weil wir alle sehr ähnlich auf den Fußball schauen. Trotzdem sind wir unterschiedliche Charaktere, diskutieren auch mal wild miteinander.
Wie sieht es aus, wenn Sie als Trainer inhaltlich mal uneinig sind?
Man kommt als Team nicht voran, wenn man immer nur dieselbe Meinung hat zum Spielstil oder zur Art, wie man dem Gegner begegnen möchte. Es sollten nicht alle sofort sagen: So machen wir das. Dadurch entsteht keine Reibung. Diese Reibung ist aber wichtig, um unsere Pläne besser zu machen. Wir erwarten auch von unseren Spielern, dass Reibung da ist, die Jungs sollen sich die Meinung sagen. Da müssen wir als Vorbilder vorangehen. Das ist nicht künstlich. Richi und ich haben schon in der U21 zusammengearbeitet. Und als wir hier erstmals ins Büro kamen, dachten viele: Wir müssen uns Sorgen machen, dass die beiden sich gleich richtig streiten (lacht). Aber alle haben schnell gespürt, dass wir häufig heiß diskutieren, aber schließlich auf eine gemeinsame Linie kommen.
Nachwuchsleiter beim HSV: „Ich mache nicht alles allein“
Parallel zu Ihrer Tätigkeit als Co-Trainer sind Sie der Sportliche Leiter im HSV-Nachwuchs. Für diesen Job kamen Sie im Januar 2024 ursprünglich in den Verein. Wir kriegen Sie den Spagat nun hin?
Die Rolle war nie so ausgelegt, dass ich alles allein mache. Ich möchte die sportliche Ausrichtung mit vorgeben und entwickeln, mit Trainern arbeiten, um die Ideen weiterzutragen. Unsere Vision ist klar, jetzt geht es um die Umsetzung. Ich persönlich habe schon immer 24/7 Fußball gemacht. Ich empfinde das nicht als wahnsinnig viel Arbeit oder Stress. Die Jobs sind super kombinierbar. Die besten Akademien sind keine einzelnen, sondern immer verbunden mit der Profimannschaft. Und von meinen Auslandsstationen weiß ich: Doppelrollen gibt es immer öfter.
Mit meiner Anmeldung stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Im Winter wurden mit Alexander Røssing-Lelesiit (18) und Aboubaka Soumahoro (19) zwei Talente mit großem Potenzial verpflichtet – für hohe Ablösesummen. Beißt sich das nicht mit dem Ziel des HSV, den eigenen Talenten den Weg nach oben nicht verbauen zu wollen?
Ich freue mich als Co-Trainer über jeden Spieler, der dazukommt. Und ich bin ein Fan davon, den Jungs im Nachwuchs nicht so viele Ausreden zu geben – sondern zu sagen: Das ist die Realität im Profifußball. Es geht um Leistung und wir im Trainerteam haben in den letzten Monaten gezeigt, dass Performance belohnt werden kann. Ich sage den Jungs, dass ich es nicht akzeptieren kann, wenn darüber gejammert wird, dass etwas unfair sein soll. Nein, das ist die Realität. Harte Arbeit setzt sich durch.
Favé fordert die HSV-Talente: „Verteilen keine Geschenke“
Das bedeutet: Wer sich behauptet, kann den Sprung nach oben schaffen?
Ja. Das eine ist, die Brücke zu bauen und in den Austausch zu gehen. Wir wollen jungen Spielern die Chance geben, das zeigen Beispiele wie Otto (Stange; d. Red.), Fabio (Baldé, d. Red.) oder Joel (Agyekum; d. Red.). Unsere Aufgabe im Campus ist es, Jungs so auszubilden, dass man wie bei Otto sofort sieht: Der bringt wirklich was ein. An Otto können sich viele orientieren. Wir wären blöd, wenn wir das nicht nutzen würden, und sind die ersten, die „mega“ rufen, wenn es jemand schafft. Das andere ist aber immer die Leistung. Auch wenn wir unseren Talenten den Sprung ermöglichen wollen: Wir können keine Geschenke verteilen.
Inzwischen gibt es eine „French-Connection“ beim HSV mit Ihnen, Jean-Luc Dompé, Aboubaka Soumahoro und William Mikelbrencis, der betont hat, dass Sie ein Grund für seinen Aufschwung seien, weil Sie ihn immer starkgeredet haben. Was bedeutet Ihnen das?
Willy hatte als junger Profi, der zum ersten Mal ins Ausland ging, erst Probleme mit seinem Englisch. Da hilft es, wenn jemand wie ich da ist, der seine Sprache spricht. Ich konnte als Co-Trainer eine Verbindung zu ihm aufbauen und sofort mit ihm über Inhalte auf dem Platz sprechen. Dieser Punkt wird im Fußball oft unterschätzt. Ich freue mich, dass Willy und Jean-Luc aktuell so gut performen – und Abou hoffentlich bald auch.
„Ein sehr herzlicher Junge“: So beeindruckt Dompé Favé
Wie geht man um mit einem Spieler Dompé, der oft begeistert, der jemanden wie Steffen Baumgart aber auch in den Wahnsinn treiben kann. Der Ex-HSV-Coach sagte wörtlich mal: „Kein Trainer der Welt kriegt diesen Spieler in den Griff.“
Es ist überhaupt nicht herausfordernd. Jean-Luc macht sich sehr viele Gedanken um das Team. Zu sagen, er sei egoistisch, ist zu einfach. Natürlich wünschen wir uns, dass er noch mehr Läufe nach hinten macht, das hat er schon gezeigt. Zudem ist er auch für die Gruppe ein wichtiger Teil. Ein Beispiel: Abou hatte an seinem zweiten Tag beim HSV Geburtstag – und Jean-Luc hat ihn von sich aus abgeholt und was mit ihm unternommen. Er übernimmt Verantwortung und ich weiß, wie sehr er sich im Verein und in der Stadt wohlfühlt. Jean-Luc ist überhaupt kein schwieriger Spieler – sondern ein sehr herzlicher Junge.
Wie Polzin haben auch Sie kürzlich die UEFA Pro Lizenz erhalten, Sie dürften damit nun theoretisch jeden Klub der Welt trainieren. Losgelöst von Ihrem Job beim HSV: Haben Sie einen Karriereplan?
Weil der Fußball schnelllebig ist, finde ich es schwierig, langfristig zu planen. Dafür bin ich auch nicht der Typ. Ich habe Lust auf eine Aufgabe, bei der ich Vertrauen spüre und mitgestalten kann. Mit der Pro Lizenz wünsche ich mir, irgendwann in Zukunft auch als Cheftrainer zu arbeiten. Das ist klar und weiß auch jeder beim HSV. Aber wenn es so gut passt wie aktuell, bin ich auch super gerne in meiner Rolle. Ich will im Moment leben und das Maximum herausholen.