Sebastian Hoeneß und Tim Walter vor der Auswechselbank

Die Relegation 2023: Tim Walter (2.v.l.) und der HSV waren chancenlos gegen den VfB Stuttgart um Trainer Sebastian Hoeneß (l.). Merlin Polzin (r.) war damals noch Assistent. Foto: picture alliance / Pressefoto Rudel | Robin Rudel

„Das ist Wahnsinn!“ Ein HSV-Drama – und plötzlich war der VfB weg

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Das Lob, das Niko Kovac in der Vorwoche an Sebastian Hoeneß richtete, kam beinahe einer Huldigung gleich. „Was er in Stuttgart geleistet hat, das ist Wahnsinn“, sagte der BVB-Coach über den VfB-Trainer und zählte dessen Errungenschaften auf: „Vom Relegationsplatz die Mannschaft so in der Liga zu etablieren, den Pokal zu holen, Champions League zu spielen.“ Kovac findet sogar, dass Hoeneß „im Moment das Aushängeschild der deutschen Fußballlehrer ist“ – weil der 43-Jährige in den vergangenen zweieinhalb Jahren Außergewöhnliches geleistet hat. Und alles begann in einer Saison, an deren Ende der HSV ein erneutes Relegationsdrama erlebte.

Der VfB Stuttgart taumelte dem Abstieg entgegen, war in der Saison 2022/23 nach 26 Spieltagen Tabellenletzter. Die Verpflichtung von Bruno Labbadia entpuppte sich als Fehlmaßnahme – und deshalb musste der Ex-HSV-Trainer nach zwölf Spielen an der Seitenlinie der Schwaben wieder gehen. Für Labbadia kam Anfang April 2023 Hoeneß – und der gebürtige Münchner führte die wankelnden Stuttgarter immerhin auf Platz 16 und damit in die Relegation.

VfB Stuttgart gewann die Relegation und enteilte dem HSV

Der Rest der Geschichte ist kurz erzählt. Der VfB gewann die Entscheidungsduelle mit dem HSV souverän (3:0 zu Hause, 3:1 im Volkspark), blieb daher verdientermaßen in der Bundesliga und entwickelte sich zu einem Verein, über den man nur noch staunen konnte. Elfeinhalb Monate nach dem Relegationsdrama zog Hoeneß’ Mannschaft vor den Bayern als Tabellenzweiter in die Champions League ein, spielte in der Vorsaison gegen Real Madrid, Juventus Turin, Paris St. Germain und Co. Und im Mai dieses Jahres gewann der VfB dank eines 4:2 gegen Arminia Bielefeld den DFB-Pokal. Die ganz kurze Kurzform: Stuttgart verzauberte Fußball-Deutschland – und enteilte dem HSV komplett.

Ein Heimspiel-Highlight aus dem Juni 2023: Im Relegations-Rückspiel zwischen dem HSV und dem VfB Stuttgart (1:3) ging es hoch her. WITTERS
Rudel-Bildung im Relegations-Rückspiel zwischen dem HSV und dem VfB Stuttgart
Ein Heimspiel-Highlight aus dem Juni 2023: Im Relegations-Rückspiel zwischen dem HSV und dem VfB Stuttgart (1:3) ging es hoch her.

Die Hamburger hatten unter Tim Walter die zweite Relegationspleite nach der gegen Hertha BSC (1:0/0:2) erlebt und drehten noch zwei weitere Zweitligarunden, ehe Merlin Polzin den Verein in diesem Jahr zum Aufstieg führte. Der 35-Jährige war bei den bisher letzten Pflichtspielen gegen den VfB noch HSV-Assistent, am Sonntag (15.30 Uhr, Liveticker auf MOPO.de) steht er in Sichtweite von Hoeneß als Chef an der Seite. Auch Polzin erhält regelmäßig Lob von seinen Trainerkollegen, zuletzt etwa von Augsburgs Sandro Wagner. So große Erfolge wie sein Gegenüber aus Stuttgart kann er indes noch nicht vorweisen. Nicht nur Kovac, sondern auch Polzin bewundert Hoeneß’ Arbeit.

„Ich habe ihn noch nicht kennenlernen dürfen, ich freue mich darauf“, sagt Polzin und lobt: „Die Art und Weise, wie seine Mannschaft Fußball spielt, ist extrem interessant.“ So interessant, dass auch die HSV-Coaches Richard Krohn und Loic Favé regelmäßig ein Auge ins Schwabenland werfen. „Meine Co-Trainer und ich haben uns in den letzten Jahren sehr intensiv mit dem VfB beschäftigt“, sagt Polzin. „Dort sind viele Dinge zu sehen, die vielleicht nicht bei jeder Bundesligamannschaft zu sehen sind. Wir finden es definitiv sehr spannend.“ Zumal Polzin die besondere Entwicklung hervorhebt: „Seit der Relegation gegen uns hat sich der VfB unter Sebastian Hoeneß fantastisch entwickelt, was die Art und Weise und die Spieler angeht. Es wird definitiv ein sehr anspruchsvoller Gegner werden.“

DFB-Pokal bis Woltemade: Top-Entwicklung dank Hoeneß

Vor 30 Monaten bestimmten nur zwei Spiele über das Schicksal des VfB sowie des HSV. Heute lautet die Realität: Zwischen den beiden Traditionsklubs liegen auch nach Hamburgs Bundesligarückkehr noch Welten. Der Kaderwert des HSV liegt bei rund 106,5 Millionen Euro, während Stuttgarts zurzeit knapp 340 Millionen Euro beträgt – trotz des 75-Millionen-Euro-Abgangs von Nick Woltemade zu Newcastle United im Sommer. Der VfB hat sich international einen Namen gemacht, gastiert am Donnerstag in der Europa League bei den Go Ahead Eagles und hat in Alexander Nübel, Deniz Undav, Angelo Stiller und Maximilian Mittelstädt mindestens vier DFB-Nationalspieler in seinen Reihen.

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Nach den Siegen gegen den HSV verließen nacheinander mehrere Topstars den Klub: Hiroki Ito (FC Bayern), Serhou Guirassy, Waldemar Anton (beide BVB), Wataru Endo (FC Liverpool) oder Enzo Millot (Al-Ahli). Gebliebene Profis, die damals im Volkspark für den Unterschied sorgten, sind mittlerweile nicht mehr gesetzt (Chris Führich, Josha Vagnoman, Atakan Karazor) oder gar komplett außen vor (Silas). Vergleicht man die VfB-Startelf, die am Samstag ein spätes 3:3 beim BVB feierte, mit jener, die dem HSV am 5. Juni 2023 keine Chance gelassen hatte, gibt es keine Überschneidung. Führich (Marktwert: zwölf Millionen Euro), Kapitän Karazor (auch zwölf) und HSV-Eigengewächs Vagnoman (zehn) kamen in Dortmund nur als Joker. Wichtig geblieben sind wenige, aber der Cheftrainer: Hoeneß.

Kovac adelt VfB-Trainer – am Sonntag geht es zum HSV

„Wir wissen, wo der VfB mit wenig Geld herkam, wo sie jetzt sind und was sie in den letzten Jahren gemacht haben“, stellte Kovac vor dem Duell seines BVB mit den Stuttgartern fest, und sagte zu Hoeneß, der das volle Vertrauen der Bosse um Vorstandschef Alexander Wehrle und Sportdirektor Fabian Wohlgemuth genießt: „Das ist sicherlich nicht nur sein Verdienst, sondern auch der Leute, die drumherum arbeiten – aber zu einem sehr, sehr großen Teil seiner.“

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Hoeneß ist entscheidend verantwortlich dafür, dass der HSV im Jahr 2023 in die Zweitliga-Verlängerung musste und in der Folgezeit noch mehr Anschluss verlor als ohnehin schon. Die Saison 2019/20 hatten die beiden Vereine noch gemeinsam in der 2. Liga verbracht, dann verabschiedete sich Stuttgart und Hamburg brauchte fünf weitere Jahre für den Aufstieg. Nun treffen Polzin und Hoeneß erstmals als Chefs aufeinander. Die Vereine sehen sich nach sieben Jahren in der Beletage wieder, auf vielen Ebenen spielt der VfB aber weiter in einer anderen Liga als der HSV.

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