Elfmeter machten ihn zum HSV-Star: Hans Jörg Butt führt ein neues Leben ohne Fußball
Normalerweise zählen für einen Torhüter vor allem die Gegentore – und davon möglichst wenige. Das trifft natürlich auch auf Hans Jörg Butt zu. Doch der frühere HSV-Keeper verhinderte nicht nur Tore, sondern erzielte sie auch selbst. Und zwar ständig. 26 Treffer hat Butt in seiner Karriere für den HSV, Bayer Leverkusen und den FC Bayern München erzielt – und ist damit bis heute der Torwart mit den mit Abstand meisten Toren in der Bundesliga. Und so ungewöhnlich die aktive Karriere des vierfachen deutschen Nationaltorhüters verlief, so ungewöhnlich ging es auch danach weiter. Schließlich ist Butt heute nicht etwa Trainer oder Manager, sondern Verkäufer von Verlade- und Auffahrrampen. Die MOPO erzählt im Rahmen einer Porträt-Reihe über Hamburger Fußball-Profis seine Geschichte.
Vielleicht hat sich Hans Jörg Butt, genannt Jörg, als Kind die falsche Position rausgesucht. Dafür, dass er eigentlich Torwart ist, hat er nämlich ziemlich große Lust aufs Toreschießen. Für vier verschiedene Vereine und in sechs verschiedenen Wettbewerben – darunter sogar in der Champions League – erzielt der Keeper im Laufe seiner Karriere regelmäßig Tore. Und weil er die Treffer vorne nicht nur erzielt, sondern hinten auch verhindert, macht sich Butt schnell einen Namen im europäischen Spitzenfußball.
Beim Aufstieg in die 2. Bundesliga wird er zum Helden
Seine ersten Schritte geht der spätere HSV-Keeper in Großenkneten, einer kleinen Gemeinde im Landkreis Oldenburg, aus der auch die deutsche Popgruppe „Trio“ und die spätere DFB-Nationalspielerin Elisa Senß stammen. Butt spielt schon im Alter von sechs Jahren für den dortigen TSV, wechselt später aber in den Nachwuchs des ambitionierten Regionalliga-Klubs VfB Oldenburg. Dort wird er nicht einfach nur zum Profi, sondern schafft als Stammtorhüter mit der Mannschaft den Aufstieg in die 2. Bundesliga.
Schon dazu trägt er mit Toren bei. Denn seine Spezialität sind die Elfmeter – halten und schießen. Im Endspurt der Aufstiegssaison 1994/95 kristallisiert sich Butt als fester Elfmeterschütze des VfB Oldenburg heraus, erzielt am 30. Spieltag gegen den FC St. Pauli II seine ersten beiden Tore und innerhalb von nur fünf Spielen vier Treffer. Auch in der Relegation gegen TeBe Berlin, die Oldenburg schließlich nach Verlängerung gewinnt, trifft Butt im Rückspiel.
Legendäre „Butt, Butt, Butt“-Rufe im Volksparkstadion
In der 2. Liga, als er zwischenzeitlich gemeinsam mit seinem Bruder Henning das Oldenburger Torwart-Duo bildet, wird letztlich der HSV auf den Tore schießenden Torhüter aufmerksam. Statt mit dem VfB wieder in die Regionalliga abzusteigen, wechselt Butt 1997 nach Hamburg und spielt dort plötzlich international. Beim HSV wird er auf Anhieb Stammtorwart vor Richard Golz – und darf ab seiner zweiten Saison dann auch hier die Elfmeter schießen. Bekommt der HSV einen Strafstoß, fordern die Fans ihren Torwart fortan lautstark, während dieser von einem Strafraum zum anderen läuft. Die „Butt, Butt, Butt“-Rufe im Volksparkstadion werden legendär.
Seine Bilanz bei Elfmetern ist es ebenfalls. Und zwar auf beiden Seiten. Butt verwandelt 21 seiner 23 Strafstöße sicher, egal ob gegen Oliver Kahn, Frank Rost, Robert Enke oder Jens Lehmann. Gleichzeitig hält er aber auch vier von elf Elfmetern in der Bundesliga gegen sich und entschärft unter anderem die Versuche von Stefan Effenberg und Marc Wilmots. Beim HSV steigt er nicht zuletzt damit zu einem echten Fan-Liebling auf. Spätestens, als er beim historischen 4:4 gegen Juventus Turin in der Champions League (2000) ebenfalls trifft.
Alle HSV-Tore von Hans Jörg Butt
| Datum | Liga | Gegner | Tor zum | Endstand |
| 12.09.1998 | Bundesliga | VfL Wolfsburg | 1:0 | 1:1 |
| 20.09.1998 | Bundesliga | Bayern München | 2:3 | 3:5 |
| 24.04.1999 | Bundesliga | FC Schalke 04 | 3:1 | 4:1 |
| 08.05.1999 | Bundesliga | 1860 München | 2:0 | 3:0 |
| 14.05.1999 | Bundesliga | Borussia M’gladbach | 2:2 | 2:2 |
| 22.05.1999 | Bundesliga | VfB Stuttgart | 2:13:1 | 3:1 |
| 21.08.1999 | Bundesliga | VfB Stuttgart | 2:03:0 | 3:0 |
| 16.10.1999 | Bundesliga | SC Freiburg | 1:0 | 2:0 |
| 30.10.1999 | Bundesliga | Borussia Dortmund | 1:0 | 1:1 |
| 05.11.1999 | Bundesliga | Hansa Rostock | 1:2 | 3:3 |
| 28.11.1999 | Bundesliga | Werder Bremen | 1:2 | 1:2 |
| 18.12.1999 | Bundesliga | MSV Duisburg | 4:1 | 6:1 |
| 13.02.2000 | Bundesliga | FC Schalke 04 | 2:1 | 3:1 |
| 26.02.2000 | Bundesliga | 1. FC Kaiserslautern | 2:0 | 2:1 |
| 24.07.2000 | Ligapokal | Hertha BSC | 1:0 | 1:3 |
| 13.09.2000 | Champions League | Juventus Turin | 3:3 | 4:4 |
| 03.12.2000 | Bundesliga | 1. FC Kaiserslautern | 1:2 | 1:2 |
| 28.01.2001 | Bundesliga | Hertha BSC | 1:0 | 1:2 |
| 10.02.2001 | Bundesliga | VfL Bochum | 2:0 | 3:0 |
In seinen vier HSV-Jahren erzielt Butt 21 Tore in 161 Spielen. Es gibt Stürmer mit einer deutlich schlechteren Quote. 2001 wechselt der Keeper schließlich nach Leverkusen – und hebt seine Erfolgskarriere dort noch einmal auf ein höheres Level. Er führt Bayer 04 direkt in seiner ersten Saison zu den legendär-tragischen drei zweiten Plätzen in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League und fährt als Ersatztorhüter mit der deutschen Nationalmannschaft zur WM 2002. Und natürlich schießt Butt weiterhin die Elfmeter.
Nach dem HSV geht es in Leverkusen weiter bergauf
Sechs Jahre lang bleibt er Stammtorwart bei der „Werkself“, wird erst am Ende der Saison 2007 nach einer Roten Karte gesperrt und dadurch vom jungen René Adler im Leverkusener Tor verdrängt. Nach einem kurzen Abstecher bei Benfica Lissabon in Portugal verpflichtet der FC Bayern München den inzwischen 34-jährigen Butt. Eigentlich als nominellen Ersatztorwart, der sich aber schnell als Nummer eins durchsetzt und nun auch beim Rekordmeister im Tor steht. Mehr noch: Am 8. Dezember 2009 verwandelt er in der Champions League abermals einen Strafstoß und geht als erster Bayern-Torhüter in die Geschichte ein, der jemals ein Tor in der regulären Spielzeit erzielt hat. Kurioserweise hat Butt damit nun für den HSV, Leverkusen und München jeweils genau einen Treffer in der Königsklasse erzielt – und zwar jedes Mal gegen Juventus Turin.
Überraschenderweise und wegen der Verletzungen anderer wird er im Alter von 36 Jahren als Ersatzkeeper für den deutschen WM-Kader 2010 in Südafrika nominiert. Im Spiel um Platz drei gegen Uruguay (3:2) absolviert Butt dann sein einziges Länderspiel über 90 Minuten. In München hingegen ist er weiterhin gesetzt, wird 2010 Deutscher Meister und DFB-Pokalsieger und stellt einen bis heute gültigen Rekord auf. Der Schlussmann hält in seiner Champions-League-Karriere fünf von neun Elfmetern, darunter gegen Topstars wie Luís Figo, Juan Román Riquelme oder Michael Ballack. Mehr Strafstöße hat bis heute keiner gehalten in der Königsklasse.
Heute arbeitet Butt im Vertrieb von Verladerampen
Nach mehr als 600 Spielen als Profi beendet Butt im Jahr 2012 schließlich seine aktive Karriere – aber nicht etwa, um als Trainer oder Manager zu arbeiten, wie das bei Ex-Profis häufig der Fall ist. Wenige Wochen lang ist er zwar noch in der Nachwuchsabteilung des FC Bayern tätig, wechselt dann allerdings komplett den Beruf und steigt in das Familienunternehmen seines Vaters Hans-Jochen ein. Bei „Butt Verladerampen und Industrietore“ (heute nur noch „Butt GmbH“) im Geburtsort Großenkneten ist Jörg nun für Marketing und Vertrieb von Verladesystemen und Auffahrrampen zuständig. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland bei mobilen Verladerampen.
Gemeinsam mit seiner Familie und seinen drei Kindern lebt Butt weiterhin bei München. Zumindest beruflich hat sich der Ex-Keeper aus dem Fußball-Geschäft zurückgezogen, ist weder TV-Experte noch Berater. Trotzdem besucht er immer wieder den HSV bei Heimspielen im Volksparkstadion oder nimmt an Legenden- und Benefiz-Spielen teil. Denn nach einer solch erfolgreichen wie ungewöhnlichen Karriere hat der Fußball natürlich weiterhin einen festen Platz in seinem Herzen.