„Die Poster haben geholfen“: HSV-Trainer Polzin greift erneut in die Trickkiste
Wer zuletzt lacht, lacht am besten – und am Sonntag waren es die HSV-Profis. Nach dem 3:2-Derbysieg präsentierten sie vor der Nordtribüne die Plakate, mit denen die Werder-Fans den Rivalen vorab provoziert hatten. Doch die Aktion der Bremer verfehlte die erhoffte Wirkung. „Ich kann bestätigen, dass es uns eher geholfen als geschadet hat, die Poster zu sehen“, erklärte Merlin Polzin, der rund um das brisante Duell gleich mehrfach in die Trickkiste gegriffen hatte. Damit setzte der gefeierte HSV-Trainer eine erstaunliche Serie fort.
Ein hohes Maß an Kreativität kann man Polzin nicht absprechen, im Gegenteil. Schon in der Aufstiegssaison hatte er sich als Motivationskünstler entpuppt, weil er seine Mannschaft mit verschiedenen Maßnahmen kitzelte, aufrüttelte oder aufrichtete – je nachdem, was die Profis seiner Meinung nach gerade benötigten. Vor seinem damaligen Debüt als Interimstrainer, dem 3:1 in Karlsruhe am 1. Dezember 2024, hatte er viele Videos gezeigt, die die Spieler an die Errungenschaften in ihren Karrieren erinnerten. An diesem Tag begann die Entstehung eines speziellen Teamgeists.
Von „136“ bis Busankunft: HSV-Trainer Polzin als Motivator
Vor dem Beginn der Rückrunde wurde die Zahl 136 zum Leitbild des HSV, was unter anderem im Analyseraum des Volksparkstadions sichtbar wurde. Polzin und sein Trainerteam entwickelten die Idee, die Kabinenspinde der Spieler mit Postern zu verzieren, auf denen die Stärken eines jeden Einzelnen mit Schlagwörtern aufgeführt sind. Während des Kurztrainingslagers auf Mallorca im Frühjahr gab es ein „Speeddating“, bei dem sich die Profis jeweils eineinhalb Minuten lang die Meinung geigten. Einmal ließ Polzin in der Mixed Zone auch eine Wäscheleine mit Kindheitsbildern seiner Kicker aufhängen, um die Besonderheit einer jeden Laufbahn hervorzuheben. Nach dem enttäuschenden 1:2 gegen den KSC am 31. Spieltag versammelte er seine Mannschaft erst drinnen vor dem Spielertunnel und setzte die knallharte Videoanalyse („Strafft euch! Jeder Einzelne!“) danach im Arena-Innenraum vor der Auswechselbank fort.

Und das letzte Beispiel aus der Vorsaison: In den Tagen vor dem Aufstiegsspiel gegen Ulm (6:1) ließ Polzin für jedes Mitglied im Team und um das Team herum ein Armband mit der Aufschrift „Believe“ („Glaube“) anfertigen. All diese Maßnahmen fruchteten – es blieb aber nicht die letzte. Auch in dieser Spielzeit haben sich die Coaches um Polzin, Richard Krohn und Loic Favé wieder einiges einfallen lassen. Und am Sonntag gab es die nächste Kostprobe. Im Wissen darum, dass Tausende Fans den Bus empfangen würden, stieg der HSV nicht direkt am Stadion aus dem Mannschaftsbus aus, sondern legte die letzten Meter zu Fuß zurück. Umgeben von Getrommel und dichtem Rauch.
HSV-Ultras trugen zur Idee mit dem Derby-Fußmarsch bei
„Man hat die ganze Pyro gesehen und ich dachte mir schon: richtig geil!“, berichtete Nicolai Remberg hinterher. Der Abräumer saß bei der Einfahrt in die Uwe-Seeler-Allee auf seinem Platz im Bus, und dann habe Teammanager Mats Wesling vor dem Abbiegen zur Arena gerufen: „Alle raus jetzt.“ Die Reaktion der Profis war zunächst skeptisch. „Alle dachten erst mal so: ‚Hmm‘“, so Remberg. „Aber dann herauszulaufen, das gibt dir noch mal Extra-Energie. Jeder wusste, was auf dem Spiel steht, aber das noch mal zu sehen, das war für die Mannschaft super. Das hat jeder geil aufgenommen, das haben wir in jeder Sekunde im Spiel gezeigt.“ Der HSV gewann es spät, aber nicht unverdient.

Dementsprechend groß war der Jubel hinterher. Polzin bekam laut eigener Aussage nicht mit, dass seine Spieler um Daniel Heuer Fernandes und Giorgi Gocholeishvili beim Feiern die Plakate hochhielten, die die Bremer Fans vor dem Derby überall in Hamburg verteilt hatten. Auf einem waren ausgedachte Sätze vom HSV-Chefcoach zu lesen: „Uns ist klar, dass Werder Bremen uns in allen Belangen überlegen ist. Ehrlich gesagt haben meine Jungs die Hosen voll und ich auch.“ Auch Motive mit der HSV-Raute im Fadenkreuz waren dabei – was Polzin als Grenzübertritt wertete.
Merlin Polzin pflegt enge Drähte zu der Fanszene des HSV
Die mal humorvollen und mal überzogenen Werder-Plakate motivierten die Hamburger jedenfalls mehr, als dass sie beim HSV für großen Ärger sorgten. „Die haben uns vielleicht einen Extra-Push gegeben“, meinte Polzin. „Aber wir haben gesagt, dass wir uns als HSV gar nicht so sehr um die anderen kümmern wollen. Uns geht es darum, welche Power wir entfachen können.“ Und zwar in Zusammenarbeit mit den eigenen Anhängern. Die Idee mit der speziellen Busankunft kam laut Polzin nicht von ihm selbst – sie entstand im Verbund. „Wir haben einen engen Draht zu all unseren Fans und unserer Fanszene“, erklärte der Coach. Auch viele Ultras hatten sich beim Fußmarsch aufgestellt.

„Wir haben uns gemeinsam überlegt: Wie können wir bei den Jungs diese zwei, drei, vier Prozentpunkte mehr entfachen?“, erzählte Polzin von dem Austausch mit der Ultraszene vor dem Derby. „Da ist die Idee entstanden, den Fußweg zurückzulegen – weil du im Bus das Ganze nicht ganz so spürst und fühlst, wenn du mit Kopfhörern Musik hörst.“ Der 35-Jährige beurteilte auf der Pressekonferenz zufrieden: „Jetzt haben wir das Spiel gewonnen und es lässt sich leicht sagen, dass es geholfen hat. Danke an jeden, der die Busankunft zu so einem besonderen Moment gemacht hat.“ Polzin pflegt selbst enge Drähte zu der Ultraszene, die bei der Entwicklung von so manchem Einfall helfen. Vor dem Heimspiel sei er jedoch nicht der einzige Klubmitarbeiter gewesen, der den Dialog gesucht habe.
HSV-Kapitän Poulsen: „Das hat uns alle heiß gemacht!“
„Wir sind da als HSV eng dran, da geht es nicht nur um meine Person, sondern um alle handelnden Personen. Der Austausch von mir persönlich ist da, aber auch von allen anderen im Verein, die dafür zuständig sind“, beschrieb er und lobte: „Das wurde mit sehr viel Herzblut gemacht von beiden Seiten. Das war keine schlaue Idee nur von mir, sondern von uns allen.“ Und sie ging auf. „Die Fans wollten uns noch mal zeigen: Wir stehen hinter euch. Es war unglaublich“, staunte auch Miro Muheim. „Es hat bei uns noch mal sehr viel Energie freigesetzt. Ein geiles Erlebnis.“
Matchwinner Yussuf Poulsen verriet, dass Polzin die Werder-Poster vorab auch in der Kabine präsentiert hatte. „Das hat uns alle heiß gemacht“, betonte der Kapitän, der erstmals selbst bei einem Nordderby mitspielte. Da Poulsen mit diesem Schicksal nicht allein war, sondern auch die meisten anderen Profis erstmals mit dem HSV auf die Bremer trafen, hatte sich Polzin noch etwas anderes überlegt: Unter der Woche hielt Busfahrer Miroslav Zadach, der seit 20 Jahren für den HSV arbeitet und schon viele Derbys miterlebte, in den Katakomben eine Rede. Dass Polzin andere Trainer oder Mitarbeiter zur Mannschaft sprechen lässt, ist übrigens auch nicht neu – seinen Co-Trainer Krohn etwa beauftragte er schon mehrfach. Das ist noch so ein kleiner Motivationstrick. Und die Liste ließe sich fortsetzen …
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