„Erstaunlich!“ Experten schwärmen vom HSV – so trickste Polzin Kompanys Bayern aus
Fußball-Deutschland staunt über den HSV und die Entwicklung des Aufsteigers. Anfang September noch gingen die Profis von Trainer Merlin Polzin beim Rekordmeister mit 0:5 unter und waren völlig chancenlos. Keine fünf Monate später glänzten die Hamburger beim 2:2 im Rückspiel und fuhren einen hochverdienten Punkt gegen den Liga-Primus ein. Vor allem, weil Polzin und sein Trainerteam die Bayern vor eine taktische Aufgabe stellten, mit der die hochdekorierten Münchner Stars nicht gerechnet hatten.
Selbst Stefan Effenberg und Max Kruse waren ob der Hamburger Leistung baff. „Würden sie das nicht nur gegen gute Gegner, sondern auch auswärts hinbekommen, dann würden sie noch ganz woanders stehen“, erklärte Ex-Nationalspieler Kruse im Sport-1-Doppelpass. „Sie spielen zurecht in der ersten Liga.“ Auch Effenberg schwärmte: „Die Entwicklung ist erstaunlich. Es war ein wirklich gerechtes Unentschieden für den HSV.“
HSV-Trainer Polzin war der Stolz über das Remis gegen die Bayern anzumerken
Polzin war schon am Abend zuvor der Stolz anzumerken, als er etwa eine Stunde nach dem Abpfiff der Partie zur Pressekonferenz bat. Bayerns Trainer Vincent Kompany war da schon über alle Berge und ließ sich entschuldigen. Die genervten Münchner wollten unbedingt noch ihren Flieger zurück in Heimat erreichen, das Hamburger Nachtflugverbot sorgte für ihren raschen Aufbruch. Dabei wäre es interessant gewesen, zu hören, wie Kompany auf Polzins Ausführungen reagiert hätte.
Hamburgs Coach hatte gemeinsam mit seinem Stab eine Taktik ausgearbeitet, die die Bayern vor erhebliche Probleme stellte und dem HSV letztlich einen Zähler einbrachte. Die Idee: Durch häufige Positionswechsel brachte der Außenseiter den auf Manndeckung bedachten Favoriten dazu, weite Wege zu gehen und selbst immer wieder rotieren zu müssen. Ein Plan, der voll aufging.
Der HSV nutzte die Manndeckung der Bayern aus
„Wir waren extrem mutig im Ballbesitz und haben viele Positionswechsel gehabt“, sagte Polzin und lobte: „Riesen Kompliment nochmal ans Trainerteam, was den Matchplan angeht. Durch die Rotationsbewegung haben wir es immer geschafft, den Gegner auf eine Art Reise mitzunehmen und diese Mann-zu-Mann-Orientierung für uns zu nutzen. Im Spiel gegen den Ball wussten wir, dass wir das eine oder andere überstehen müssen. Das ist immer so gegen die Bayern mit ihrer Qualität. Aber das haben wir gut gemacht und es geschafft, daraus auch eine Art Stärke zu entwickeln und nicht nervös zu werden.“

Insbesondere zwei Spieler überraschten gegen die Bayern. Nicolás Capaldo, nominell Teil der Abwehrkette, marschierte zahlreiche Male mit nach vorn und besaß sogar drei gute Torchancen. Zwei Mal scheiterte er an Bayern-Keeper Manuel Neuer (24./60.), unmittelbar vor Fábio Vieiras Strafstoß zur 1:0-Führung des HSV (34.) wurde sein Schuss abgeblockt.
HSV-Kapitän Capaldo hielt Bayerns Superstar Kane auf Trab
„Heute ging es viel ums Laufen“, stellte der Argentinier später fest. „Bayern spielt Mann gegen Mann und in den Momenten, in denen du rennst, müssen sie dir folgen. Ich denke, dass die tiefen Läufe ein bisschen der Schlüssel waren.“ So schaffte es Capaldo, Bayerns Top-Stürmer Harry Kane immer wieder aus dem Zentrum herauszuziehen.

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Auch William Mikelbrencis avancierte zu einer der großen Überraschungen des Spiels. Der Franzose war zuvor in diesem Jahr noch überhaupt nicht zum Einsatz gekommen, machte am Samstag aber aus der HSV-Offensivnot eine Tugend. Mit dem suspendierten Jean-Luc Dompé und den verletzten Alexander Røssing-Lelesiit und Fabio Baldé fehlten gleich drei linke Flügelstürmer. Eine Rolle, die nun Mikelbrencis einnahm, wenngleich er nominell als Außenverteidiger im diesmal praktizierten 5-3-1-1-System fungierte. Der 21-Jährige harmonierte links prächtig mit Miro Muheim, bereitete Luka Vuskovic‘ 2:2 (53.) mustergültig per butterweicher Flanke vor.
Polzin lobte insbesondere Muheim und Mikelbrencis
Mikelbrencis und Muheim schafften es auch, die Kreise von Superstar Michael Olise einzuengen. „Der Plan war, dass wir Olise auf der Seite doppeln“, verriet Muheim. „Das hat eigentlich sehr gut geklappt, er war nicht sehr gut im Spiel dadurch. Und es war die Idee, wenn wir Ballgewinne haben, dass ich den Ball in der Mitte bekomme, aufdrehen und Angriffe einleiten kann. Kann sein, dass wir sie so überrascht haben.“ Polzin lobte: „Im Verbund haben die beiden das sehr gut gemacht.“

Alles in allem taktische Kniffe, die die Bayern vor eine ernsthafte Bewährungsprobe stellten und mitentscheidend dafür waren, dass der Spitzenreiter nach dem 1:2 daheim gegen Augsburg zum zweiten Mal in Folge Punkte liegen ließ.
Kompletter Trainerstab war an der Taktik gegen Bayern beteiligt
Was für den HSV spricht: Nahezu das komplette Trainer-Team war an der Erfolgstaktik beteiligt. Polzin setzt in seinem Team auf flache Hierarchien. „Grundsätzlich ist es so, dass wir im Trainerteam alle Entscheidungen gemeinsam treffen“, stellte der 35-Jährige fest. „Wir werfen alles in den Top rein.“ Namentlich nannte Polzin nach dem Bayern-Spiel seine Assistenten Loic Favé, Richard Krohn und Max Bergmann (Co-Trainer Analyse).
Was aber kann der HSV aus dem Bayern-Spiel mit in die nächsten Wochen nehmen? Ganz sicher die Intensität, mit der die Hamburger zu Werke gingen. Mit 124 gelaufenen Kilometern liefen die HSV-Profis soviel wie niemals zuvor in dieser Saison. Nach dem Bonus-Spiel gegen den Meister, in dem niemand etwas von den Hamburgern erwartete, steht am kommenden Samstag in Heidenheim nun aber eine Partie an, bei der der HSV dringend punkten sollte, um den Abstand nach unten zu wahren.
Am Samstag gastiert der HSV in Heidenheim
„Jeder Gegner ist schwer“, weiß Polzin. „Da würde ich jetzt nicht nur heute, letzte Woche oder nächste Woche einen Unterschied machen, sondern für uns ist jedes Spiel extrem anspruchsvoll.“ Und Richtung Heidenheim: „Das wird ein Brett werden. Es wird uns ein anderes Spiel erwarten, aber die Mannschaft wird dafür bereit sein, weil wir die Woche über nutzen werden, um uns auch auf dieses Spiel gut einzustimmen.“ Der Trainer verspricht: „Wenn du gegen die Bayern laufen kannst, dann kannst du es nächste Woche auch machen. Das wird eine Grundvoraussetzung sein auch, um da erfolgreich zu sein.“
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In jedem Fall dürften die Profis mit einem richtig guten Gefühl nach Ostwürttemberg reisen. Nicht nur aufgrund des Punktgewinns gegen die Bayern, sondern auch, weil sie wissen, wie man in Heidenheim siegt: Ende Oktober gelang dort in der zweiten Pokalrunde ein hochverdientes 1:0.
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