Goalie-Gipfel beim HSV: „Riesenfreude“ vor dem Spiel des Jahres im Volkspark

Daniel Heuer Fernandes und Inga Schuldt mit HSV-Schal im Volksparkstadion
Daniel Heuer Fernandes und Inga Schuldt sprechen im MOPO-Interview über ihre Torhüter-Rolle und das für die Frauen anstehende Spiel im Volksparkstadion.

Sie hüten die HSV-Tore: Inga Schuldt (27) und Daniel Heuer Fernandes (32) unterhalten sich erst einmal über ihre gerade beendeten Trainingseinheiten bei Hamburger Februarwetter. Klarer Konsens: „Lieber Nieselregen als ganz trocken.“ Dann sprechen die beiden mit der MOPO über das DFB-Pokal-Spiel der Frauen gegen Gladbach im Volksparkstadion, den Reiz des Torwartdaseins, gehaltene Elfmeter und eigene Treffer.

MOPO: Frau Schuldt, am Mittwoch werden Sie hier im Volksparkstadion für den HSV zwischen den Pfosten stehen. Wie groß ist die Vorfreude auf das DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Borussia Mönchengladbach?

Inga Schuldt: Es ist eine sehr positive Anspannung. Jeder trainiert jede Woche aufs Neue, um so ein Highlight zu erleben. Dass man jetzt vor so einer Kulisse auf dem heiligen Volksparkstadion-Rasen spielen kann, ist besonders schön. Auch diese Wertschätzung zu bekommen.

Wird es anders sein, in einem großen Stadion zu agieren als auf Platz 6 vor dem Stadion, wo Sie Ihre Zweitliga-Heimspiele bestreiten?

Schuldt: Die Akustik wird anders sein. Gerade wir Goalies coachen unsere Vorderleute relativ viel, das wird schwieriger als auf Plätzen mit relativ überschaubaren Zuschauerzahlen. Das wird die größte Umstellung sein.

Fragen wir einen Experten: Herr Heuer Fernandes, das Volksparkstadion ist seit 2019 Ihr Wohnzimmer. Was macht das Stadion aus?

Daniel Heuer Fernandes: Ich habe das Stadion 2019 als Darmstadt-Torwart kennengelernt, bevor ich zum HSV gekommen bin. Als Auswärtsteam kann dich die Stimmung erdrücken, weil es einfach immer laut ist. Wenn du das als HSV-Spieler mit den eigenen Fans miterlebst, ist das etwas ganz Besonderes.

Und die Kommunikation mit den Vorderleuten?

Heuer Fernandes: Der größte Unterschied ist, dass du deine Vorderleute in der Abwehr erreichst, danach wird es schon schwieriger. In solchen Spielen müssen aber ohnehin alle auf dem Platz Verantwortung übernehmen.

Schuldt: Viele Spielerinnen von uns haben schon Erfahrungen mit lauter Akustik. Vorige Saison gab es das Pokalspiel bei St. Pauli vor 19.000 Zuschauern, daher wissen die meisten Mädels, wie es in einem großen Stadion sein wird. Auch in unserem ersten Saisonspiel bei Union Berlin war mit 5500 Zuschauern ordentlich was los. Wir wissen, was auf uns zukommt.

Es heißt, der Pokal habe seine eigenen Gesetze. Aber worin zeigen sich die Unterschiede denn?

Heuer Fernandes: Es sind K.o.-Spiele. Je nachdem wie das Spiel verläuft, musst du ein bisschen mehr riskieren oder vielleicht das Ergebnis halten. Vor solchen Spielen sollte eine Riesenfreude herrschen. Das sind Momente, für die du Fußball spielst.

Es kann Verlängerung geben und Elfmeterschießen. Haben Sie sich schon mit Gladbacher Elfmeterschützinnen auseinandergesetzt?

Schuldt: Nein, erst mal lag ganz klar der Fokus auf dem Spiel gegen Union Berlin (der HSV verlor 1:2). Jetzt werden wir dann in die spezielle Vorbereitung gehen.

Mit Elfmeterschützen im Pokal haben Sie Erfahrung, Herr Heuer Fernandes. In der Saison 2021/22 hat der HSV drei Runden nacheinander im Elfmeterschießen gewonnen. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Heuer Fernandes: Diese Pokalabende gegen Köln, Nürnberg und Karlsruhe bleiben in Erinnerung. Als Torwart gehe ich immer mit der Haltung in ein Elfmeterschießen, dass du nur gewinnen kannst. Denn aus elf Metern frei zum Schuss zu kommen, sollte ja für den Stürmer vorteilhaft sein. Deswegen kannst du mit einer gewissen Geilheit in dieses Szenario gehen: Du kannst der Mannschaft helfen und dann gemeinsam mit den Fans den Sieg feiern.

Wie sind Sie im Tor gelandet?

Schuldt: Durch meinen großen Bruder, der spielte bei Hansa Rostock und wollte, dass die kleine Schwester die Bälle im Garten holt, die er übers Tor schießt. Irgendwann habe ich mich nicht nur neben das Tor gestellt, sondern bin ins Tor gegangen. Es machte mir Spaß, den großen Bruder zu ärgern, indem ich ein paar Bälle halte. Mit zwölf bin ich dann zur Sportschule Neubrandenburg.

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Mit meiner Anmeldung stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Heuer Fernandes: Ich habe als Feldspieler angefangen und dann kam der Klassiker: Der Torwart hat sich verletzt, dann bin ich ins Tor gegangen, dann war der Kreisauswahl-Trainer dort vor Ort, der mich eigentlich als Feldspieler beobachten wollte. Aber mein Torwartspiel hat ihm gefallen und so wurde ich in der Kreisauswahl Torwart. Und auch im Verein hatte ich irgendwann mehr Spaß daran, Tore zu verhindern als Tore zu schießen.

Warum macht das mehr Spaß?

Heuer Fernandes: Das ist natürlich typabhängig. Ich konnte mich sehr daran hochziehen, Tore zu verhindern. Und dann habe ich eben auch gemerkt, dass ich gewisse Qualitäten habe.

Schuldt: Auch im Feld zu spielen, war in meiner Ausbildung ganz elementar. Ich glaube, dass es im Nachwuchsbereich ganz wichtig ist, beides abzudecken. Aber wie Ferro schon gesagt hat: Man entwickelt irgendwann ein Gefühl dafür, dass man im Tor einfach noch besser ist als auf dem Feld. Ein bisschen verrückt sein, dass man sich in jeden Ball reinprescht, das hat halt nicht jeder.

Deutschland ist ja ein Torhüter-Land. In Brasilien wird der Torwart dagegen immer ein wenig belächelt. Spüren Sie eine größere Wertschätzung?

Schuldt: Das Torwartspiel hat sich enorm entwickelt. Früher hieß es: Stell dich hinten hin und halt die Bälle, die anderen zehn regeln den Rest. Mittlerweile wird der Torwart ernst genommen, denn wenn wir den Torwart mitspielen lassen, dann sind wir in Überzahl.

Heuer Fernandes: In meiner Ausbildung wurde auch schon viel Wert auf fußballerische Qualität gelegt. Es ist nicht nur wichtig, dass du das Spiel mitsteuerst, der Ansatz hilft dir auch, um gewisse Situationen besser zu lösen. Du nimmst dir selbst Druck raus, wenn du fußballerisch versiert bist.

Sie haben beide auch Torschützen-Erfahrung. Inga Schuldt hat in der Zweiten Liga für Potsdam II getroffen, Daniel Heuer Fernandes in der B-Jugend-Bundesliga für Bochum. Wie kam es dazu?

Heuer Fernandes: Ja, das war ein ganz wichtiges Tor … zum 4:3 gegen Troisdorf. Wir sind zwar abgestiegen, aber dadurch erst eine Woche später. Wir hatten damals zu wenig Feldspieler, deshalb ist unser zweiter Torwart ins Tor gegangen – und ich habe das Ding kurz vor Schluss reingemacht. Ich weiß nicht mehr wie, aber ich weiß noch ganz genau, dass ich ein Tor gemacht habe. (lacht)

Der 16. Mai 2009 ist ja auch schon ein bisschen länger her. Wie war’s bei ihnen, Frau Schuldt?

Schuldt: Mit Potsdam bin ich als Reservetorhüterin zum Zweitliga-Spiel nach Kiel gereist. Wir haben 4:2 geführt, da durfte ich die letzten zehn Minuten auf dem Feld mitwirbeln. Der Co-Trainer sagte: Wenn du ein Tor schießt, dann gibt es auf der Rückfahrt für alle ein Eis. Nach meinem 5:2 bin ich dann freudig zu ihm gelaufen.

In Potsdam waren Sie im Bundesliga-Kader, aber kamen nicht zum Einsatz. Erst in Jena wurden Sie Bundesliga-Torhüterin. Herr Heuer Fernandes, Sie haben kürzlich gesagt: „Meine Karriere ging nie steil bergauf, ich habe mich Schritt für Schritt weiterentwickelt.“ Lernt man im Tor, geduldig zu sein?

Heuer Fernandes: Absolut, du brauchst Geduld. Gerade als junger Torwart musst du dich über die Ligen hocharbeiten, dein Potenzial zeigen. In Bochum war ich zwar bei der Profimannschaft dabei, aber ich wollte spielen. Deswegen bin ich zum ambitionierten Drittligisten Osnabrück gegangen. Bochum, Osnabrück, Paderborn, Darmstadt: Ich brauchte jede Station, um die nächsten kleinen Schritte zu gehen.

Schuldt: Als Torhüter braucht man ein dickes Fell. Die allerwichtigste Charaktereigenschaft ist, dass man bei sich bleibt und an sich arbeitet. Dass man weiß: Es kommt irgendwann der Tag, an dem man zeigen kann, was man drauf hat.

Sie haben in der vorigen Saison für die Young Boys Bern gespielt, an einem historischen Ort.

Schuldt: Genau, jedes Heimspiel findet im Wankdorf-Stadion mit 32.000 Plätzen statt. Das war auch schon eine schöne Anerkennung. Zuschauer waren meist rund 2000 da.

Fehlt ein Stadion mit mittlerem Fassungsvermögen in Hamburg?

Schuldt: Auf jeden Fall. Aber ich glaube, dass der Frauenfußball dabei ist, dass es immer mehr Zuschauer werden. Auch durch so ein großes Spiel wie am 12. Februar. Wir kriegen die Bühne und wir wollen sie nutzen. Unser Trainingspensum an sich ist fast identisch mit dem der Männer, aber es gibt viel Luft nach oben, uns so zu fördern, damit wir unter noch professionelleren Bedingungen arbeiten können.

Herr Heuer Fernandes, ist Ihre Tochter eigentlich ballgeschickt? Lässt sich das schon sagen?

Heuer Fernandes: Nein. Sie ist erst ein Jahr alt, aktuell nimmt sie noch alles in den Mund. Da hat sich noch nichts rauskristallisiert.

Frau Schuldt, würden Sie ihr denn raten, Fußballerin zu werden?

Schuldt: Mit 16, 17 sieht man, ob das Talent da ist und alles weitere. Und da hoffe ich schon, dass spätestens dann die Bedingungen für Fußballerinnen so sind, dass wir davon leben und den Sport optimal ausüben können. Gerne auch viel früher.

Heuer Fernandes: Ich habe das Gefühl, dass die Entwicklung sehr positiv ist. Dass der Frauenfußball mehr in den Fokus rückt. Wie Inga sagt: Ihr Aufwand ist riesengroß, deswegen hoffe ich, dass es sich weiter so entwickelt.

Hin zum Profitum?

Schuldt: Vollprofi ist ja auch eine Begriffsfrage. Ich kann momentan davon leben, es arbeiten aber auch einige Spielerinnen nebenbei. Es wäre schön, wenn sich der Frauenfußball irgendwann so weit professionalisiert, dass es uns einfach gut geht und wir uns voll und ganz auf Fußball konzentrieren können.

Ein Sieg über Mönchengladbach wäre vielleicht ein kleiner Schritt. Herr Heuer Fernandes, geben Sie den HSV-Fußballerinnen noch Ihre schönste Pokal-Erinnerung als gutes Omen mit auf den Weg?

Heuer Fernandes: Das waren die Elfmeterschießen. Jedes für sich, ich würde gar nicht irgendeins hervorheben. Aber ich hoffe natürlich, dass das nächste Woche vorher geklärt wird und gar nicht erst zu einem Elfmeterschießen kommt.

Das können wir uns dann ja fürs Halbfinale aufsparen.

Schuldt: Von mir aus gern.

Sie hüten die HSV-Tore: Inga Schuldt (27) und Daniel Heuer Fernandes (32) unterhalten sich erst einmal über ihre gerade beendeten Trainingseinheiten bei Hamburger Februarwetter. Klarer Konsens: „Lieber Nieselregen als ganz trocken.“ Dann sprechen die beiden mit der MOPO über das DFB-Pokal-Spiel der Frauen gegen Gladbach im Volksparkstadion, den Reiz des Torwartdaseins, gehaltene Elfmeter und eigene Treffer.