Merlin Polzin beobachtet einen Pass von Fábio Vieira im Training

HSV-Trainer Merlin Polzin weiß, was er an Fábio Vieira hat. Foto: imago images/Oliver Ruhnke

Diskussionen um HSV-Wechsel: Polzin erklärt Entscheidungen in Dortmund

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Unter den HSV-Fans wurde intensiv und teilweise übertrieben hart diskutiert nach dem 2:3 in Dortmund. Viele schossen sich in den sozialen Medien auf Merlin Polzin ein und fragten sich: Wie konnte er 1:0-Torschütze Philip Otele und 2:0-Vorlagengeber Fábio Vieira so früh vom Platz nehmen, und in der 67. Minute dafür die glücklosen Damion Downs und Fabio Baldé einwechseln? Das Unverständnis mancher Anhänger war groß. Dabei hatte der HSV in der Schlussphase nicht gegen irgendein Team, sondern gegen den BVB drei Tore kassiert. Und der Trainer selbst hatte noch gar keine Gelegenheit, seine Maßnahme zu erklären. Am Dienstag tat er es.

Nach dem ersten von drei Mannschaftstrainings der Woche ging Polzin in seinen Gedanken noch mal zweieinhalb Tage zurück – und erinnerte sich daran, welche Überlegungen zu seinen kontrovers diskutierten Wechsel-Maßnahmen im Signal Iduna Park geführt hatten: „Man beobachtet das Spiel und es gibt ganz viele Parameter, die unsere Entscheidungen beeinflussen.“ An der Seitenlinie hatte er beobachtet, wie der HSV zu Beginn der zweiten Hälfte „nur noch am Verteidigen“ war und „keine Entlastung“ mehr hatte. Die Hamburger Defensivkette sei „immer ein Stück tiefer gerutscht“ und „auf einmal waren wir vier, fünf Meter weiter hinten“.

HSV-Trainer Polzin verteidigt Einwechslungen beim BVB

Das alles hatte Konsequenzen für die Statik des Spiels. Der BVB schob den HSV hinten herein und kam immer wieder zu gefährlichen Szenen über die offensiven Flügel. „Der Zwischenraum war geöffnet, wir haben vorne keinen Druck drauf gekriegt – und in dem Moment, wenn der Gegner es außen überspielt hat, kommt der nächste Ball in die Box rein“, analysierte Polzin. „In der ersten Halbzeit haben wir es teilweise extrem gut hinbekommen, dass wir so hoch standen, dass die Bälle nicht in die Box, sondern eher davor gespielt wurden.“ Doch nach dem Seitenwechsel sah es anders aus. Dortmund erdrückte die Gäste förmlich. Und einzelnen HSV-Profis fiel es mit zunehmender Spielzeit immer schwerer, den hohen Defensivaufwand erfolgreich aufrechtzuerhalten.

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„Philip war komplett platt, der konnte nicht mehr“, berichtete Polzin über Otele, den er deshalb hatte auswechseln müssen. Die Herausnahme von Vieira begründete der HSV-Coach so: „Fábio hat nicht so für Entlastung gesorgt, wie er es hätte machen können. Es ist nicht sein Spiel, 45 Minuten nur zu verteidigen.“ Vielmehr genießt es der Portugiese, das HSV-Spiel mit dem Ball aufzuziehen, Konter einzuleiten und Steckpässe zu spielen wie vor dem 2:0 durch Albert Sambi Lokonga. Doch im zweiten Durchgang hatte der HSV keinen einzigen Kontakt im BVB-Strafraum mehr, Vieiras Stärken kamen nicht mehr zur Geltung und er musste fast nur noch hinten aushelfen. Das zehrte auch an den Kräften der Arsenal-Leihgabe.

Pleite lag nicht an der Herausnahme von Vieira und Otele

„Das sieht man an der Laufbelastung, die wir während des Spiels überprüfen können“, verriet Polzin. Und weil die Daten bei Vieira und Otele immer weiter nach unten zeigten, „war die Intention da, vorne noch mal andere Spieler einzusetzen“. Er entschied sich für Downs und Baldé als Joker: „Fabio und Damion sind beide extrem schnell im Umschalten und können gut verteidigen.“ Polzin deutete an, mit den Leistungen seiner eingewechselten Profis nicht zufrieden gewesen zu sein. Er stellte aber klar: „Ich bin weit weg davon, zu sagen, dass das der Grund war, warum wir das Spiel verloren haben.“ Es wäre auch absurd, dies zu behaupten. Stattdessen war es eigenes Verschulden, dass der HSV in der Schlussphase zwei Strafstöße leichtfertig verursacht und William Mikelbrencis den 2:2-Ausgleichstreffer durch einen falschen Einwurf eingeleitet hatte.

HSV-Trainer Merlin Polzin beim 2:3 in Dortmund WITTERS
Polzin HSV BVB
HSV-Trainer Merlin Polzin beim 2:3 in Dortmund

„Wir waren nicht zufrieden mit der zweiten Hälfte, aber der erste Elfmeter war in der 73. Minute. Wir haben 28 Minuten lang gegen Borussia Dortmund noch gut verteidigt“, blickte Polzin zurück und dachte an das Foul von Mikelbrencis an Maximilian Beier: „Wenn man dann so einen Elfmeter herschenkt, wird es schwierig – aber es hat nichts mit den Wechseln zu tun.“ Ohne Frage: Auch gegen ein Topteam wie den BVB ist es unglücklich und vermeidbar, drei Tore binnen elf Minuten zu kassieren. Es ist aber zu kurz gedacht, die Wende des Spiels ausschließlich mit Ein- und Auswechslungen zu begründen. Denn inhaltlich waren Polzins Maßnahmen einleuchtend.

Polzin: „Ich weiß, auf wen ich höre – und auf wen nicht“

Der 35-Jährige behauptet nicht, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mit sachlicher Kritik kann er umgehen. „Wenn du willst, dass dich jeder mag, musst du Eisverkäufer werden“, sagte er schmunzelnd. Und im Ernst: „Ich weiß, auf wen ich höre – und auf wen nicht. Ich frage nur Leute um Rat, bei denen ich weiß, dass es mir hilft.“ Emotionale Reaktionen von Fans nach Pleiten kann er nachvollziehen – wenn sie im Rahmen bleiben.

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„Es ist völlig normal, dass etwas entsteht, wenn wir verlieren“, so der Trainer. „Für mich ist es aber wichtig, dass wir aus Überzeugung Entscheidungen treffen.“ Losgelöst davon, was online geschrieben wird. „Ich kann das ab, ich kann das einordnen“, versicherte Polzin. „Aber wenn die Spieler attackiert werden, will das keiner gerne hören.“

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