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„Geweint wie ein kleiner Junge“: Costa über heiße HSV-Transfers und große Momente

Claus Costa steht vor dem HSV-Logo mit verschränkten Armen in Hamburg.
Hinter Claus Costa liegen 2500 intensive Tage beim HSV, 2500 weitere sollen folgen – mindestens.

Seit 2500 Tagen ist Claus Costa beim HSV nun schon im Amt. In der MOPO blickt er zurück auf fast sieben intensive Jahre, emotionale Momente, harte Transfer-Poker und besondere Menschen.

Claus Costa ist ein Verhandlungsexperte. Der Sportdirektor ist immer über die Finanzlage des HSV im Bilde und bekommt es besonders in Transferphasen immer wieder mit Millionen-Summen zu tun. Doch dieser Zahl war er sich nicht bewusst: 2500 – seit so vielen Tagen arbeitet er seit diesem Donnerstag im Volkspark. Costa war zunächst Chefscout, stieg 2023 in der Hierarchie auf, prägt den HSV nun seit fast sieben Jahren und blickt für die MOPO auf seine emotionalen High- und Lowlights zurück. Der 42-Jährige erzählt von intensiven internen Gesprächen und von einem Moment, in dem viele Tränen flossen. Und er verrät seinen härtesten Transfer-Poker.

Mein allererster HSV-Tag am 21. August 2019

Diesen Wow-Moment, der einen emotional erschlägt, wenn man auf das Volksparkstadion zufährt, hatte ich schon einige Wochen vorher, als ich zu Gesprächen hier war. Bei meinem ersten offiziellen Arbeitstag, erinnere mich noch genau, wie Nadja Kischkat (damals sportliche Assistentin; d. Red.) mir meinen Laptop und meine Schlüssel zum Auto und zum Stadion gegeben hat. Mein erstes Büro war relativ weit hinten im Flur. Als Erstes habe ich mit allen Scouts aus meiner Abteilung ein kleines Speeddating zum Kennenlernen gemacht.

Claus Costa im Büro vor Signif-Logo, neben Tisch mit Unterlagen und Stühlen.

Meine lustigste Anekdote

Ich kann verraten: Wir haben ein sensationelles Humorlevel auf der Geschäftsstelle. Wir nennen es auch gerne den „Maschinenraum“ – da, wo die Kohle mit der Hand nachgelegt wird (lacht). Das Innenleben des HSV macht großen Spaß, es gibt diverse WhatsApp-Gruppen. Wir haben eine leistungsorientierte Kultur, aber zugleich viele witzige und fröhliche Mitarbeiter. Man nimmt sich auch gegenseitig gerne hoch, das holt mich ab. Es ist sehr viel Lustiges passiert. Die eine Anekdote kann ich da gar nicht benennen.

Mein schönster HSV-Moment

Es gab viele kleine, spezielle Augenblicke, aber ich kann nicht anders antworten als mit dem Aufstieg. Nach dem 6:1 gegen Ulm hatte ich meinen Moment mit meiner Familie. Als alle auf dem Balkon gefeiert haben, bin ich runter zur Tribüne. Da waren meine beiden Kinder, meine Frau, meine Mama und mein Bruder – und ich habe einfach geweint wie ein kleiner Junge. Ich musste mir diesen einen Moment nehmen. Es war mehr Erleichterung als pure Freude. Das wird kaum mehr zu toppen sein.

Claus Costa und Loic Fave feiern den HSV-Aufstieg bei der Pressekonferenz in Hamburg.

Mein schwierigstes HSV-Erlebnis

Sandhausen. Das war an Tragik nicht zu überbieten. Ich war auf der Tribüne, alle jubelten, es gab kein Internet, aber ein Kumpel rief mich an und sagte: „Wieso feiern alle? Heidenheim braucht nur ein Tor, es sind 14 Minuten Nachspielzeit.“ Ich habe ihm gesagt, er soll dranbleiben und nur etwas sagen, wenn ein Tor fällt. Irgendwann hörte ich am Telefon: „3:2 für Heidenheim.“ Da wurde uns der Boden unter den Füßen weggerissen. Ich bin sechs Stunden lang allein mit dem Auto nach Hause gefahren. Telefonieren ging nicht, Musik ging nicht, Ruhe ging nicht. Es war grausam.

Mein intensivstes Gespräch

Eines, an das ich mich besonders gut erinnere, war am Morgen nach dem 0:5 in München im September, am Flughafen. Ich habe mich mit Merlin (Polzin; d. Red.) ausgiebig darüber unterhalten, dass wir alle Entscheidungen nach dem Aufstieg mit Überzeugung getroffen haben. Zu der Zeit hat keiner einen Pfifferling auf uns gesetzt. Wir haben uns aber gesagt: Wir haben jetzt alle Zutaten. Alle Spieler sind da. Nun geht es um das Zusammenfügen. Das war kein Zweckoptimismus. Merlin und ich wussten: Jetzt geht die Saison richtig los.

Meine härteste Transfer-Verhandlung

In der Gesamtheit am herausforderndsten war der Wechsel von Ludo (Ludovit Reis; d. Red.) nach Brügge. Ich habe ihm den HSV und unsere Pläne mit ihm vorgestellt, als er zum allerersten Mal hier war, und habe ihn bis zum letzten Tag begleitet. Wir wollten ihn nach dem Aufstieg behalten, aber er war klar in seinem Wechselwunsch. Brügge hatte ebenfalls klare Ideen – aber wir auch. Emotional, rational und inhaltlich alles unter einen Hut zu bekommen, war hart. Der Austausch mit dem Kollegen in Brügge war intensiv. Es hat auch mal geknistert, aber die Lösung hat für alle gepasst.

Ludovit Reis und Claus Costa sitzen auf der HSV-Bank vor blauem Hintergrund.

Meine Nacht mit dem schlechtesten Schlaf

Die Nacht vor dem Deadline Day im Sommer 2025. Bei Sambi (Albert Sambi Lokonga; d. Red.) fehlte die Unterschrift, Fábio (Vieira; d. Red.) ist sogar morgens erst in den Flieger gestiegen. Als ich am Abend vorher ins Bett ging, dachte ich: Das Gerüst steht – aber es warten noch Anreise, Medizincheck und Vertragsformalitäten. Es geht um jede Kommastelle, alles muss passen. Dahinter steckt brutal viel Arbeit. An dieser Stelle will ich unbedingt das ganze Team loben, das an diesen Transfers mitarbeitet. Um 3 Uhr ist man das erste Mal wach. Um 4 Uhr das zweite Mal, wenn das Handy vibriert, da Justin Melzer (Leiter Recht und Compliance; d. Red.) mit den anderen Parteien die Verträge zirkuliert. An dieser Stelle herrscht bei mir nur noch Hoffnung, denn mein Zutun ist erledigt. Den Rest kann ich leider nicht selbst machen.

Mein engster Mitarbeiter

Sebastian Dirscherl (Chefscout; d. Red.). Seba ist die größte Konstante an meiner Seite – und am Telefon. Er war von meinem ersten HSV-Tag an mit dabei. Seba ist sogar schon ein Jahr länger im Klub als ich. Unsere Zusammenarbeit ist extrem vertrauensvoll. Mein Austausch mit dem Vorstand und dem Trainerteam ist natürlich auch sehr intensiv und von Vertrauen geprägt. Gerade Merlin ist jetzt auch schon seit sechs Jahren hier.

Meine traurigste Spieler-Verabschiedung

Der Abschied von Bascho (Sebastian Schonlau; d. Red.). Vor seinem HSV-Wechsel war er zum ersten Gespräch bei mir zu Hause. Er hat alles gemacht für den Verein. Bascho musste sich vor allem in schwierigen Phasen immer wieder den kritischen Fragen der Medien stellen. Tim Walter hat ihm 2021 sofort die Kapitänsbinde gegeben, ihm Vertrauen ausgesprochen und gesagt: „Jetzt mach.“ Bascho hat gemacht. Er hat sich um sein Team gekümmert und aufgeopfert: Es gab Spiele, da hätte er mit seiner verletzten Wade kaum spielen können. Am Ende hat er den Aufstieg endlich erlebt, aber wir haben Veränderungen angestrebt. Ihm das zu erklären, war keine Freude.

Claus Costa, Sebastian Schonlau, Stefan Kuntz, Ludovit Reis und Dr. Eric Huwer bei der Verabschiedung in Hamburg.

Der wichtigste Ratschlag für mich

Für Stressphasen, wenn man kaum zu Hause ist und auch mal die Anspannung in kritischen Momenten steigt, habe ich meine Frau mal gefragt: „Wofür mache ich das eigentlich?“ Sie hat gesagt: „Weil du deinen Traum lebst und das zu dir gehört.“ Herauszoomen hilft mir in solchen Zeiten – sich zu erinnern, was für ein Privileg der Job ist. Es gibt auch Kalendersprüche, die mir gefallen. In meinem Büro steht an der Wand: „Der Mutige stirbt einen Tod, der Feige jeden Tag.“ Ein wenig kitschig (lacht). Aber es geht mir darum, sich immer wieder daran zu erinnern, aus Überzeugung zu handeln und proaktive Entscheidungen zu treffen.

Mein Wandel zwischen 2019 und heute

Ich weiß noch, wie der damalige Pressesprecher Till Müller mich im Sommer 2019 anrief, um die Zitate für die Mitteilung meines Schritts nach Hamburg zu besprechen. Ich habe ihm gesagt: „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel Bock ich auf den HSV habe.“ Das öffentliche Statement war damals dann relativ nüchtern. Aber innerlich war ich nur dankbar und gleichzeitig voller Energie und Vorfreude – und ich kann nach sieben Jahren sagen, dass dieses Gefühl noch stärker geworden ist. Meine Reise beim HSV ist schon jetzt etwas ganz Besonderes. 2500 Tage – das macht mich wirklich stolz.

Mein größter Wunsch für die Zukunft

Ich hoffe, dass wir den Weg, den wir eingeschlagen haben, weitergehen – trotz aller Widerstände, die kommen werden. Wir wollen langfristig ernten, was wir jetzt säen. Wir sollten unsere Gemeinschaft im Team beibehalten, uns gegenseitig vertrauen, keine Schuldzuweisungen äußern. In der Sache können wir intern hart diskutieren, aber wir müssen immer zusammen nach außen treten. Und vielleicht können wir ja irgendwann, nach meinem 5000. Tag beim HSV, alles neu Revue passieren lassen.

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