HSV und St. Pauli droht neue Mega-Rechnung – Pyro-Pause führt zu kurioser Szene
Bei den beiden Fanmärschen, während des Aufwärmens, beim Einlaufen der Teams, in der ersten Hälfte, vor dem Wiederbeginn nach der Halbzeitpause – und auch im zweiten Spielabschnitt: In nahezu jeder Phase dieses Stadtderbys brannte es irgendwo. Selbst zwei Stunden nach dem Abpfiff wurde auf dem Heiligengeistefeld noch Pyrotechnik gezündet. Geböller, Gepöbel und teils gefährliche Gegenstände begleiteten auch dieses 113. Hamburger Stadtduell. Das war erwartet worden. Doch eine kuriose Szene konnte man kaum vorhersagen.
Die Sicht wurde schlechter und schlechter, nachdem die Profis des HSV und des FC St. Pauli wieder auf den Platz gelaufen waren. Dichter Rauch machte sich im Millerntor-Stadion breit, als sich die Pause des Derbys ihrem Ende entgegenneigte. Doch Hauptschiedsrichter Tobias Welz sah sich gezwungen, mit der Spielfortsetzung noch etwas zu warten – weil beide Fanszenen vor dem Beginn der zweiten Hälfte zum wiederholten Male kräftig zündelten.
Derby-Pause dauert länger: Vieira spielt mit St. Pauli-Profis
Für eine rund zehnminütige Verzögerung sorgten die bunten Pyro-Shows der St. Pauli- und HSV-Ultras – und das bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Jeder, der schon einmal im Winter Fußball gespielt hat, weiß, wie schwer es sein kann, seinen Körper bei Eiseskälte wieder hochzufahren für die zweiten 45 Minuten. Der Gang raus aus der warmen Kabine und zurück auf das Geläuf zählt im Winter zu den unangenehmsten Momenten. Wobei der Adrenalin-Pegel der Profis wegen des besonderen Derby-Rahmens selbst in der Pause kaum gesunken sein dürfte. „Die Stimmung hier ist schon enorm“, sagte etwa HSV-Leader Nicolai Remberg, der in einem kurzen Trikot spielte.

Die Spieler mussten sich vor dem Wiederanpfiff jedenfalls die Zeit vertreiben und sich irgendwie warmhalten. Manch ein Profi konzentrierte sich auf seine eigenen Warm-up-Übungen, andere gingen untereinander in den Austausch oder spielten innerhalb ihrer Teams ein paar Pässe. Kurios war aber das, was Fábio Vieira tat: Der Portugiese spielte sich die Bälle nicht mit seinen HSV-Kollegen zu, sondern für einen Moment auch mit den Kiezkickern James Sands und Arkadiusz Pyrka. Währenddessen stand Joel Chima Fujita mit einem langen Sportmantel auf dem Spielfeld.
Mehrere bunte Pyrotechnik-Shows von beiden Fanszenen
Es dauerte, bis die Rauchschwaden wieder verschwanden. Die HSV-Fans hatten für den Beginn der zweiten Hälfte eine Choreo mit dem Schriftzug „Wat Mutt, Dat Mutt“ vorbereitet. Diese plattdeutsche Redewendung sollte wohl zum Ausdruck bringen, dass Pyrotechnik aus ihrer Sicht zum Fußball – und vor allem zu Derbys – dazugehört. Wie die St. Pauli-Ultras hatten auch die Auswärtsfans schon während der ersten 45 Minuten intensiv gezündelt, was Reaktionen durch den Stadionsprecher hervorrief. Er erinnerte mehrfach an das auch am Millerntor geltende Verbot, pyrotechnische Gegenstände abzubrennen. Das wissen die Anhänger natürlich. Dennoch hatten sie bereits vor dem Spielbeginn losgelegt mit ihren Shows, beim Einlaufen waren von der Kiezklub-Seite sogar sprühende Funken dabei.

Weder die St. Pauli- noch die HSV-Fans beließen es am Freitagabend bei nur einer Choreografie. Im Gästeblock war zunächst „Nordtribüne“ in schwarz-weiß-blauer Farbe zu lesen, auf der Südkurve war unter anderem die obere Hälfte des St. Pauli-Logos groß zu sehen. Weil die Banner und Fahnen aber mit Pyrotechnik kombiniert wurden, werden die beiden Stadtrivalen demnächst eine neue Rechnung vom DFB erhalten – und das, nachdem sie in den vergangenen sieben Jahren gemeinsam bereits 1,6 Millionen Euro Stadtderby-Strafgeld hatten zahlen müssen. Seit Ende 2019 musste der HSV für diese Pyro-Vergehen 847.980 Euro blechen, bei Braun-Weiß waren es 725.075 Euro.
Spielverzögerung beeinflusst die Höhe der Strafe vom DFB
Nach dem Hinspiel im August (0:2 im Volkspark) war der HSV zur Zahlung von 118.000 Euro verdammt worden, St. Pauli musste sogar 125.600 Euro aufbringen. Wie hoch die Sanktionsmaßnahme diesmal sein wird, ist offen und schwer abzuschätzen. Ein erneut jeweils sechsstelliger Betrag für die Klubs ist möglich – letztlich wird vor allem die Anzahl der verwendeten pyrotechnischen Gegenstände in den unterschiedlichen Blöcken ausschlaggebend sein. Laut der „Rechts- und Verfahrensordnung des DFB“ werden für das Abrennen von Pyro je Gegenstand 1000 Euro fällig, eine Erhöhung auf 3000 Euro gibt es demnach für das Abschießen oder das Eindringen auf das Spielfeld.

Was diesmal zum Glück ausblieb, waren schlimmere Vorfälle wie das Abschießen von Raketen, die Zuschauer sowie Spieler hätten gefährden können. Das wäre teuer geworden. Es gibt aber einen anderen Faktor, der die Rechnungen in die Höhe schnellen lassen dürfte: die notwendig gewordene Verlängerung der Halbzeitpause. Laut der „Rechts- und Verfahrensordnung des DFB“ ist bei Spielunterbrechungen, die länger als fünf Minuten dauern und durch Pyro-Vergehen verursacht wurden, eine Straferhöhung von bis zu 100 Prozent der Summe möglich. Dies gilt ausdrücklich auch „bei einer Verzögerung des Anstoßes vor Spielbeginn bzw. vor der 2. Halbzeit“, wie es in dem Dokument heißt.
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Ungeachtet der exakten Höhe der Pyro-Strafen hatte St. Pauli-Präsident Oke Göttlich schon vor dem Derby gesagt: „Die astronomisch gestiegenen Strafen zeigen bei fast allen Vereinen, dass diese Art der Sanktionen nicht das richtige Mittel ist, dem Phänomen Pyrotechnik Einhalt zu gebieten.“ Der 50-Jährige stellte klar: „Wir werden in deutschen Stadien Pyrotechnik nicht verhindern können.“ Das zeigte sich nicht zuletzt am Freitag am Millerntor.
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