HSV-Präsident Henrik Köncke: „Meine Kandidatur war ein Zeichen“

HSV-Präsident Henrik Köncke vor einer HSV-Wand
Ex-Vorsänger Henrik Köncke (35) wurde am 21. Juni 2025 zum neuen Präsident des HSV e.V gewählt.

Ein wenig aufgeregt ist er, auch wenn er es als ehemaliger Vorsänger und langjähriger AG-Aufsichtsrat gewohnt ist, das Wort zu ergreifen. Am Mittwochabend steht für Henrik Köncke aber etwas Spezielles an: seine erste Mitgliederversammlung als Präsident des HSV e.V. Vorab spricht der 35-Jährige in der MOPO über seine ersten Monate im Amt, über Vorbehalte gegen ihn und spannende Projekte wie den Supporters Trust. Köncke äußert sich zum Thema Pyrotechnik, zu Olympia in Hamburg, Oke Göttlich – und zum Fall Stefan Kuntz.

MOPO: Bei Ihrer Wahl im Juni 2025 sagten Sie: „An den Titel Präsident muss ich mich erst noch gewöhnen. Es ist noch sehr surreal.“ Wie fühlt es sich jetzt an?

Henrik Köncke: Es fühlt sich nach großer Verantwortung, aber auch nach Freude und Leidenschaft an. Dieses Amt ist eine große Ehre für mich und ich habe großen Spaß an der Aufgabe. Es ist nicht mehr surreal, sondern real.

Henrik Köncke ist nun seit acht Monaten HSV-Präsident

Laura Ludwig, Michael Papenfuß und Sie bilden nun seit fast acht Monaten das e.V.-Präsidium. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Wir sind sehr dynamisch ins Amt gestartet und die Zusammenarbeit ist sehr eng und vertrauensvoll. Anfangs haben wir uns einen Plan aufgestellt, um schnell in die Inhalte zu kommen. Überrollt wurde ich nicht, mich hat aber die Vielzahl an Themen überrascht, die wir angehen können. Mein Kalender wurde plötzlich voller als gedacht – und mit dieser Schlagzahl geht es 2026 weiter.

Wie viel investieren Sie täglich?

Sagen wir so: Mein Terminkalender ist spürbar voller geworden seit dem 21. Juni. Aber ich habe mich bewusst für diese Rolle entschieden und grundsätzlich einen hohen Anspruch an mich.

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Es gab Vorbehalte gegen Sie aufgrund Ihrer Vergangenheit als Vorsänger auf der Nordtribüne. Wie viel Gegenwind spüren Sie noch?

Seit meiner Zeit im Aufsichtsrat ist es mir gelungen, mit Inhalten zu überzeugen. Nach der Wahl zum Präsidenten habe ich keinerlei Vorbehalte oder Kritik wahrgenommen, sondern viel Wertschätzung. Ich bin mit vielen Menschen in den Austausch gekommen und das rundum positive Feedback motiviert mich sehr.

Köncke sieht sich nicht als Vermittler zu den HSV-Fans

Wie sehen Sie Ihr Rollenverständnis? Sind Sie mehr als „nur“ der HSV-Präsident für die Fankurve? Auch diese Sorge gab es.

Ich habe die Schlagzeilen rund um meine Wahl gelesen. Die Narrative, die gebaut wurden, waren teils dramatisch. Aber wenn ich heute das HSV-Zentrum am Volkspark eröffne oder bei einem Spiel der BG Baskets bin, spüre ich davon nichts. Ich will nichts mit Worten suggerieren, sondern Taten sprechen lassen.

Sind Sie durch Ihre Kontakte in die HSV-Fanszene häufig als Vermittler gefragt?

Als klassischen Vermittler sehe ich mich nicht. Aber ich kann Brücken bauen, Verständnis schaffen und unterschiedliche Interessen zusammenführen.

Ein Fan-Thema ist Pyrotechnik. Die Straf-Rechnungen betragen in dieser Saison mehr als 600.000 Euro. Vorstand Eric Huwer sagte, dass eine rote Linie überschritten ist, wenn pyrotechnische Gegenstände die Hand verlassen. Wie stehen Sie dazu?

Ich schließe mich Eric an. Der HSV definiert kontrollierte Pyrotechnik als Teil der Fankultur. Ich habe keine abweichende Haltung und wünsche mir einen konstruktiven Dialog aller Beteiligten.

Sie waren zuletzt auch beim Spiel der Fußballprofis in Heidenheim. Wie wichtig ist Ihnen die Nähe zu den HSV-Teams?

Ich versuche möglichst viel mitzunehmen. Nur, wenn man den HSV selbst erlebt, kann man ihn wirklich spüren und verstehen. Zum Verständnis meiner Rolle gehört es, präsent und nahbar zu sein – bei den Fußballmännern, den Fußballfrauen und anderen Sportevents des HSV.

HSV-Leichtathleten um Owen Ansah glänzten zuletzt

Welche Sportarten liegen Ihnen abseits des Fußballs am Herzen?

Es wäre vermessen, einzelne Sportarten herauszupicken. Laura und ich wollen alle Abteilungen in diesem Jahr noch besser kennenlernen. Wir haben unglaublich viele tolle Angebote im Spitzen-, Breiten- und Inklusionssport. Es macht Spaß, das alles zu sehen.

Haben Sie Beispiele?

Unsere Leichtathleten sind schon sehr erfolgreich und wir wollen sie weiterhin so fördern, dass sie um Titel und Medaillen kämpfen können. Unser Sprinter Owen Ansah ist am Wochenende einen neuen Hamburger Rekord über die 60 Meter gelaufen und hat gleichzeitig die WM-Norm erfüllt. Wir wollen die Breite stärken und Leistung fördern. Uns ist es wichtig, an alle zu denken. Mit der ehemaligen Boxweltmeisterin Dilar Kisikyol haben wir ein Angebot für MS- und Parkinson-Erkrankte geschaffen. Beim HSV sind alle Menschen willkommen. Wir alle kommen hier im HSV-Zentrum durch dieselbe Tür – egal ob zu Fuß oder im Rollstuhl.

HSV-Präsident Henrik Köncke auf einer Tribüne
Die neue Margit-Zinke-Halle ist bereits eröffnet, Köncke will die Infrastruktur beim HSV aber weiterhin verbessern.

Vor Ihrer Wahl versprachen Sie eine gezielte Nachwuchsförderung und die Stärkung von Spitzensportlern. Inwiefern konnten Sie das schon umsetzen?

Wir haben viele Infrastrukturprojekte mit Hochdruck vorangetrieben und unsere Sportstätten zuletzt auf vier erhöht. Vor ein paar Jahren war die Paul Hauenschild Sportanlage in Norderstedt die einzige. Das HSV-Zentrum am Volkspark ist eröffnet, wir haben zudem den Sportpark Stapelfeld, auf der Sportanlage Königshütter Straße wurde das Angebot erweitert und die Paul Hauenschild Sportanlage wurde modernisiert. Im Frauenfußball-Nachwuchs sind wir seit Januar zudem als DFB-Talentförderzentrum zertifiziert.

Welche Projekte treiben Sie zurzeit noch voran?

Das HSV-Zentrum ist noch nicht fertig, wir arbeiten noch an dem Vereinsheim, um Fan- und Vereinskultur miteinander zu verbinden. Sportflächen und Infrastruktur fallen in Hamburg nicht vom Himmel, aber wir schauen uns alles an.

Köncke trennt Olympia und das neue HSV-Stadion

Diskutiert wird auch über ein neues Stadion im Volkspark – Hamburg hat im Vorjahr seine Pläne für mögliche Olympische Spiele in der Stadt vorgestellt.

Die Olympia-Bewerbung und den Stadion-Neubau muss man trennen. Zu Olympia stehen wir im Austausch mit dem Vorprojekt der Stadt Hamburg. Wir sind in Planung einer Infoveranstaltung für HSV-Mitglieder, die in den kommenden Wochen stattfinden wird, und wollen uns aktiv beteiligen. Wir befürworten große Sportevents in Hamburg, sofern sie nachhaltig gedacht und wirtschaftlich sinnvoll sind. Olympische Spiele wären eine große Chance, die Sportbegeisterung in unserer Stadt zu stärken.

Im Sommer wurde die Einrichtung des Supporters Trust beschlossen – eine Genossenschaft, über die Mitglieder Anteile an der HSV Fußball AG & Co. KGaA kaufen können. Rund 100 Millionen Euro können eingesammelt werden. Auf der Mitgliederversammlung am Mittwoch gibt es dazu einen weiteren Antrag. Worum geht es dabei?

Es ist eine reine Formalie – und zugleich ein finales Commitment. Wir wollen noch mal für Aufklärung sorgen, bevor wir die Genossenschaft im zweiten Quartal gründen möchten. Es gilt zu zeigen, dass wir voll hinter diesem Projekt stehen. Der Supporters Trust ist einmalig in Fußball-Deutschland. Eine mitglieder- und fanbasierte, strukturelle Beteiligung am HSV zu ermöglichen, ist ein historischer Schritt.

Auch wenn deren Einflussnahme in der neuen Rechtsform sehr begrenzt ist: Wie stehen Sie persönlich zu Investoren?

Ich habe ein großes Interesse, dass wir beim HSV in eine Richtung gehen und der Supporters Trust der nächste Gesellschafter der KGaA sein wird. Das unterstreicht das Vorhaben, dass wir den HSV auf das nächste Level hieven möchten. Auch durch meine Rolle als AG-Aufsichtsrat stehe ich mit allen Gesellschaftern in einem sehr guten Austausch.

HSV e.V. hat aktuell so viele Mitglieder wie nie zuvor

Medial war zuletzt zu lesen, dass man beim HSV davon träumt, 2030 wieder europäisch Fußball zu spielen. Denken Sie auch in diesen großen Visionen?

Meine Kandidatur zum HSV-Präsidenten war ein Zeichen, dass ich im Leben grundsätzlich große Träume habe und alles dafür tue, um sie zu verwirklichen. Ich habe Visionen im Kopf, bin aber gleichzeitig realistisch. Ich will nicht nur von großen, schön klingenden Zielen sprechen, sondern tagtäglich alles dafür geben, dass wir den HSV weiterentwickeln.

Die Mitgliederzahl schoss in den vergangenen Jahren nach oben, im November wurde der neue Höchstwert von 140.000 erreicht. Was ist da noch möglich?

Ich bin kein Freund davon, große Zahlen zu nennen. Wir wollen das Mitgliedschaftsangebot immer weiterentwickeln und attraktiv gestalten. Es ist unglaublich viel passiert in den letzten Jahren. Die Mitgliederentwicklung ist nicht selbstverständlich – sondern ein Auftrag an uns, der Begeisterung der Menschen für den HSV gerecht zu werden.

Wie ist Ihr Kontakt zu Oke Göttlich, dem langjährigen Präsidenten des FC St. Pauli?

Es gab, gibt und wird auch in Zukunft Schnittmengen geben. Wir sind uns bei Veranstaltungen begegnet, haben uns unterhalten und werden das weiterhin tun. Es gehört zur Verantwortung unserer Ämter, sich konstruktiv auszutauschen.

Köncke lobt HSV-Zusammenarbeit mit Huwer und Costa

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit den handelnden AG-Verantwortlichen aus – insbesondere mit Vorstand Eric Huwer und Sportdirektor Claus Costa?

Allein durch meine Rolle im Aufsichtsrat ist das Verhältnis sehr vertraut. Der Supporters Trust unterstreicht das Vorhaben, den HSV nachhaltig finanzstark aufzustellen und gut vorbereitet in die nächsten Jahre zu gehen. Wir werden alles in unserer Verantwortung Stehende tun, den Profibereich bestmöglich zu unterstützen – vom Trainerteam über Claus bis hin zu Eric. Wir wollen die besten Strukturen haben, um die Männer und Frauen dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren.

HSV-Präsident Henrik Köncke im Interview mit der MOPO
Köncke empfing die MOPO-Reporter Tim Meinke (l.) und Simon Braasch im neuen HSV-Zentrum am Volkspark.

Rund um den Verein gab es zuletzt viel Unruhe, weil sich Ex-Sportvorstand Stefan Kuntz laut Darstellung des HSV ein schwerwiegendes Fehlverhalten geleistet hat. Sie sitzen auch im Aufsichtsrat, der sich in dem Fall mit klaren Stellungnahmen positioniert hat. War es unerlässlich, so zu reagieren?

Wir haben als Aufsichtsrat zwei Statements veröffentlicht, die klar und eindeutig waren. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Welche Werte sind Ihnen als Vertreter des HSV wichtig?

Identität, Haltung, Vereinskultur und Zusammenhalt. Dafür stehen wir. Was im Volksparkstadion im Zusammenspiel mit den Fans entstanden ist, war kein Zufall. Es ist das Ergebnis harter Arbeit – und diesen Weg gehen wir weiter.