„Die Leute sind verrückt“: HSV-Tätowierer erfüllt ganz spezielle Fan-Wünsche
Im Hintergrund läuft E-Rotics „Max Don’t Have Sex With Your Ex“, als Spok das Motiv auf dem Oberarm von Tobi platziert. „Rap kann man ja irgendwann nicht mehr hören“, sagt der Artist und lacht. Aber zu 1990er-Beats tätowieren? Das geht – zumindest im Studio von Spok, der diesmal HSV-Fan Tobi als Kunden begrüßt. Der erste Stich ist gesetzt. Oberhalb einer Wand mit großem, blauem HSV-Schriftzug stehen Lautsprecher, aus denen jetzt der Song „Think About The Way“ von Groove Coverage dröhnt. Doch nun heißt es stillhalten, nicht tanzen. Volle Konzentration. Fünf Stunden lang. Aus Liebe, die unter die Haut geht.
„Ich mag dieses Heimatliebe-Ding“, sagt Stammkunde Tobi (37), als er für seinen Termin zum „Drips Tattoo“ in die Frohmestraße in Schnelsen kommt. „Dieses Hamburger Ding, maritim-like.“ Tobi arbeitet im Hafen – und ist großer HSV-Fan. Wie so viele Kunden von Spok, dem Eigentümer des Studios. „Es gibt genug Negativität in der Welt“, meint Tobi. „Deshalb sollten wir gute Jungs supporten.“ Er findet: Spok ist einer davon.
Spok ist der beliebte Tätowierer der HSV-Fans
Der 27-jährige Tätowierer hat sich einen Namen gemacht unter den HSV-Anhängern. „Ich bin da hineingerutscht“, sagt er beim Besuch der MOPO. „Ich kann es gar nicht genau erklären.“ Auch Fans aus der organisierten Szene kommen in sein Studio, das im Dezember 2024 öffnete. Schon viel früher war bei Spok, wie er sich als Artist nennt, eine Leidenschaft für Graffiti entstanden. „Und 2019 ging es los mit dem Tätowieren.“ Eine anerkannte Ausbildung gibt es nicht. „Man kann zwar grob gezeigt bekommen, wie es funktioniert“, erklärt der Norderstedter. „Am Ende muss man aber selbst lernen, wie es läuft.“
Ihm half damals ein Mitschüler. Die Idee, selbst Tätowierer zu werden, kam dem Motorrad-Fan beim Schrauben in einer Garage. Er begann in einem anderen Studio, machte sich dann vor fünf Jahren selbstständig. „Mitten im Corona-Lockdown, ganz schlau“, scherzt er. Doch die Kunden blieben ihm treu. Es wurden sogar mehr, sie kamen zu Spok nach Hause. „Aber irgendwann wurde es dafür zu viel. Ich wusste: Ich brauche etwas Neues – so, wie ich mich wohlfühle.“ Und so entstand das „Drips Tattoo“.
HSV-Fan Tobi ließ sich mehrfach von Spok tätowieren
Tobi ist an diesem Dienstagmittag nicht zum ersten Mal in Spoks Studio. Er trägt Mütze und ein schwarzes Shirt mit weißer „Drips“-Aufschrift – Support für die guten Jungs eben. Tobi lässt sich diesmal ein Motiv tätowieren, das an den Hamburger Wasserträger Hans Hummel erinnert. Erste Besonderheit: ein HSV-Logo auf dem Oberteil der Figur. Die zweite: Den Kopf stellt das Fuchslogo der Hamburger Band „Die Beginner“ um Jan Delay dar. „Das ist meine musikalische Jugend“, sagt Tobi. „Ich habe Spok die grobe Idee für das Motiv gegeben – und er hat das hier daraus gezaubert.“
Die Kunden vertrauen dem Tattoo-Künstler und lieben dessen Kreativität. Und sie bekommen Unikate: „Ich tätowiere nicht doppelt“, stellt Spok klar. „Das schätzen die Leute und lassen mir die Freiheit im Design.“ Die beliebtesten Motive, die er und seine Kollegen Leon und Viktor tätowieren, benennt er sofort. Auf Platz eins: die Hammaburg, das Wappen der Hansestadt. Auf Rang zwei: die HSV-Raute. „Und dahinter kämpfen die 1887-Schriftzüge und der Lorbeerkranz um Platz drei.“
Aber es geht auch ausgefallen. Nach dem Aufstieg ließen sich schon mehrere Fans Merlin Polzins Unterschrift stechen. „Die Leute“, witzelt Spok, „sind verrückt.“ Und er, der meistens einen Kunden pro Tag empfängt, muss sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen. „Ich bin auch gespannt, wie lange das gutgeht.“ Denn die Wünsche an ihn ähneln sich: „Es gibt einige Fans, die wollen jetzt nicht mehr nur ein HSV-Tattoo haben – sondern auch, dass unbedingt ich das steche.“ Spok lacht wieder.
Spok wollte gar nicht zum HSV-Tätowierer werden
Er ist zwar selbst Fan und besucht nach Möglichkeit jedes Heimspiel. Als DER HSV-Tätowierer bekannt zu werden, beabsichtigte er allerdings nicht. „Alle sagen immer, dass ich mich darauf spezialisiert habe – habe ich aber gar nicht. Ich sage nicht zu den Fans: ‚Kommt zu mir für HSV-Tattoos!‘, sondern sie kommen zu mir und wollen HSV-Tattoos haben.“ Meistens auf den Oberschenkel oder aufs Schienbein, um mit kurzer Hose im Stadion aufzufallen. Bei Tobi ist nun der linke Oberarm an der Reihe.
Auf seinem Unterarm steht bereits „Hamburgs Arbeiterklasse“, inspiriert von einer früheren HSV-Choreo. Auch die Koordinaten des Volksparkstadions sind schon auf seinem Körper verewigt. „Es ist eine Sucht“, gesteht er. Und als Spok mit schwarzen Gummihandschuhen loslegt, grinst Tobi. Denn es gebe schmerzhaftere Stellen. Nur der Muskelkater vom Bauch-Beine-Po-Training am Vortag bereitet ihm auf der Liege Probleme. Der Talk mit Spok lenkt ihn ab – es geht natürlich auch um den HSV. Im Juli tätowierte das „Drips“-Team auf Einladung des Vereins beim Volkspark-Festival.
„Die Warteliste war nach 90 Minuten voll“, berichtet Spok, der schon früh Fan war. „Ich hatte ‚HSV Forever‘ auf CD und habe das mit einem Kumpel im Kinderzimmer gesungen“, erzählt er. „Wir haben uns da gefühlt wie Lotto King Karl auf der Tribüne.“ Als er dann 18 Jahre und einen Tag alt war, bekam Spok sein erstes eigenes Tattoo – jedoch keines mit HSV-Bezug, das hat er bis heute nicht. „Weil ich keine Idee habe und jeden Tag etwas für andere Fans entwerfe.“
„Spricht sich rum“: Das „Drips Tattoo“ ist sehr bekannt
Neue Termine vergibt Spok nur noch quartalsweise. Bis Juni ist alles ausgebucht. Bald begrüßt Spok einen Bielefeld-Fan, auch Anhänger von Hannover 96 sowie dem VfB Lübeck hat er bereits tätowiert.
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Die Fan-Freundschaft mit dem HSV macht es möglich. „Es spricht sich unglaublich viel rum“, staunt Spok, ehe er sich Tobi zuwendet. „Ich war aufgeregt heute Morgen“, sagt der Stammkunde. „Nicht, weil ich Angst habe, sondern aus Vorfreude auf das Tattoo.“ Nun geht’s endlich los. Und als Nächstes läuft Blümchens „Herz an Herz“.