HSV
Ex-Boss Arnesen packt über HSV-Chaos aus: Ich wollte van der Vaart gar nicht holen!
In seiner Biografie packt der frühere HSV-Sportvorstand Frank Arnesen aus – auch mit kritischen Worten über seine Hamburger Zeit. Es geht um Kühne, van der Vaart und viel Wirbel.
Die Zahlen sprachen eigentlich für ihn. Als Frank Arnesen im Mai 2013 als HSV-Sportvorstand entlassen wurde, hatte der Verein die gerade beendete Bundesliga-Saison auf Rang sieben abgeschlossen – niemals stand er seitdem besser da. Und dennoch: Beide Seiten hatten sich mehr von der zwei Jahre langen Zusammenarbeit erhofft. Nun blickt Arnesen zurück. In seiner kürzlich erschienenen Biografie „Total Fodbold“ (320 Seiten) gewährt er intime Einblicke in seine mehr als 50 Jahre lange Karriere als Profi und Funktionär. Dabei schildert der 69-Jährige offen wie nie seine chaotische Zeit beim HSV und kann sich einige Seitenhiebe nicht verkneifen. Insbesondere die Art und Weise seines Rauswurfs stößt ihm bis heute übel auf. Es geht um Kühne, van der Vaart und viel Wirbel.
Der Stolz war den HSV-Offiziellen anzumerken, als sie Arnesen im Sommer 2011 präsentierten. Immerhin hatten sie ihn vom großen FC Chelsea losgeeist, das sollte doch was heißen. Dass der Däne in London zum Ende hin längst nicht mehr in der allerersten Reihe stand, wurde gern verschwiegen. Und eigentlich fing zwischen Arnesen und dem HSV ja ohnehin alles schon miserabel an.
Schon der HSV-Start begann mit einem Missverständnis
„Ich muss etwas falsch verstanden haben“, schreibt Arnesen in seinem auf Dänisch erschienenen Buch und erinnert sich an den Start: „Vorstands-Boss Bernd Hoffmann, der mich eingestellt hatte, sagte mir, ich hätte 20 Millionen Euro für Spielerkäufe zur Verfügung.“ Blöd nur, dass Hoffmann kurz vor Arnesens Ankunft beim HSV durch Carl-Edgar Jarchow ersetzt wurde. „Ein netter Mann, der mir leider mitteilen musste, dass der Verein kein Geld mehr hatte und stattdessen 20 Millionen Euro im Budget eingespart werden mussten.“
Das machte sich auf dem Rasen bemerkbar. In Arnesens erster Saison 2011/12 landete der HSV auf Rang 15. Unter den gegebenen Umständen war der Boss dennoch „zufrieden. Es war ein schwierigerer Start als erwartet, und als mir die Realität bewusst wurde, war mein Ziel der Klassenerhalt gewesen.“
Besser lief es in der zweiten Saison des Dänen – obwohl er sich eigentlich dagegen aussprach, einen Topstar zum HSV zurückzuholen. Neben Torjäger Artjoms Rudenvs und Mittelfeld-Lenker Milan Badelj, die voll einschlugen, verpflichtete der Verein auch Rafael van der Vaart, der bereits von 2005 bis 2008 die HSV-Fans verzaubert hatte. Arnesen erinnert sich: „Normalerweise hätte sich der HSV einen Spieler wie ihn nicht leisten können, aber wir hatten einen engagierten Fan namens Klaus-Michael Kühne, der zu den reichsten Menschen Deutschlands zählt. Kühne unterstützte den Verein gelegentlich finanziell, und ich schlug ihm vor, in unsere Jugendabteilung zu investieren. Daran war er jedoch überhaupt nicht interessiert.“
Arnesen war gegen van der Vaarts Verpflichtung
Stattdessen kam van der Vaart für 13 Millionen Euro aus Tottenham zurück zum HSV. Gegen den Vorschlag von Arnesen, der lieber den brasilianischen Nationalspieler Oscar (damals 21 Jahre alt) verpflichtet hätte. „Doch das konnte ich vergessen. Herr Kühne war von van der Vaart begeistert.“
Der Sommer 2012 sollte Arnesen noch lange beschäftigen. Plötzlich sah er sich heftigen Vorwürfen ausgesetzt: „Im September 2012 veröffentlichte die (...) ,Sport Bild‘ einen Artikel, der unterstellte, ich hätte an Spielern verdient, die meine Vereine (...) über mir bekannte Berater gekauft oder verkauft hatten.“
Ich wollte Oscar verpflichten. Doch das konnte ich vergessen. Herr Kühne war von van der Vaart begeistert.
Konkret ging es um die Abwicklung des Badelj-Transfers von Dinamo Zagreb zum HSV, bei dem der mit Arnesen befreundete Berater Vlado Lemić involviert gewesen war, der auch über einen guten Draht zu den Dinamo-Bossen verfügte. „Sie vertrauten Vlado, der die Sprache und die Mentalität kannte, also nahm ich ihn mit zu den Verhandlungen“, so Arnesen. „Es ist völlig üblich, sein Netzwerk auf diese Weise zu nutzen, und Vlado erhielt dafür keinen einzigen Euro. Es führte jedoch dazu, dass Badeljs Berater verärgert war und laut ,Sport Bild‘ behauptete, ich hätte den Spieler für 2,5 Millionen Euro statt der von uns gezahlten 3,5 Millionen bekommen können. Was war aus der letzten Million geworden, fragte der Artikel indirekt.“
Vor den HSV-Räten legte Arnesen Rechenschaft ab
Das fragte sich auch der HSV-Aufsichtsrat, der Arnesen um ein Treffen bat: „Ich hatte einen Tag Zeit, die 23 Spielerkäufe und -verkäufe zu erklären, für die ich in meinem ersten Jahr beim HSV über drei Transferperioden hinweg verantwortlich war.“ Arnesens Ausführungen überzeugten die Bosse um Aufsichtsratschef Alexander Otto: „Nach dem Treffen rief er mich spät am Abend an, entschuldigte sich vorbehaltlos und sagte: Frank, alles bestens. Wir sehen, dass Sie sich an die Regeln gehalten haben.“
Dennoch: Es sollte Arnesens letzte Saison im Volkspark werden. „Es war eine chaotische Zeit beim HSV, geprägt von finanziellen Schwierigkeiten und persönlichen Konflikten in der Führungsetage“, so der Däne. Im Januar 2013 wurde der Aufsichtsrat auf vier Positionen verändert, neben Otto stellte sich mit Ian Karan ein weiterer Arnesen-Unterstützer nicht erneut zur Wahl. Während die Profis knapp hinter den Europapokal-Rängen rangierten, spürte Arnesen den Gegenwind. „Für das Geld, das Sie verdienen, erwarten wir bessere Leistungen“, schleuderte ihm einer der neuen Räte während einer Sitzung entgegen. „Da wurde ich wütend“, erzählt Arnesen, der den Räten antwortete: „Hamburg ist die zweitgrößte Stadt des Landes, und Sie haben Schwierigkeiten, große Sponsoren zu finden. Besorgen Sie Geld, damit wir Spieler kaufen können, anstatt mir die Schuld für die schlechten Leistungen zu geben.“
Dazu erhöhte sich auch die Schlagzahl der Unterredungen: „Jeder Transfer, selbst der kleinste, musste vom Aufsichtsrat genehmigt werden, ich hatte im Frühjahr 15 bis 20 Treffen mit ihnen. Normalerweise sind es sechs bis acht pro Saison.“
Organisatorische Panne vor der Entlassung
Arnesen ahnte, was kommen würde: „Etwas mehr als eine Woche nach Saisonende rief Manfred Ertel, der neue Aufsichtsratsvorsitzende des Vereins, an, der (...) mit seinen Skisocken und seinem Rucksack dem Sitzungssaal etwas Farbe verlieh. Ich war ja selbst mal ein Hippie, also hatte ich damit kein Problem, aber er wirkte in seiner neuen Rolle überhaupt nicht vertraut und professionell.“
Als sich Arnesen nach Saisonende auf einer Testspiel-Tour mit den Profis befand, soll Ertel ihn für den kommenden Tag zum Gespräch gebeten haben. „Es sei wichtig, dass wir uns ohne die Aufmerksamkeit von Fans und Presse treffen, sagte er und schlug ein Restaurant in der Stadt vor“, so Arnesen. Doch als der Sportvorstand gemeinsam mit Ertel und zwei weiteren Räten im Restaurant erschien, war kein Platz mehr frei: „Habt ihr nicht reserviert, fragte ich, und begann mich ein wenig zu amüsieren“, so der Däne. Die Räte verneinten und schlugen ein anderes Restaurant vor. „Drinnen war es brechend voll, aber wir bekamen einen Platz an einem Tisch auf einem Sims am Ende des Raumes“, schildert Arnesen. „Von hier aus konnten wir alles im Restaurant verfolgen, aber andererseits konnten uns auch die anderen Gäste sehen.“
Es war alles wie in einer schlechten Komödie und symbolisierte, wie schwierig es beim HSV in jenen Jahren war.
Das Treffen lief aus seiner Sicht chaotisch ab. Schnell wurde Arnesen erkannt und von den Anhängern gefeiert. Nachdem Ertel das Gespräch eröffnet hatte, wurde der Rats-Boss von einem seiner Kollegen gebeten, doch bitte leiser zu sprechen, da die Herumsitzenden zuhören würden. „Ich hatte Mühe, meine Fassung zu bewahren“, so Arnesen. „Es war wie in einer schlechten Komödie und symbolisierte, wie schwierig es beim HSV in jenen Jahren war. Natürlich wurde mir mitgeteilt, dass ich entlassen worden war, und dass man hoffte, ich würde vor Saisonbeginn einen neuen Job finden.“
Ertel betont sein gutes Verhältnis zu Arnesen
Wie aber beurteilt Ertel mit mehreren Jahren Abstand die Angelegenheit? Die MOPO fragte bei dem 76-Jährigen nach. „Ich hatte zu Frank Arnesen immer ein gutes Verhältnis und wir begegneten uns eigentlich immer auf Augenhöhe“, so der frühere Chef der Kontrolleure. „Anders als eine knappe Mehrheit im Aufsichtsrat hatte ich auch immer eine eher positive Meinung zu ihm und seiner Arbeit. Es gab allerdings bei einer Abstimmung keine Mehrheit für eine Vertragsverlängerung. Daraus ergab sich beinahe zwangsläufig, dass Frank Arnesen für die letzten Monate seines noch laufenden Vertrages beurlaubt wurde, weil er in allen wichtigen Fragen nur noch eine ,lame duck‘ gewesen wäre.“ Ertel betont: „Das hat er damals selbst auch so gesehen. Deshalb gingen wir, bei aller Enttäuschung, auch halbwegs gut auseinander.“
Komplett ist die Wunde bei Arnesen aber noch nicht verheilt, wie der Ex-Nationalspieler (52 Einsätze für Dänemark) in seinem Buch zugibt: „Ich wäre gern für das letzte Jahr meines Vertrags beim HSV geblieben. Wir hatten eine junge, talentierte Mannschaft und waren auf einem guten Weg, die Dinge zum Besseren zu wenden. Ob es uns gelungen wäre, lässt sich natürlich nicht sagen.“
Arnesen kassierte im August 2013 eine Abfindung in Höhe von 1,4 Millionen Euro und setzte seine Karriere jenseits von Hamburg fort – in Charkow, Saloniki, Anderlecht und Rotterdam. Auch über diese Stationen schreibt er in seiner Biografie, die bislang allerdings nur auf Dänisch erhältlich ist.
Der MOPO sagte Arnesen kürzlich: „Es war mir ein Bedürfnis, auch meine Gedanken über meine Zeit in Hamburg zu Papier zu bringen. Auch wenn nicht alles so lief, wie ich es mir gewünscht hätte: Ich drücke dem Verein immer die Daumen.“
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