„Er ist einer meiner Söhne“: Ex-HSV-Trainer „adoptiert“ Jatta

Bakery Jatta im Volksparkstadion des HSV
Längst ein echter Hamburger Jung: Bakery Jatta hat beim HSV sein Glück gefunden.

Am 10. Juni 2016 unterschrieb Bakery Jatta kurz nach seinem 18. Geburtstag seinen ersten Profivertrag beim HSV. Nun jährt sich dieses Datum zum zehnten Mal. Kein anderer HSV-Feldspieler hat in diesem Jahrtausend ein solches Jubiläum gefeiert. Dass ausgerechnet Jatta diese Marke erreicht, passt. Er ist anders. Einzigartig. In der MOPO sprechen Merlin Polzin, Tim Walter und Tom Mickel über den HSV-Profi, den alle lieben – auch wenn er auf dem Platz manchmal Gegner und Fans verzweifeln lässt.

Bakery Jatta ist längst mehr als ein HSV-Profi. Er ist Absteiger und Aufsteiger, Derby-Held und Streichkandidat, Publikumsliebling und Reizfigur in einem. Vor allem aber ist der Gambier ein Spieler, der im Volkspark eine Heimat gefunden hat.

Jatta ist beim HSV weit mehr als nur Zahlen

Sportlich hat Jatta beim HSV fast alle Rollen erlebt – und das oft in Extremen. 233 Pflichtspiele hat er bislang bestritten, dabei 31 Tore erzielt und 26 Vorlagen gegeben. Die meisten Einsätze gab es für ihn in der Zweiten Liga. Dort ist er mit 180 Spielen sogar Rekordspieler der Hamburger. Doch Jatta nur an Zahlen zu messen, wäre falsch. Bei ihm wiegt die menschliche Seite schwerer als bei fast jedem anderen Profi im Volkspark.

Bakery Jatta im HSV-Training mit Trainer Bruno Labbadia
Ein Bild aus dem Sommer 2016: Bruno Labbadia war vor zehn Jahren der erste HSV-Trainer von Bakery Jatta.

Jatta ist ein Kämpfer mit einer besonderen Lebensgeschichte. Dazu gehört seine Flucht aus Gambia nach Europa. Dazu gehört auch die jahrelange Identitätsdebatte, die ihn nicht gebrochen, sondern den HSV vereint hat. Die wichtigsten Personen waren damals für ihn Ex-Trainer Dieter Hecking und der ehemalige Sportvorstand Jonas Boldt, die sich komplett hinter Jatta stellten.

Ex-HSV-Trainer Walter „Er ist einer meiner Söhne“

Die meisten Spiele hat Jatta unter Tim Walter gemacht. „Er ist einer meiner Söhne“, sagt der 50-Jährige. Die gemeinsame HSV-Zeit liegt gut zwei Jahre zurück, doch die Verbindung ist geblieben. „Wir haben immer Kontakt und gehen öfter zusammen essen“, sagt Walter. „Er ist einfach ein wunderbarer, herzensguter, unfassbar liebevoller Mensch – und das nicht nur abseits des Platzes. Er macht alles für seine Mannschaft, ist für ein Team unersetzlich.“

Bakery Jatta hat Spaß im HSV-Training mit Trainer Tim Walter
Verstanden und verstehen sich immer noch bestens: Tim Walter schwärmt von Bakery Jatta.

Zweieinhalb Jahre arbeitete Walter mit Jatta zusammen. Noch deutlich länger kennt ihn Merlin Polzin. Erst war er sein Co-Trainer, später Cheftrainer. „Wir haben seit sechs Jahren ein sehr vertrauensvolles Verhältnis und teilen viele Dinge miteinander“, erzählt Polzin, für den Jatta weit mehr ist als nur ein Spieler im Profikader.

Jatta habe ihm von seiner Reise nach Europa erzählt, sagt Polzin. Auch für sein Leben in Gambia interessiere er sich sehr. „Baka schickt mir jedes Jahr im Sommer Bilder und Videos aus seinem Heimaturlaub“, verrät der HSV-Coach. Gleichzeitig betont Polzin, wie wichtig Jatta für Kabine und Stimmung im Team ist. „Mit seiner Ruhe schafft er eine besondere Atmosphäre, wenn man in seiner Nähe ist – genauso wie mit seinem Lachen, das unglaublich ansteckend ist. Hin und wieder beglückt er auch das gesamte Team mit Essen aus seiner Heimat, was jedes Mal etwas ganz Besonderes ist.“

Bei Bakery Jatta gilt Herz statt Top-Skills

Viele besondere HSV-Momente hat es mit dem Gambier auch schon auf dem Platz gegeben. Jatta fällt auf. Immer. Manchmal positiv, manchmal negativ. Mit hängendem Kopf ist er fast nie zu sehen. „Er gibt immer 100 Prozent und ist für das Team da. Auch wenn er technisch vielleicht nicht die absoluten Top-Skills hat, macht er alles außerordentlich gut und versucht sich immer weiterzuentwickeln“, sagt Walter. Polzin meint: „Er besitzt vor allem Qualitäten, die man in keinem Nachwuchsleistungszentrum lernen kann: sein Herz, seine Leidenschaft und die Energie, immer gewinnen zu wollen. Er kämpft sich durch jede Aktion.“

Bakery Jatta umarmt HSV-Trainer Merlin Polzin
Seit fast sechs Jahren arbeiten Merlin Polzin und Bakery Jatta zusammen.

Besonders beeindruckt hat Jatta seinen Trainer im vergangenen Sommer. Polzin musste ihm damals mitteilen, dass zunächst kein Platz mehr für ihn in der Mannschaft ist. „Das war wahnsinnig emotional“, sagt der HSV-Coach. „Aber er hat die Situation angenommen und war immer für die Mannschaft da: kein negatives Wort, kein Hängenlassen, immer gut trainiert. Am Ende wurde er dafür belohnt.“ Jatta kämpfte sich von der Tribüne zurück in die Startelf – und erzielte im letzten Heimspiel der Saison sein erstes Bundesliga-Tor. Die Freude darüber reichte weit über das Volksparkstadion hinaus.

Zwischen Jatta und dem HSV besteht ein starkes Band

„Baka ist Hamburger geworden und hat hier beim HSV eine Heimat in Europa gefunden. Hamburg ist das Tor zur Welt, aber auch eine Heimat für alle, die eine suchen. Das Band zwischen uns definiert sich nicht über Spielzeit, sondern über Ehrlichkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit. Er besitzt eine große Klarheit, braucht aber trotzdem manchmal deutliche Ansagen“, sagt Polzin.

Bakery Jatta bejubelt ein Tor für den HSV mit Tom Mickel
Torhüter Tom Mickel erlebte Bakery Jatta in den kompletten zehn HSV-Jahren.

Klare Worte kann es intern auch von Jatta selbst geben. Das verrät Tom Mickel, der den bald 28-Jährigen als einziger seiner mehr als 150 Mitspieler über die komplette Zeit im Volkspark erlebt hat. „Baka ist ein sehr sensibler Mensch, der unglaublich gut zuhören kann“, sagt der ehemalige Torhüter. Jatta habe eine klare Meinung und ergreife auch das Wort in der Kabine. „Das war immer auf den Punkt und immer ein guter Ansatz.“

Auch eine Anekdote erzählt Mickel. Er habe Jatta einmal für die Jugendspieler gefragt, was beim Verteidigen das Wichtigste sei und wie er es schaffe, so viel für die Mannschaft zu arbeiten – auch defensiv. „Dann hat er ganz einfach gesagt: ,Tommy, das ist nicht so schwer, das ist einfach nur Herz. Verteidigen ist nur Herz.‘ Das beschreibt ihn. Er lässt sein Herz auf dem Platz und ist ein herzensguter Mensch.“

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Ob Mickel, Walter, Polzin oder der Rest der HSV-Familie – alle lieben Jatta und wünschen ihm nur das Beste. Persönlich. Und natürlich beim HSV. Sein Vertrag läuft noch bis 2029. Ein Ende ist nicht in Sicht.