„Es hätte funktioniert“: Selke über seinen HSV-Abschied und das Derby gegen Werder

Davie Selke stemmt die Hände in die Hüften bei einem Fotoshooting
Davie Selke trägt in Istanbul zwar keine HSV-Kleidung mehr, den Klub behält er aber weiter im Herzen.

Ohne ihn würde der HSV aktuell wohl noch immer in der 2. Liga spielen. 22 Treffer steuerte Davie Selke in der Vorsaison zum Aufstieg bei, ehe er nach gescheiterten Vertragsgesprächen zu Basaksehir Istanbul wechselte. Das Nordderby gegen Werder wird er in der türkischen Metropole vor dem Fernseher verfolgen. Auch für Selke, der vor seiner HSV-Zeit zweimal in Bremen unter Vertrag stand, eine außergewöhnliche Partie, die er mit besonderen Emotionen verfolgen wird. Vorab sprach der 30-Jährige mit der MOPO über den Gipfel des Nordens und sein neues Leben in Istanbul.

MOPO: Sie haben für den HSV und für Werder Bremen gespielt. Schlagen am Sonntag zwei Herzen in Ihrer Brust?

Davie Selke: Ich kann mir vorstellen, dass so gedacht wird. Ich würde da allerdings ein wenig differenzieren.

Klären Sie uns auf.

Ich war Werder immer dankbar, dass sie mir 2013 die Chance gegeben haben, im Profifußball anzukommen. Meine zweite Erfahrung, als ich Anfang 2020 zurückkam, war dann leider gar nicht gut, weder sportlich noch im Allgemeinen. Aus meiner Sicht habe ich nicht die Chancen erhalten, die ich gebraucht hätte, um mich wirklich zeigen zu können. Zum HSV dagegen kann ich nur sagen: Es war das schönste Jahr, das ich in meiner Profi-Karriere erlebt habe.

Beim HSV erlebte Davie Selke „ein unbeschreibliches Jahr“

Sie wurden Torschützenkönig und erlösten den Verein von sieben Jahren der Zweitklassigkeit.

Es war ein unbeschreibliches Jahr. Diese Erlebnisse, diese Gefühle, die ich dort hatte, waren so intensiv, dass sie schwer in Worte zu fassen sind. Und diese Intensität der Eindrücke wird auch immer bleiben. So viel ist klar: Ich werde mich in meiner Laufbahn, wenn ich gefragt werde, niemals gegen den HSV entscheiden.

Dennoch trennten sich die Wege im Sommer nach nur einem Jahr. Zuvor wurde monatelang über einen neuen Vertrag verhandelt. Wie schauen Sie rückblickend auf diese Zeit?

Natürlich war dieses Ende damals nicht ganz in meinem Sinne und es tat auch ein Stück weit weh. Aber es ist jetzt so, wie es ist. Ich bin dankbar für die Zeit.

Davie Selke bejubelt ein Tor für Werder Bremen
Davie Selke blickt mit gemischten Gefühlen auf seine Werder-Zeit.

Wie verfolgen Sie die Spiele Ihres Ex-Klubs in der Bundesliga?

Sehr intensiv. Ich schaue wirklich jedes Spiel und fiebere mit. Natürlich hatte es der HSV am Anfang schwer, der Start war holprig. Aber aus meiner Sicht sind sie mittlerweile voll in der Bundesliga angekommen und hätten sogar schon mehr Punkte auf dem Konto haben können. Ich denke, der HSV hat das Zeug dazu, einen komfortablen Mittelfeldplatz zu belegen und nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben.

Als regelmäßiger Beobachter der Spiele wird es Ihnen nicht entgangen sein, dass es eigentlich schon seit dem Saisonstart eine heftige Stürmerdebatte beim HSV gibt.

Natürlich bekomme ich das mit. Ich glaube aber, dass alle Jungs da vorn versuchen, einen guten Job zu machen.

Selke freut sich für HSV-Stürmer Glatzel und Königsdörffer

Wie sehr haben Sie sich für Robert Glatzel gefreut, als sein Tor-Knoten zuletzt gegen Stuttgart platzte?

Ich habe mich gefreut für Bobby. Er war ja immer mehr Mitspieler als Konkurrent für mich, das Gleiche gilt vor allem auch für Ransi (Königsdörffer; d. Red.). Auch sein Tor gegen Dortmund hat mich sehr gefreut.

Und dennoch muss es Sie doch manchmal zwicken. Nur zwei Spieler in der Liga schlugen bislang mehr Flanken als Jean-Luc Dompé, mit dem Sie beim HSV prächtig harmonierten. Haben Sie sich zuletzt nie gewünscht, selbst im Strafraum zu stehen, wenn eine seiner Hereingaben angesegelt kommt?

Gute Frage (lacht). Sagen wir es so: Die Bindung, die Jean-Luc und ich auf dem Platz hatten, war überragend. Ich bin fest davon überzeugt, dass es auch in der Bundesliga funktioniert hätte.

Jean-Luc Dompé und Davie Selke bejubeln ein Tor für den HSV
Jean-Luc Dompé und Davie Selke erwiesen sich als Traum-Duo beim HSV.

Stattdessen spielen Sie mittlerweile 2000 Kilometer Luftlinie entfernt. Wie gefällt Ihnen das Leben in Istanbul und der Süper Lig?

Es ist eine coole Erfahrung für uns als Familie. Istanbul ist eine sehr lebenswerte Weltstadt. Das war auch ein Teil unserer Entscheidung, etwas ganz Neues zu erleben, dass wir in einer Stadt leben wollten, auf die wir richtig Lust haben. Und mir gefällt es auch sportlich, etwas ganz Neues zu erleben, mal andere Stadien zu sehen und gegen andere Gegner zu spielen.

Allein Istanbul hat sechs Erstligisten.

Der Fußball in der Türkei unterscheidet sich natürlich von dem in Deutschland. Es geht sehr emotional zu, die Liga macht Spaß. Grundsätzlich kann hier jeder jeden schlagen. Aber: Außer bei den Top-Teams ist es nicht so, dass die Stadien immer rappelvoll sind.

Bei Basaksehir hatte Ex-HSV-Profi Selke einen guten Start

Sportlich fing es für Sie bei Basaksehir sehr gut an, mit drei Treffern in der Qualifikation zur Conference League.

Dann habe ich mich leider an der Wade verletzt und war fast acht Wochen raus. Als ich zurückkam, brauchte ich einen Tick Zeit, habe dann allerdings auch wieder getroffen. Deswegen würde ich den Start in der Türkei insgesamt schon als geglückt bezeichnen.

Bis zum vergangenen Wochenende. Im Derby bei Kasimpasa sahen Sie Gelb-Rot.

Der erste Platzverweis meiner Karriere, unglaublich. Ich will mich mal vorsichtig ausdrücken: In Deutschland wäre ich für diese Foulspiele wahrscheinlich nicht vom Platz geflogen.

Davie Selke bejubelt ein Tor für Basaksehir
Angekommen: In neun Pflichtspielen für Basaksehir erzielte ​​​​​​​Davie Selke vier Tore.

Vermissen Sie die Stadt Hamburg manchmal?

Wir haben uns in Hamburg tatsächlich sehr wohlgefühlt. Wahrscheinlich wohler, als wir es vorher mal dachten. Sollten wir nach meiner Karriere in Deutschland leben, gibt es für uns zwei Optionen: Stuttgart, da meine Frau und ich aus der Ecke stammen, oder aber Hamburg.

Zurück zum Nordderby. Sie haben es zweimal spielen dürfen und wissen, was es den Fans bedeutet. Was aber geht in so einer Woche in den Köpfen der Spieler vor sich?

Es ist zwar schon ein paar Jahre her (Selke spielte beide Derbys in der Saison 2014/15; d. Red.), aber ich erinnere mich noch sehr genau. Ich war damals bei Werder und diese Spiele waren absolute Highlights. Die gesamte Woche fühlte sich besonders an. Du wusstest: Egal, in welchem Stadion gespielt wird – die Luft wird brennen! Und so war es dann auch. Das wird auch diesmal so sein.

Selke setzt auf einen HSV-Sieg gegen Werder Bremen

Haben Sie noch Kontakte zu beiden Mannschaften?

Zum HSV natürlich noch sehr viel, ich bin ja noch nicht lange weg. Aber auch zu Marco Friedl und Leo Bittencourt auf Werder-Seite. Auch Clemens Fritz (Geschäftsführer Profifußball in Bremen; d. Red.) war früher mein Teamkollege. Ich weiß also, wie viel dieses Spiel allen Beteiligten bedeutet.

Und wer gewinnt es?

Ich tippe auf ein 2:1 für den HSV.

Bleibt noch eine Frage: Haben Sie in Istanbul eigentlich schon einen Ehrenplatz für Ihre Torjägerkanone gefunden?

Ich muss gestehen, dass ich sie gar nicht mitgenommen habe. Ich hatte die große Befürchtung, dass sie im Rahmen des Umzugs kaputtgehen könnte. Und das wollte ich auf keinen Fall. Dafür bedeutet mir die Kanone viel zu viel. Sie ist sicher in Deutschland deponiert. Aber: Immer wenn ich sie sehe, erfüllt sie mich mit großem Stolz und erinnert mich an das fantastische Jahr, das hinter dem HSV und mir liegt. Das wird immer bleiben.

Ohne ihn würde der HSV aktuell wohl noch immer in der 2. Liga spielen. 22 Treffer steuerte Davie Selke in der Vorsaison zum Aufstieg bei, ehe er nach gescheiterten Vertragsgesprächen zu Basaksehir Istanbul wechselte. Das Nordderby gegen Werder wird er in der türkischen Metropole vor dem Fernseher verfolgen. Auch für Selke, der vor seiner HSV-Zeit zweimal in Bremen unter Vertrag stand, eine außergewöhnliche Partie, die er mit besonderen Emotionen verfolgen wird. Vorab sprach der 30-Jährige mit der MOPO über den Gipfel des Nordens und sein neues Leben in Istanbul.