Geht Vieira? Bleibt Heuer Fernandes? Wer kommt? Costa über die wichtigsten HSV-Themen
Klassenerhalt, Transferplanung, Sportvorstand-Suche: Die Themen gehen dem HSV nicht aus. Und Claus Costa ist mittendrin. In der MOPO reagiert der Sportdirektor auf zwölf Thesen. Eine davon findet er „zu scharf“ formuliert, eine andere Zukunftsfrage beantwortet er mit einem „klaren Ja“. Und was ist mit der Behauptung, dass bald alle sechs Leihspieler weg sind? Costa spricht auch über Luka Vuskovic. Kader-Klartext!
These 1: 31 Punkte und damit fünf Zähler Vorsprung auf Rang 16 vier Spieltage vor Schluss hätte ich vor der Saison sofort unterschrieben.
Claus Costa: Wir haben uns vor der Saison nicht exakt dieses Ziel für den 30. Spieltag gesetzt. Für uns war klar: Wir wollen in jedem Spiel die bestmögliche Ausbeute. Daran haben wir nach dem holprigen Saisonstart festgehalten – und wir machen das auch bei guten Zwischenpositionen wie aktuell. Wenn man es aber auf den Punktestand und das Tabellenbild reduziert, hätte ich die jetzige Situation im Sommer so unterschrieben.
Von Trainer Polzin ist Costa immer wieder überrascht
These 2: Merlin Polzin überrascht mich nach 16 Monaten als Cheftrainer trotzdem immer wieder.
Auch das stimmt. Dass Merlin ein sehr guter Fußballtrainer ist, sehe ich seit sechs Jahren. Wie detailversessen er ist, wie viel Know-how er hat, hat er schon als Co-Trainer bewiesen. Als Chefcoach bekam er aber auf einen Schlag die Verantwortung für das große Ganze. Und mit welcher Weitsicht Merlin das Team und den Staff führt, ist beeindruckend. Ich wurde einmal gefragt, ob er ein Fußball-Nerd sei. Für mich ist Merlin ein Anti-Nerd, einfach eine Top-Führungskraft. Er muss delegieren, vertrauen, herausfordern, unangenehme Entscheidungen treffen. Wie vorausschauend er das macht, ist außergewöhnlich. Zugleich ist er offen für alle Impulse von außen. Ich habe das Gefühl, Merlin läuft durchs Leben und saugt an jeder Ecke etwas auf, das er für den HSV und sich nutzen kann. Er muss nichts Spektakuläres tun, um zu überraschen. Aber er versucht immer wieder, sich auf höchstem Niveau weiterzuentwickeln.
These 3: Die Ausfälle von Luka Vuskovic und Albert Sambi Lokonga haben gezeigt, dass es im HSV-Kader an Qualität in der Breite fehlt.
Das kann man behaupten, wenn man es auf die Punkte und Ergebnisse zuletzt reduziert. Aber ich widerspreche trotzdem. Luka und Sambi sind Leistungsträger, aber wenn wichtige Spieler fehlen, tut das jeder Mannschaft weh. Der FC Bayern hat beispielsweise auch nicht den zweiten Harry Kane. Wir als Aufsteiger sind froh über unseren Kader, der genügend Facetten bietet, um Ausfälle als Team aufzufangen. Dass Top-Spieler qualitativ nicht eins zu eins zu ersetzen sind – das haben wir als HSV nicht exklusiv.
Costa verteidigt seine Winter-Transfers beim HSV
These 4: Im Nachhinein ist man schlauer – die Transferperiode im Winter ist aus heutiger Sicht nicht gut genug für den HSV gelaufen.
Das sehe ich anders. Retrospektiv sind wir alle Bundestrainer und wussten schon vorher, wie es hinterher besser gelaufen wäre. Im Winter hat gefühlt jeder Verein ab Platz elf den Top-Knipser gesucht, der in der Rückrunde zehn Tore schießt. Wie viele Klubs haben den gefunden? Wenn ich an den Ausgangspunkt der Entscheidungen zurückgehe, ist für mich klar: Wir würden jeden der Transfers wieder so machen.
These 5: Die Wichtigkeit der Winterzugänge für den HSV kann die Öffentlichkeit nicht final einschätzen.
Vermutlich. Wir haben nicht erwartet, dass Damion Downs zwölf Tore schießt. Er ist nicht zufrieden mit seinen Einsatzzeiten, seiner Leistung und dem Output. Trotzdem bringt er Qualitäten ein, die für uns wichtig sind. Das gilt auch für die anderen Spieler. Albert Grønbæk wurde durch seine Verletzung zurückgeworfen. Philip Otele hatte sofort gute Ansätze. Mit ihm haben wir die Verletzung von Alex (Alexander Røssing-Lelesiit; d. Red.) und die Strafe für das Fehlverhalten von Jean-Luc (Dompé; d. Red.) aufgefangen. Auch der Torwartmarkt ist kompliziert – und Sander Tangvik erfüllt genau das, was sich alle von ihm erwartet haben. Er hat sich super in die Gruppe eingefügt. Er hält das Trainingsniveau hoch, alle sind happy über seine Performance und seine Einstellung. Bei Otto Stange, der aus Elversberg zurückkam, ist es genauso. Ich finde, wir haben den Kader gezielt ergänzt und auf den Markt reagiert – der ist im Winter sowieso ein Wettbewerb für sich.
HSV hat bereits neue Wunsch-Spieler auf der Liste
These 6: Die Wahrscheinlichkeit, dass uns alle sechs Leihspieler nach der Saison verlassen, ist hoch.
Die logische Antwort ist: Nein, die Wahrscheinlichkeit ist nicht hoch, weil wir für den einen oder anderen Leihspieler eine Kaufoption haben. Die werden oft als Absicherung des Marktwerts ausgehandelt und sind tendenziell höher angesetzt, besonders im Winter. Deshalb wäre ich vorsichtig mit der These. Es sind Einzelfälle. Aktueller denn je gilt: Wir brauchen Klarheit über die Ligazugehörigkeit. Dann besprechen wir mit jedem, was das Beste ist.
These 7: Die schwierigste Aufgabe bei der Planung des Kaders für die neue Saison wird es sein, einen Nachfolger für Vuskovic zu finden.
Das ist zu weit in die Zukunft geblickt – weil wir andere Themen haben, als mögliche Neuverpflichtungen zu gewichten. Auch hier ist es kein exklusives HSV-Thema, dass die Top-Spieler manchmal unersetzlich sind. Ein Beispiel: Egal, wie viel Geld Bayer Leverkusen für ihn eingenommen hat – Florian Wirtz wird nie eins zu eins zu ersetzen sein. Jeder Verein hat den Job, vorbereitet zu sein. Bei Luka sprechen wir von einer Leihe. Wir sind super happy, dass wir ihn bei uns haben – und stolz, dass der Plan aufging. Er ist 19, wir waren aber überzeugt, dass er eine tragende Rolle spielt und sich hier beim HSV perfekt weiterentwickelt. Es wird eine Herausforderung, ihn zu ersetzen. Ich sehe aber keine Eins-zu-eins-Thematik nach dem Motto: Der neue Innenverteidiger muss genau das auch können. Wir werden Lösungen finden.
These 8: Ich weiß schon jetzt von einem Spieler, den ich im Sommer unbedingt zum HSV holen möchte.
Ja, selbstverständlich (lacht). Die Kaderplanung beginnt ja nicht erst am 17. Mai. Es ist ein Prozess. Spieler tauchen immer mal wieder auf Listen auf oder fallen herunter. Natürlich gibt es Spieler, die würde ich nächste Saison sehr gerne beim HSV sehen – einer davon ist Luka (lacht). Leider ist es bei ihm eher unrealistisch. Aber es gibt noch andere Jungs, wie in jedem Jahr. Es wäre schlecht, wenn das nicht so wäre.
These 9: Es wäre schade, wenn Ransford Königsdörffer und Daniel Heuer Fernandes den HSV verlassen. Ihre Verträge laufen Ende Juni aus.
Klares Ja. Das wäre schade, dem ist nichts hinzuzufügen. Es gibt aber keinen neuen Stand.
Costa lobt HSV-Suche nach einem neuen Sportvorstand
These 10: Ich habe eine Ahnung, wer neuer HSV-Sportvorstand werden könnte.
Klares Nein (lacht). Ich finde es sehr angenehm, wie unaufgeregt und professionell die Suche verläuft. Ich habe keine Insider-Informationen und beanspruche die nicht. Der Aufsichtsrat hat die Entscheidungshoheit. Es steht mir nicht zu, den Prozess zu hinterfragen oder zu kommentieren. Wir haben genug Themen im Tagesgeschäft.
These 11: Ein Nachteil meines Jobs ist: Es gibt keine Zeit zum Genießen.
Das unterschreibe ich. Es gibt viele Augenblicke, in denen ich mich zwingen muss, den Moment zu genießen. Nicht nur nach Siegen. Mein Job ist ein Riesenprivileg. Ich bin eigentlich nie urlaubsreif – vielleicht mal nach dem Deadline Day, aber ansonsten nicht, weil es so viel Spaß macht. Der Job kostet Kraft, gibt mir aber Energie ohne Ende. Ich habe einen guten Umgang damit gefunden. Trotzdem stimmt die These. Wenn die Saison vorbei ist, dürfen sich der Staff und die Spieler ein paar Wochen verabschieden. Für uns geht es dann richtig los. Zwei Monate durchatmen gibt es nicht. Ich wäre froh, wenn die nächsten zwei Tage alles so läuft wie geplant (lacht).
These 12: Selbst, wenn wir bis zum Saisonende kein einziges Spiel mehr gewinnen sollten, wird es eine gute Saison sein, wenn wir den Klassenerhalt schaffen.
Ich wehre mich gegen diese Hochrechnungen. Ja, wenn wir die Klasse halten, ist es für mich eine sehr gute Saison – weil ich weiß, wie viel Zeit, Leidenschaft und Herzblut hinter unserer Arbeit steckt. Wie viele Stunden die Trainer investiert haben, um die Spielidee anzupassen. Wie viele Hürden im Sommer zu überwinden waren, bevor unser Kader final stand. Die These ist mir trotzdem zu scharf formuliert, weil wir sehr ambitioniert sind und jedes Spiel gewinnen wollen. Daher würden wir uns natürlich nicht glücklich in den Armen liegen, wenn wir jetzt noch viermal verlieren. Das große Ziel steht über allem. Aber wir sind im Kopf beim nächsten Spiel – und wollen am Samstag ein erfolgreiches Heimspiel hinlegen.