Große Taktik-Analyse: Macht Baumgart den HSV jetzt unberechenbar?

Steffen Baumgart gibt Jonas David, Sebastian Schonlau und William Mikelbrencis im HSV-Test gegen Nantes Anweisungen
Wenn HSV-Coach Steffen Baumgart (r.) taktisch etwas nicht passte, griff er während der Testspiele sofort ein.

Und plötzlich, als beim HSV noch so gut wie gar nichts zusammenlief und er mit 0:2 gegen den FC Nantes hinten lag, standen nach dem ersten Viertel sogar Stefan Kuntz und Claus Costa mit im Mannschaftskreis. Es sprach, natürlich: Steffen Baumgart. Und vor den Ohren seiner Bosse schien er seinen Profis die richtigen Werkzeuge mit an die Hand gegeben zu haben. Denn der HSV wurde besser, präsentierte sich während der gesamten 120 Spielminuten sehr flexibel und spielte je nach Personal mit verschiedenen Grundordnungen, was dem Gegner viele Probleme bereitete. Macht Baumgart den HSV nun unberechenbar? Eine Taktik-Analyse.

Was, wenn Robert Glatzel und Davie Selke fit gewesen wären und hätten mitwirken können, wollte man sich nach dem überzeugenden 4:2 gegen den französischen Erstligisten fragen. Dann hätte der HSV womöglich zwei klare Zielspieler zur selben Zeit auf dem Feld gehabt, hätte mit zwei klaren Mittelstürmern gespielt und wohl noch mal eine ganz andere Ausrichtung gehabt. Ein System, in dem Glatzel und Selke gemeinsam performen können, muss sich erst noch finden – und vor allem: einspielen. Denn der Torschützenkönig (Sehnenreizung) und der Sommer-Neuzugang (nach Mittelfußbruch) konnten noch gar nicht miteinander spielen, sind beide weiterhin angeschlagen.

HSV spielte gegen Nantes mit verschiedenen Systemen

Selbst ohne die beiden Schlüsselspieler wusste der HSV in den bisherigen Testspielen, wenngleich es einige Nachlässigkeiten gab, teils aber schon sehr zu gefallen. Dabei ist es auf Anhieb gar nicht leicht zu erkennen, wie Baumgart seinen Stil verfeinern möchte, welche Prinzipien er während seiner ersten Sommervorbereitung etablieren will. „Unberechenbarkeit ist im Fußball sehr schwer, weil wir alle gläsern sind“, sagt der Trainer zwar. Aber Baumgart will den HSV weiterentwickeln. Und auch sich selbst. Und der Test gegen Nantes hat hierbei Details hervorgebracht.

Nicht neu ist, dass der HSV unter Baumgart mit und gegen den Ball verschiedene Systeme spielt. Bei Ballbesitz des Gegners hatte der 52-Jährige schon in der Vorsaison sehr oft auf ein 4-1-3-2-System gesetzt – also auf eine Formation mit einer Vierer-Abwehrkette und ganz vorne zwei anlaufenden Stürmern. Gegen Nantes sah die defensive Anordnung in der ersten Hälfte wie folgt aus: Mikelbrencis, David, Schonlau, Katterbach – Elfadli – Karabec, Reis, Dompé – Németh, Yalcinkaya. Ludovit Reis rückte beim Anlaufen aus dem defensiven Mittelfeld eine Position nach vorne, unterstützte das Pressing als eine Art Zehner. Und Bilal Yalcinkaya wurde zur zweiten Spitze neben András Németh. Das ist insofern spannend, als dass die Idee bei HSV-Ballbesitz ganz anders aussah.

Viererkette in Defensive – Dreierkette bei HSV-Ballbesitz

Da spielte der HSV nämlich in einer Art 3-2-4-1-Formation mit zwei Sechsern, in dem William Mikelbrencis zum rechten Schienenspieler wurde. Ohne den französischen Rechtsverteidiger in letzter Linie baute der HSV in einer Dreierkette auf, was Baumgart in Österreich detailliert einstudieren lässt. Schematisch ließe sich das so darstellen: David, Schonlau, Katterbach – Elfadli, Reis – Mikelbrencis, Karabec, Yalcinkaya, Dompé – Németh. Anhand dieses Offensiv-Systems lässt sich erkennen, dass Baumgart das Ziel hat, im HSV-Ballbesitz das Mittelfeldzentrum zu überladen, das heißt: eine personelle Überzahl in der Mitte des Spielfeldes mit zwei Sechsern (Daniel Elfadli und Reis) sowie zwei Achtern (Adam Karabec und Bilal Yalcinkaya) zu schaffen. Gegen tief stehende Zweitligisten dürfte dies ein probates Mittel werden und Nantes’ Spielstil diente als guter Test. Es wurde später aber noch komplexer.

Bei Ballbesitz der Franzosen agierte der HSV auch in den zweiten 60 Minuten über lange Zeit in einem 4-1-3-2: Oliveira, Hadzikadunic, Ramos, Muheim – Meffert – Jatta, Heyer, Baldé – Königsdörffer, Öztunali. Teilweise ließ sich Abräumer Jonas Meffert in der Defensive aber auch zwischen die Innenverteidiger Dennis Hadzikadunic und Guilherme Ramos fallen, wodurch aus einer Vierer- eine Fünferkette wurde. Auch diese Option will sich Baumgart mit Blick aufs Abwehrverhalten künftig offenhalten. Mit Ball gab es dann aber noch mal eine andere Anordnung.

Besondere Rolle für HSV-Talent Oliveira im Testspiel

Auf dem Papier ist es schwer, diese Formation exakt zu definieren, es könnte aber eine Art 3-1-3-3-System sein: Hadzikadunic, Ramos, Muheim – Meffert – Oliveira, Heyer, Öztunali – Jatta, Königsdörffer, Baldé. Der HSV baute nach der Halbzeitpause erneut in einer Dreierkette auf, anders als Mikelbrencis zu Beginn wurde Außenverteidiger Nicolas Oliveira auf rechts aber nicht zum klassischen Schienenspieler. Vielmehr rückte der 20-Jährige bei Ballbesitz des HSV von außen ins offensivere Zentrum, womit auf dem rechten Flügel Platz für Tempo-Spieler Bakery Jatta geschaffen wurde. Aus dem Rechtsverteidiger Oliveira wurde dann fast ein halbrechter Zehner, während Jonas Meffert als alleiniger Sechser die Bälle verteilte, weil Moritz Heyer ebenfalls etwas offensiver agierte.

Nach Walter-Ära: Wie flexibel wird das HSV-Spiel noch?

Zugegeben: Es sind viele Spielereien. Durch ständige Positionswechsel, die Baumgarts Vorgänger Tim Walter noch viel extremer einforderte, verschiebt sich während der Ballbesitz-Phasen ohnehin vieles. Der zweifellose Anspruch auf Vollständigkeit und komplette Richtigkeit ist schwerlich einzuhalten. Baumgart bestätigt aber: „Es hat etwas mit Abläufen zu tun – und damit, wie wir Fußball spielen wollen, wie wir agieren wollen. Wir wollen gucken, was für uns Erfolg bringt, wo wir gute Ansätze haben. Und es sieht im Moment so aus, dass die Jungs es gut annehmen.“

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Dem Chefcoach geht es nicht darum, den HSV unberechenbar zu machen, weil dies nicht möglich sei. „Der deutsche Meister (Bayer Leverkusen, d. Red.) war auch berechenbar – und trotzdem hat ihn keiner gekriegt“, erklärt Baumgart. Die bisher zu erkennenden Abläufe und Prinzipien lassen aber den Schluss zu, dass der HSV künftig, je nach verfügbarem eigenem Personal und je nach Ausrichtung des Gegners, sehr viel flexibler spielen wird als noch unter Walter und während der ersten Monate von Baumgart in Hamburg. Was taktisch wohl noch dazukommen wird, wenn Glatzel und Selke spielfähig sein werden …