Miro Muheim, Luka Vuskovic und Jordan Torunarigha gucken frustriert

Die HSV-Profis um Miro Muheim, Luka Vuskovic und Jordan Torunarigha (v.l.) waren in Dortmund am Ende geknickt. Foto: imago images/Jan Huebner

„Darf in der Bundesliga nicht passieren!“ Das harte HSV-Drama von Dortmund

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So eine Kulisse hatte der HSV seit mehr als acht Jahren nicht erlebt. 97 Monate nach dem letzten Pflichtspiel in Dortmund, einer 0:2-Auswärtspleite am 10. Februar 2018, gastierten die Hamburger am Samstagabend mal wieder beim BVB – und erlebten im mit 81.365 Zuschauern ausverkauften Signal Iduna Park ein Drama. Am Ende hieß es 2:3. Und das nach einem 2:0 zur Pause. Ein überstandener Elfmeter war dabei – aber auch zwei vom Gegner verwandelte Strafstöße, die das kurzweilige Topspiel schließlich entschieden.

Von ungeahnten Glücksgefühlen bis zu bitterer Enttäuschung. Der HSV erlebte die gesamte Palette an Emotionen. Und statt um 20.30 Uhr auf Wolke sieben zu schweben und einen riesigen Schritt in Richtung Klassenerhalt zu feiern, schüttelten Hamburgs Profis nach dem Abpfiff mit dem Kopf – auch, weil sie so gut losgelegt hatten und mit 2:0 zur Pause führten. Doch im zweiten Durchgang spielte nur noch der BVB und drehte die Partie verdientermaßen durch den doppelten Elfmeter-Torschützen Ramy Bensebaini (73./84.) und Serhou Guirassy (79.). So sehr der HSV den Tabellenzweiten zunächst überrascht hatte, so sehr überrollte die Borussia die Gäste nach dem Seitenwechsel.

HSV verliert das Topspiel mit 2:3 bei Borussia Dortmund

„Wenn du mit 2:0 führst zur Halbzeit und am Ende verlierst, ist das bitter“, haderte Nicolai Remberg mit dem Spielverlauf. Dieser geht in Kurzform so: Der HSV gab das Spiel innerhalb von elf Minuten aus der Hand. „Das darf dir in der Bundesliga nicht passieren – gerade nicht gegen eine Mannschaft wie Borussia Dortmund“, sagte Coach Merlin Polzin.

Dabei hatten die 30 Minuten vor der Halbzeitpause zu den unterhaltsamsten dieser Bundesliga-Saison gezählt – und sie liefen aus HSV-Sicht perfekt, nachdem der erste Schreckmoment überstanden war: Keeper Daniel Heuer Fernandes hatte Rembergs leichtfertigen Fehler im Spielaufbau mit einer starken Fußabwehr gegen Maximilian Beiers Schuss ausgemerzt (7.). Wenig später ging es Schlag auf Schlag. Kaum Zeit zum Blinzeln. Im Schnelldurchlauf:

19. Minute: Philip Otele, der anstelle von Damion Downs in die Startelf gerückt war, schoss den HSV in Führung. Zuvor hatte William Mikelbrencis den Ball clever – und fair! – gegen BVB-Profi Daniel Svensson erobert. Der Querpass des Franzosen war dann perfekt und Otele musste aus wenigen Metern am zweiten Pfosten nur noch einschieben.

Philip Otele (M.) bejubelt mit seinen Kollegen sein erstes HSV-Tor. WITTERS
Philip Otele bejubelt mit seinen Kollegen sein erstes HSV-Tor.
Philip Otele (M.) bejubelte mit seinen Kollegen sein erstes HSV-Tor.

23. Minute: Der HSV konterte, Ransford Königsdörffer verpasste in einer Zwei-gegen-eins-Situation aber das Zuspiel auf Fábio Vieira, zögerte viel zu lange und wurde von Felix Nmecha gestoppt.

24. Minute: Der nächste Hamburger Tempo-Gegenstoß, diesmal schickte Vieira Otele und der wechselte am BVB-Strafraum die Seite. Dort, halbrechts im Sechzehner, verpasste Königsdörffer aus leicht spitzem Winkel das 2:0. Dortmunds Torwart Gregor Kobel hielt.

25. Minute: Der Ball lag wieder im Dortmunder Tor. Youngster Luca Reggiani beförderte das Leder nach einer HSV-Ecke unglücklich ins eigene Netz. Der vor ihm postierte Königsdörffer hatte bei Mikelbrencis‘ Hereingabe aber im Abseits gestanden. Der Treffer zählte deshalb nicht.

Nach Philip Otele traf auch Sambi Lokonga für den HSV

28. Minute: Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck zeigte auf den Punkt. Luka Vuskovic hatte Nmecha wenige Meter vor dem HSV-Gehäuse im Fußbereich getroffen. Doch der Dortmunder hatte bei Karim Adeyemis Kopfball in der verbotenen Zone gestanden. Erneut Abseits, erneut kein Tor.

36. Minute: Nico Schlotterbeck köpfte nach einem Dortmunder Eckball an die Latte. Glück für den HSV.

38. Minute: Die wildeste(n) Szene(n) der Partie. Erst vertändelte Reggiani gegen Otele den Ball, den Fernschuss von Vieira parierte Kobel aber. Doch der BVB agierte im Spielaufbau erneut unsauber, Remberg luchste Nmecha den Ball ab, Vieira steckte durch auf Albert Sambi Lokonga – und der blieb cool, traf überlegt zum 2:0. Der HSV überraschte alle! „Wie wir den Ball mit dem hohen Pressing erobern, war Teil unseres Plans. Das zeichnet uns aus“, lobte Remberg.

Nmecha verschoss Elfer – Scharmützel vor Halbzeitpause

44. Minute: Dämpfer vor der Pause? Diesmal gab es wirklich Strafstoß für die Hausherren, weil Warmed Omari beim Versuch des Befreiungsschlags die Beine von Beier erwischte. Ein klarer Elfer – den Nmecha jedoch links neben Heuer Fernandes‘ Tor setzte (45.). Der HSV jubelte zum dritten Mal an diesem Abend losgelöst – und atmete danach durch. Wobei Remberg und Adeyemi in der Nachspielzeit noch aneinandergerieten und beide vor dem Gang in die Kabinen Gelb kassierten. Die wildeste halbe Stunde der HSV-Saison war vorbei.

Daniel Heuer Fernandes hielt in Dortmund stark und ließ sich von Miro Muheim (r.) feiern. imago/Revierfoto
Daniel Heuer Fernandes jubelt mit Miro Muheim.
Daniel Heuer Fernandes hielt in Dortmund stark und ließ sich von Miro Muheim (r.) feiern.

Polzins Mannschaft lag nach 45 Minuten bei der Zweikampfquote, dem Ballbesitz, der Passquote, der Anzahl an Schüssen und den meisten anderen Statistiken hinten – nicht aber bei den erzielten Toren. Das frustrierte BVB-Coach Niko Kovac, der im Nachgang kritisierte: „Wie wir es in der ersten Halbzeit gemacht haben, war schlecht. Wir waren nicht auf dem Platz.“

Bensebaini verkürzte vom Punkt – BVB erhöhte den Druck

In Hälfte zwei änderte sich das Bild. Heuer Fernandes geriet sofort unter Beschuss, antizipierte Nmechas‘ Lupfer aber und machte sich erfolgreich breit (49.). Mit der Führung im Rücken positionierte sich der HSV tief und lauerte auf Konter. Letzteres gelang kaum, Entlastung gab es folglich nicht. „Wir haben uns zu sehr hinten reindrücken lassen und keine eigenen Ballbesitzphasen mehr gehabt“, erkannte Miro Muheim.

William Mikelbrencis, Luka Vuskovic, Nicolai Remberg und Warmed Omari (v.l.) waren nach den Elfmetern angefressen. WITTERS
William Mikelbrencis, Luka Vuskovic, Nicolai Remberg und Warmed Omari ärgern sich.
William Mikelbrencis, Luka Vuskovic, Nicolai Remberg und Warmed Omari (v.l.) müssen sich ärgern.

Dafür schien die Kompaktheit zu stimmen. Die Borussen taten sich zunächst schwer, Lücken zu finden, die Chancen von Fábio Silva (66.) und Guirassy (69.) waren für die Gäste verkraftbar, weil nicht wirklich gefährlich. Doch Fußball spielte nur noch der BVB. Der HSV hatte im zweiten Spielabschnitt keinen einzigen (!) Ballkontakt im Dortmunder Strafraum mehr. Und das wurde bestraft. Erst traf Mikelbrencis im eigenen Strafraum Beier ungeschickt am Fuß – und nach VAR-Eingriff schritt Bensebaini an den Elfmeterpunkt. Dort verlud er Heuer Fernandes, nur noch 1:2 (73.). Es folgte Dortmunder Dauerdruck.

HSV-Profi Nicolai Remberg: „Drei Elfmeter sind zu viel“

Der HSV musste leiden, statt Spektakel stand nun Abwehrkampf auf der Agenda. Doch die individuelle Klasse machte den Unterschied. Guirassy drückte den Ball nach einer Flanke im zweiten Versuch über die Linie (79.), und wenige Minuten später landete dieser von Jobe Bellinghams Fuß am Arm von Muheim – wieder Elfmeter, der dritte des Abends. „Ich darf meine Hände da nicht so hochziehen“, übte Muheim Selbstkritik. „Das war ein dummer Fehler von mir.“ Bensebaini blieb abermals cool: 2:3, der Endstand (84.). „Drei Elfmeter gegen Dortmund sind zu viel, um zu gewinnen. Da müssen wir ein bisschen cleverer sein“, monierte Remberg. „Das kannst du nicht mehr stemmen.“ Polzin stimmte dem zu: „Das ist zu viel, um erfolgreich zu sein.“

Mit einem Sieg, der nach 45 Minuten zum Greifen nahe erschien, hätte der HSV den Relegationsrang über Nacht auf neun Zähler distanzieren können. Sollte der FC St. Pauli am Sonntag gegen den SC Freiburg gewinnen, würde der Vorsprung auf den 16. Platz aber nur noch vier Zähler betragen. Der HSV geht mit Frust statt Erleichterung in die Länderspielpause. „Es ist ein extrem bitterer Abend“, hielt Polzin fest. „Der Signal Iduna Park hat am Ende sein Übriges getan.“

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Muheim versuchte derweil, das Positive zu sehen: „Wir können viel mitnehmen von der ersten Halbzeit. Das werden wir auf jeden Fall machen – und dann auf das nächste Spiel schauen.“ Das steht am 4. April im Volksparkstadion an, gegen den FC Augsburg. Nicht vor 81.365 Fans. Aber vor 57.000 Menschen, die mehrheitlich zum HSV halten werden.

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