HSV-Sportchef im Interview: Holen Sie im Winter neue Spieler, Herr Costa?
Claus Costa (41) hat seinen Vertrag gerade erst verlängert. Und bald wartet neuer Papierkram, denn der HSV dürfte auf dem Transfermarkt aktiv werden. In der MOPO erklärt der Sportdirektor die Pläne für den Winter. Costa sagt, wer kommen könnte und wie die Bosse mit den Abgangskandidaten umgehen. Es geht um die Zukunft von Daniel Heuer Fernandes und Ransford Königsdörffer, um Frust bei Yussuf Poulsen – und Urteile über Fábio Vieira.
MOPO: Wie lange brauchen Sie, um einen Auftritt wie zuletzt beim 0:1 in Augsburg zu verarbeiten und erklären zu können?
Claus Costa: Ich habe immer relativ schnell ein Gefühl und einen ersten Eindruck. Der war nach dem Spiel in Augsburg nicht besonders gut. Von einer zu emotionalen Einordnung halte ich allerdings nicht viel. Das geht oft in die falsche Richtung. Nach dem späten Tor gegen Borussia Dortmund stimmte bei uns gefühlt alles, nach einer Niederlage in Augsburg wird dann plötzlich vieles infrage gestellt. Das geht mir zu schnell. Ich versuche, es sachlich einzuordnen. Dabei hilft mir auch immer der enge Austausch mit dem Trainerteam, mit Stefan (Kuntz; d. Red.) und der eigene analytische Blick. Auch mein Schlaf nach den Spielen ist immer ein ganz guter Indikator.
Wie meinen Sie das?
Wenn Ergebnis und Performance im kompletten Spiel übereinstimmen und man alles abhaken kann, dann schlafe ich gut. Wenn ich aber das Gefühl habe, dass wir viel besser als das Ergebnis gespielt haben oder alles nicht zueinander gepasst hat, dann kostet mich das schon mal eine halbe Nacht, weil man viel grübelt.
Demnach haben Sie nach Augsburg ganz gut geschlafen, denn das Ergebnis hat zum Auftritt gepasst.
Ich habe zumindest ausreichend geschlafen, auch wenn mich das Spiel natürlich geärgert hat. Die erste halbe Stunde war in Augsburg schwach, danach war es kein gutes, aber ein ausgeglichenes Spiel von uns. Das Ergebnis geht leider am Ende in Ordnung.
„Natürlich haben wir als Mannschaft noch Luft nach oben“
Wie kam es zu diesem Auftritt?
Es klingt immer etwas abgedroschen, aber wir müssen immer die Basics auf den Platz bringen. Es geht nicht um Themen wie Mentalität, sondern unter anderem um die Frage: Warum kommt man beim kompakten Verteidigen nicht in die Zweikämpfe? Es liegt nicht daran, dass die Spieler nicht wollen, zu faul sind oder nicht schnell genug laufen. Das Timing ist entscheidend. Wenn beim Pressing der erste Auslöser zu spät kommt, führt das oft zu einer Kettenreaktion, und es sieht auf dem Platz so aus, als kämen zu viele Spieler nicht in die Zweikämpfe. Es geht da um den Inhalt des Matchplans. Da gab es in Augsburg einige Sachen, die in den ersten 30 Minuten weder mit noch gegen den Ball so gepasst haben, wie wir uns das vorgestellt hatten. Auch die Abstände, Intensität oder Sprinthärte waren im Anlaufen nicht gut. Wir haben alles aufgearbeitet.
Mehr Intensität im Spiel war im Sommer ein großes Thema. Um diese für die Bundesliga zu erhöhen, wurde der Kader umgestaltet. Warum ist der HSV bei intensiven Läufen und Sprints trotzdem sehr weit hinten im Liga-Vergleich zu finden?
Natürlich haben wir als Mannschaft und jeder einzelne Spieler noch Luft nach oben, was intensive Meter angeht. Aber – und das ist mir total wichtig – wir sind keine Mannschaft, die sich über wilde Spielphasen definiert. Wir versuchen sowohl mit als auch gegen den Ball kontrolliert zu agieren. Wenn wir kontrolliert in einem tiefen Block verteidigen, dann sind die Anlaufwege nicht so weit. Entsprechend sind auch die Sprintwerte nicht so hoch. Wenn du höher verteidigst, was wir je nach Situation auch immer mal wieder machen, ist der Raum für Sprints natürlich deutlich größer.
Poulsen ist „maximal genervt, frustriert und unzufrieden“
Elf neue Spieler wurden im Sommer geholt. Wie zufrieden sind Sie mit den Einkäufen nach elf Ligaspielen?
Mit der Einordnung „Top“ oder „Flop“ bin ich immer ganz vorsichtig. Bei dem einen Spieler geht es schneller, bei dem anderen dauert es länger. Ein Zwischenfazit kann man aber sicher ziehen und die einzelnen Spieler dabei auch gut einordnen und bewerten. Da geht es dann aber nicht nur darum, wie oft und gut der einzelne Spieler bislang zum Einsatz kam, sondern auch darum, wie er sich in die Gruppe einbringt und ob alles zusammenpasst. Ich würde sagen, dass wir bei sehr vielen Spielern genau das bekommen haben, was wir uns von ihnen versprochen haben.
Für Yussuf Poulsen gilt das sicher nicht. Er stand erst in einem Spiel in der Startelf und hat immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen.
Der, der sich das am wenigsten so vorgestellt hat, ist Yussi selbst. Er tut alles dafür, um in der Kabine zu helfen. Doch er möchte vor allem auf dem Platz helfen. Das verkörpert er mit allem, was er hat. Auch wenn er es gut einordnen kann und sehr professionell arbeitet, ist er maximal genervt, frustriert und unzufrieden, wie es bis jetzt läuft. Natürlich wollen auch wir den Spieler fit haben. Dass seine Verletzungssituation nicht optimal gelaufen ist, ist kein Geheimnis.
Warum war Fábio Vieira bislang nur selten der erhoffte Unterschiedsspieler?
Das hängt wahrscheinlich mit verschiedenen Faktoren zusammen. Er kam erst am letzten Transfertag, hatte keine Vorbereitung mit uns gemacht und musste erst einmal alle Abläufe kennenlernen. Trotzdem hat er direkt richtig gut gespielt. Dann gab es leider die erste Rote Karte in Berlin und ein paar Wochen später gleich den zweiten Platzverweis. Er ist dadurch noch nicht richtig in den Spielrhythmus gekommen. Es gab aber durchaus auch schon Spiele wie gegen Heidenheim oder in Köln, wo er mit seinem Tor angedeutet hat, welche Unterschiedsqualitäten er haben kann. Leider hat der Treffer in Köln nicht gezählt.
HSV könnte im Winter ein „junges Toptalent“ holen
Nach zuletzt fünf sieglosen Spielen in Folge und nur drei erzielten Toren rückt auch die Frage in den Vordergrund, ob der Kader noch verstärkt werden muss. Werden Sie auf dem Wintertransfermarkt aktiv sein?
Mir geht das alles etwas zu schnell. Zu den fünf sieglosen Spielen gehört auch ein Punkt gegen Dortmund sowie gute Leistungen in Leipzig und gegen Wolfsburg. Wir müssen die Dinge sachlich und analytisch einordnen. Wir haben im Sommer einen großen Umbruch gemacht. Wir befinden uns mitten in einem Prozess. Wenn man sieht, wo wir mit den ersten Testspielen und einer ruckeligen Vorbereitung gestartet sind und wie stabil wir in der Bundesliga angekommen sind, dann sind wir auf einem guten Weg. Natürlich wollen wir uns aber auch weiter verbessern und sind mit der Punktausbeute bislang nicht zufrieden.
Das heißt konkret für den Winter?
Ich sehe den Prozess auf dem richtigen Weg, und trotzdem werden wir immer versuchen, die Transferphasen zu nutzen, um den Kader punktuell zu verstärken. Entschieden ist dabei aber noch nichts. Es kann sein, dass wir den Kern der Mannschaft stärken, indem wir keinen Leistungsträger oder großen Namen dazuholen, sondern den Spielern vertrauen und den Kader mit einem jungen Toptalent ergänzen. Es kann auch sein, dass wir gar nichts machen und nur zwei Spieler abgeben. Grundsätzlich habe ich großes Vertrauen in den Kader und das Trainerteam. Auf welcher Position wir vielleicht etwas machen werden, ist noch nicht klar – wir sind aber auf alles vorbereitet. Grundsätzlich ist der Wintertransfermarkt nicht einfach und kein Selbstbedienungsladen. Man muss auch immer schauen, was überhaupt machbar ist.
Wie sieht es mit Abgängen aus?
Die Energie in der Mannschaft ist gut, keiner lässt sich hängen. Wir haben im Sommer aber auch gesagt, dass es uns daran gelegen ist, einen Kader zu haben, der kompakt ist. Da werden jetzt weitere Gespräche geführt.
Unter anderem Bakery Jatta und Silvan Hefti standen auf der Streichliste. Wissen die Spieler schon mit Blick auf den Winter Bescheid?
Der klarste Indikator ist oft die Spielzeit und Kadernominierung. Die Spieler, um die es geht, merken, dass die Einsatzzeiten tendenziell nicht mehr werden. Wir sind im Austausch. Alles wird klar und transparent kommuniziert. Die Spieler haben Verträge bei uns, und diese Verträge respektieren wir. Aber sie haben auch selbst ein Interesse, Fußball zu spielen. Da wird es noch intensivere Gespräche in den nächsten Wochen geben. Dann gucken wir mal, ob der eine oder andere für sich definiert, eine Herausforderung woanders zu suchen.
Neuer Vertrag? HSV will Gespräche mit Heuer Fernandes führen
Sie haben Ihren zum Saisonende auslaufenden Vertrag als Sportdirektor vorzeitig verlängert. Ransford Königsdörffer und Daniel Heuer Fernandes gehören zu den Spielern im Kader, die nur noch bis kommenden Sommer unter Vertrag stehen. Wie geht es für beide weiter?
Es gibt einen guten Austausch. Uns ist bewusst, dass die Verträge auslaufen, wir werden die Gespräche zum gegebenen Zeitpunkt intensivieren und schauen, wie die Interessen der Gegenseite sind.
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Heuer Fernandes spielt bislang eine sehr überzeugende Saison. Wollen Sie mit ihm verlängern?
Wir sind sehr zufrieden mit den Leistungen, die er bringt. Er hat gezeigt, dass er auch in der Bundesliga ein Rückhalt für uns ist. Wir werden mit ihm sprechen.
Knapp ein Drittel der Saison ist jetzt gelaufen, die meisten Gegner kennen Sie. Wie groß schätzen Sie die Chancen auf den Klassenerhalt ein?
Wir waren bislang in jedem Spiel bis auf Bayern München wettbewerbsfähig. Das gibt mir die absolute Zuversicht, dass wir den Klassenerhalt schaffen werden. Ich sehe große Chancen und habe eine hohe Überzeugung. Wir haben in jedem Spiel gezeigt, dass wir mithalten können – teilweise durch sehr gutes Verteidigen, teilweise durch sehr gutes Fußballspielen. Jetzt ist es wichtig, dass wir dabei auch konstant ins Punkten kommen.