HSV-Kapitän Poulsen deutet Comeback an: „Liege gut in der Zeit“
Mit Yussuf Poulsen und dem Timing ist das so eine Sache. Einerseits hätte er sich sein erstes HSV-Tor für kein besseres Spiel aufbewahren können als für das Nordderby-Hinspiel. Andererseits verletzte er sich immer, wenn er mal in Fahrt kam, erneut. In der MOPO gibt der Kapitän vor dem Saisonfinale ein Comeback-Versprechen. Poulsen blickt auf Bremen, wehrt sich gegen den Vorwurf einer stagnierenden Entwicklung und erklärt den HSV-Plan für den Klassenerhalt. Der Däne verrät zudem, wie er das Drama um seine Nationalelf erlebte – und wie er über seine Zukunft denkt.
MOPO: Beim Hinspiel gegen Werder im Dezember wurden Sie mit Ihrem 3:2-Tor zum Matchwinner. Wem würden Sie den Siegtreffer am Samstag am meisten gönnen?
Yussuf Poulsen (31): Das ist mir komplett egal – solange es ein Spieler vom HSV ist (lacht). Dann ist mir alles recht.
Poulsen kämpft sich beim HSV zum fünften Mal zurück
Die Freude über Ihr erstes HSV-Tor, noch dazu gegen Bremen, war riesig. Gilt das auch für den Schmerz, beim Rückspiel nicht dabei zu sein?
Egal, wer der Gegner ist: Es schmerzt, nicht auf dem Platz stehen zu können. Das Nordderby hätte ich sehr gerne gespielt, aber das gilt für jedes Spiel.
Sie kämpfen sich beim HSV momentan zum fünften Mal von einer Verletzung zurück. Denken Sie manchmal ans Nordderby-Hinspiel, um sich neu zu motivieren?
Ich muss mich nicht neu motivieren, ich bin immer motiviert und brauche dafür keine speziellen Bilder vor meinem inneren Auge. Ich weiß, was ich tun muss, um wieder auf den Rasen zu kommen. Dafür gebe ich alles. Aber klar: Ich erinnere mich gerne an das Tor zurück. Nach so vielen Jahren ohne Nordderby in der Bundesliga der Matchwinner zu sein, war ganz besonders.
Sind Sie überzeugt, im Saisonfinale auf den Platz zurückzukehren?
Auf jeden Fall.
Was sind die nächsten Schritte?
Die Verletzung ist rund fünf Wochen her. Ich liege gut in der Zeit. Diese Woche habe ich wieder individuell mit dem Ball auf dem Platz trainiert und ich hoffe, zeitnah zurück beim Team zu sein. Mir geht es sehr gut. Das eine ist das Gefühl, das andere aber der medizinische Rat.
Poulsen hat HSV-Comeback im Saisonfinale fest im Blick
Würden Sie sogar einen neuen Rückschlag riskieren, um Ihrer Mannschaft vor dem Saisonende noch mal helfen zu können?
Das werden wir sehen. Ich hoffe, dass es so weiterläuft wie bisher, ohne Rückschlag. Ich habe mir vorgenommen, in dieser Saison noch auf dem Platz zu stehen. Ob es für ein, zwei oder drei Spiele reicht – keine Ahnung. Die Zeit wird leider nicht reichen, um wieder bei 100 Prozent zu sein und 90 Minuten spielen zu können. Aber ich brenne auch auf 15, 20 oder 30 Minuten Spielzeit.
Der HSV hat von den letzten acht Partien nur eine gewonnen, aber vorm Derby weiterhin sechs Punkte Vorsprung auf Rang 16. Wie trügerisch ist die Situation?
Sie ist gut. Vor ein paar Wochen wurde gelobt, dass wir seit sechs Spielen unbesiegt sind. Jetzt sagt man, dass wir von den vergangenen acht Spielen nur eins gewonnen haben. Man kann es sich immer so hindrehen, wie man will. Die Niederlagen waren gegen die Topteams Leverkusen, Leipzig, Dortmund und Stuttgart. Das sind keine Spiele, die man als Aufsteiger gewinnen muss. Stuttgart war ein Rückschlag, aber das kann passieren. Wir haben einen guten Vorsprung, um unser Ziel zu erreichen. Und wenn wir weiter konstant punkten, werden wir es schaffen. Davon bin ich überzeugt.
Klar, auch Rückschritte und Niederlagen gehören zum Prozess eines Aufsteigers dazu. Aber ist der Eindruck, dass die spielerische Entwicklung des HSV zuletzt etwas stagnierte, falsch? Losgelöst von den blanken Ergebnissen.
Die Frage ist, wie man Entwicklung definiert. Ist es besser, nur guten Fußball zu spielen – oder lieber Punkte zu holen? Ich finde nicht, dass wir in unserer Entwicklung stagnieren. In der Vorrunde wurde gesagt, wir spielen schön, punkten aber nicht. Jetzt wird kritisiert, unser Fußball ist nicht mehr so ansehnlich. Am Ende geht es darum, unser Ziel zu erreichen. Und da sind wir voll auf Kurs.
Das 0:4 in Stuttgart begründete Trainer Merlin Polzin mit der Qualität des Gegners – aber auch mit der fehlenden Energie. Muss das dem HSV eine Warnung sein?
Es stimmt: In Stuttgart hat uns die Energie gefehlt, vieles lief nicht nach Plan. Aber das war eine Ausnahme. Grundsätzlich spielen wir viel klarer als zu Saisonbeginn. Wir haben oft genug gezeigt, wie gut wir sind. Wenn wir unsere Chancen nutzen und gewinnen, wird unsere Taktik gelobt. Wenn wir sie nicht nutzen und 0:0 spielen, sagen plötzlich alle: Das war schlecht. Das geht mir zu einfach. Wenn man sieht, wie wir täglich arbeiten und welche Entwicklung wir mit 16 Neuzugängen seit Sommer hinter uns haben, ist es erstaunlich, wie gut wir sind. Wir stehen am 29. Spieltag auf Platz zwölf, in der ersten Saison nach dem Aufstieg. Also: Worüber reden wir? (lacht)
HSV macht sich keinen Druck in der heißen Saisonphase
Die heiße Saisonphase steht an – die Zeit, in der man vieles gewinnen, aber auch verlieren kann. Wie schwierig ist das für den Kopf?
Ich glaube, ich bin mit Leipzig fünfmal Tabellenvierter geworden und am letzten Spieltag gerade noch in die Champions League gerutscht. Da war der Druck nicht kleiner als jetzt beim HSV. Den gibt es immer. Alle Klubs haben Druck und müssen performen. Am Saisonende wird es kniffliger, weil die Spiele weniger werden. Aber wir sind maximal bereit für die Crunchtime.
Sind Sie als Führungsspieler in dieser Phase besonders gefragt, positiv auf Ihre Mitspieler einzuwirken?
Nicht mehr als sonst. Ich bin oft beim Training und bei allen Videoanalysen dabei. Ich spreche jeden Tag mit den Jungs, aber sie brauchen mich jetzt nicht mehr als vorher. Sie sind gut genug, auch mental. Es geht im Endspurt um Kleinigkeiten. Wenn wir noch fünfmal so spielen wie in Stuttgart, wird es eng. Aber das wird nicht passieren. Dafür sind wir zu gut. Und dafür habe ich zu viel Vertrauen in meine Mannschaft.
Sie haben bereits fünfmal in Bremen gespielt und allein dreimal nach dem 30. Spieltag, also in der absoluten Crunchtime der Saison. Worauf muss sich der HSV im Weserstadion einstellen?
Bei einem Nordderby ist der Spielort nicht entscheidend. Dieses Duell hat seine eigene Geschichte. Wir brauchen die Derby-Mentalität und wissen, dass es ein Fight wird. Beide Vereine benötigen die Punkte für den Klassenerhalt. Deswegen wird es ein sehr hitziges Spiel, in dem wir dagegenhalten müssen.
Poulsen sieht seine Zukunft beim HSV – und bei Dänemark
Welche Rolle kommt am Samstag in Bremen auf Sie zu?
Ich habe natürlich ein Reha-Programm, das ich absolvieren muss. Einen Trainingstag zu verlieren, kann ich mir nicht erlauben. Deshalb werde ich morgens in Hamburg trainieren und dann nach Bremen fahren. Mal sehen, wie ich der Mannschaft am besten helfen kann. Extra-Motivation braucht niemand.
Im November platzte Ihr Comeback in Dänemarks Nationalelf aufgrund einer Verletzung. Trotzdem konnten Sie noch auf die WM hoffen – bis Ihr Heimatland kürzlich in den Playoffs gegen Tschechien verlor. Wie haben Sie das Drama verfolgt?
Leider nur am Fernseher. Ich habe gehofft, dass die Jungs es schaffen, damit Dänemark zur WM fährt und ich vielleicht auch. Wir waren leider nicht gut genug. So war es leider. Dass ich wegen meiner Verletzungen im November und jetzt nicht helfen konnte, ist bitter.
Wie sehr hofften Sie noch auf Ihre dritte WM-Teilnahme nach Russland 2018 und Katar 2022?
Die Hoffnung, noch mal für Dänemark aufzulaufen, wird bis zu meinem Karierende da sein. Solange ich fühle, dass ich gut genug für die Nationalmannschaft bin, werde ich immer motiviert sein. Ob ich zur WM gefahren wäre? Das ist hypothetisch. Wir alle sind nicht dabei, das ist Fakt. Aber in zwei Jahren ist ein neues Turnier und bis dahin werden wir uns verbessern.
Die HSV-Zukunft Ihrer drei Sturmkollegen Robert Glatzel, Damion Downs und Ransford Königsdörffer ist ungeklärt, Ihre eigene Saison lief nicht optimal, und es wird wohl wieder viele Transfers geben. Gehen Sie mit einer Portion Ungewissheit in den Sommer?
Nein, ich spüre keine Ungewissheit. Für mich ist die Situation relativ klar: Wir schaffen unser Ziel – und ich spiele auch nächste Saison beim HSV. Mein Vertrag läuft bis 2027, und hoffentlich bin ich in meinem zweiten Jahr viel öfter fit als im ersten Jahr. Wer auch immer dazukommt, wird sich integrieren – und dann wollen wir es als Mannschaft noch besser machen.