„Dann ist es so“: HSV-Kapitän Poulsen über seinen Körper, sein Tor und die Zukunft

Yussuf Poulsen lehnt an eine Wand im Volksparkstadion
Yussuf Poulsen kann sich vorstellen, seine Karriere beim HSV zu beenden.

Exakt 571 Profispiele hat Yussuf Poulsen in seiner Karriere bereits absolviert und so ziemlich alles erlebt, was einem Fußballer widerfahren kann – im Guten wie im Schlechten. Der Jubel-Orkan, den der 31-Jährige in der vergangenen Woche mit seinem Siegtor gegen Werder Bremen auslöste, dürfte allerdings auf ewig einen besonderen Platz in seinem Gedächtnis behalten. Wird nun alles gut, nachdem die Saison für den neuen HSV-Kapitän so schwer begonnen hatte? In der MOPO spricht Poulsen über Hochgefühle, frustrierende Phasen und seine schon jetzt besondere Beziehung zum HSV-Anhang.

MOPO: Herr Poulsen, im Internet kursiert eine schier endlose Zahl von Videos, die Ihr Siegtor gegen Werder Bremen zeigen. Wie oft haben Sie sich den Treffer mittlerweile angeschaut?

Yussuf Poulsen: Das Tor gar nicht so oft. Aber viel mehr die Szenen, die das Tor ausgelöst hat – den Jubel, die Emotionen. Das Geilste ist ja das, was man nach so einem Treffer fühlt. Und da fiel in dem Moment eine ganze Menge ab.

Für HSV-Kapitän Poulsen war das Tor eine „Erlösung“

Was ging Ihnen durch den Kopf?

Ich habe daran gedacht, was ich zuvor dafür getan habe, um überhaupt wieder auf dem Platz stehen zu können und welche Gespräche ich mit dem Trainer hatte. Wir hatten einen klaren Plan, wie wir es schaffen könnten, dass ich in den letzten Momenten des Spiels eine entscheidende Rolle einnehmen könnte. Das Tor war dann eine Erlösung.

Es war Ihr erster Pflichtspieltreffer, seit Sie im Sommer zum HSV wechselten. Wie sehr hat es Sie bedrückt, dass dieser Treffer nicht schon eher fiel?

Wenn man an die Minuten denkt, die ich bislang gespielt habe, glaube ich, ist es mit dem Zeitpunkt relativ okay (lacht). Ich habe jetzt knapp 200 Minuten. Die wollte ich natürlich eigentlich nach etwa drei Spieltagen schon haben.

Yussuf Poulsen bejubelt sein Siegtor für den HSV gegen Werder Bremen
Endlich Torschütze! Im Derby gegen Werder erzielte Yussuf Poulsen den Siegtreffer.

Heißt das im Umkehrschluss: Wenn Sie Ihre Minuten bekommen, fallen die Tore irgendwann von allein?

Ich glaube, man hat in meiner Karriere gesehen, dass es normalerweise so ist (in 425 Pflichtspielen für Leipzig traf Poulsen 95-mal; d. Red.). Leider hat mich mein Körper hier bislang ein wenig gebremst.

Zuletzt im November. Nachdem Sie zuvor viermal in Folge für den HSV zum Einsatz gekommen waren und Ihre Spieldauer stetig gesteigert hatten, reisten Sie zum Nationalteam und verletzten sich dort.

Das war mental nicht einfach. Aber ich denke, es hatte nichts mit dem Nationalteam zu tun. Wenn der Verband ruft, dann willst du als Spieler dort hin, das ist doch klar. Es war ein normales Training mit normalen Bewegungsmustern. Wäre ich in Hamburg geblieben, wäre es wahrscheinlich auch hier passiert. Mein Körper war offenbar noch nicht bereit. Ich habe sofort gewusst, was los ist.

HSV-Profi Poulsen schätzt die Nominierung für Dänemark

Wie bitter war es, die beiden letzten WM-Qualifikationsspiele zu verpassen? Es wäre Ihr Comeback für Dänemark nach einem Jahr Pause gewesen.

Zunächst mal habe ich mich darüber gefreut, dass unser neuer Nationaltrainer Brian Riemer mich weiterhin fest im Blick hat. Das Signal ist: Wenn ich fit bin, werde ich auch künftig Teil dieser Mannschaft sein. Und das trotz meines Alters. Natürlich war es nicht schön, die Spiele zu verpassen. Aber wenn man sich als Fußballer jede bittere Situation zu sehr zu Herzen nimmt, würde man ein sehr negativer Mensch werden.

Ihr dänischer Kollege Rasmus Kristensen von Eintracht Frankfurt gab sich nach dem 2:4 in Schottland öffentlich die größte Schuld daran, dass Dänemark wegen seines Platzverweises nun doch noch in die Playoffs muss. Bereits in früheren Zeiten sprach er bereits davon, dass der Druck ihm die Freude am Fußball geraubt habe. Hatten Sie nach den jüngsten Vorfällen Kontakt zu ihm?

Ja, wir hatten Kontakt. Es war sicher hart für ihn und ich weiß, wie es ist, wenn solche Sachen passieren. Das ist ja vergleichbar damit, wenn du als Stürmer in der Schlussminute eine große Chance vergibst. Aber erstens hätten wir das Spiel trotzdem nicht verlieren müssen. Und zweitens ist das nun mal Fußball – mit seinen Höhen und Tiefen.

Auch Sie hatten aufgrund Ihrer Verletzungen in den vergangenen Jahren einiges wegzustecken. Wie schafft man es, die negativen Gedanken in den Griff zu bekommen?

Ich bin natürlich richtig wütend, wenn ich nicht Fußball spielen kann. Aber es ist nicht ratsam, immer sauer und enttäuscht zu sein. Ich versuche, nicht zu tief in diese Gefühle abzutauchen. Mir hilft es, mich in schwierigen Zeiten an Positives zu erinnern. Wie kann ich Verletzungszeiten nutzen, um mich weiter zu verbessern? An welchen Dingen kann ich arbeiten, wofür sonst die Zeit fehlt? Und es gibt noch etwas.

Nämlich?

Klar ist es doof, wenn du verletzt bist und deinen Job und deine Passion nicht ausüben kannst. Aber unterm Strich bin ich ja trotzdem gesund, meiner Familie geht es gut. Und wenn ich nach Hause komme, lachen mir meine beiden Kinder ins Gesicht. Das ist immer so, auch, wenn ich verletzt bin.

Yussuf Poulsen denkt nicht über neue HSV-Stürmer nach

Dennoch: Die HSV-Bosse überlegen, ob im Winter ein weiterer Stürmer verpflichtet werden soll. Lässt Sie das kalt?

Das ist ja zu 100 Prozent Sache des Vereins. Wenn es so ist, dann ist es so. Dann begrüßen wir einen neuen Kollegen, der uns helfen kann, unsere Ziele zu erreichen. Aber damit beschäftige ich mich nicht. Weil ich weiß und sehe, wie alle, die da sind, ihren Teil dazu beitragen, was bei uns schon alles entstanden ist.

Zuletzt trafen alle drei HSV-Stürmer: Ransford Königsdörffer gegen Dortmund, Robert Glatzel gegen Stuttgart und Sie gegen Werder.

Wir standen des Öfteren im Austausch, auch wenn es nicht so lief. Ich habe meine Erfahrungen weitergegeben, wenn es mal Gegenspieler gab, die ich schon etwas besser aus der Bundesliga kannte. Die Tore zuletzt taten natürlich allen gut. Es ist sicherlich speziell, in einem Derby zu treffen. Aber vor allem haben uns die Tore, die Sie ansprechen, ja Punkte gebracht.

Als Kapitän des HSV sind Sie nicht nur auf dem Platz gefragt, sondern auch vermehrt in andere Prozesse eingebunden. Inwiefern hat sich Ihr Leben als Fußballer dadurch verändert?

Zunächst mal arbeite ich jeden Tag hart dafür, noch öfter auf dem Platz helfen zu können. Davon abgesehen werde ich als Kapitän jetzt des Öfteren mal als Erster gefragt und nicht erst als Zweiter (schmunzelt). Aber ich kenne das. Beim Nationalteam bin ich auch Teil der Leadership-Group.

Haben Sie nach dem Derby als Kapitän auch mal mit Alexander Røssing-Lelesiit gesprochen? Die Rudelbildung, die er nach dem Sieg gegen Werder anzettelte, ging im Internet viral. Die HSV-Fans feiern ihn dafür.

Ich sage es mal so: Alex ist 18 Jahre alt und eher extrovertiert. Er war einfach wahnsinnig froh darüber, das wohl bislang größte Spiel seiner Karriere gewonnen zu haben. Das hätte umgekehrt genauso passieren können, wenn Werder gewonnen hätte. Dass sich die Bremer durch die Jubelgesten getriggert fühlten, kann ich verstehen – aber wenn man so ein Spiel gewinnt, darf man auch mal feiern. Unabhängig davon, habe ich Alex schon mal gesagt, dass es manchmal auch reicht, ein Glücksgefühl in sich zu behalten und nicht immer so offensiv damit umzugehen (schmunzelt). Aber die Euphorie nach dem Spiel war unglaublich.

Kapitän Yussuf Poulsen schwärmt von den HSV-Fans

Bereits vor der Partie legten Sie mit Ihren Kollegen die letzten Meter zum Stadion zu Fuß durch die wartenden Anhänger zurück, um Energie zu tanken. Wie ist Ihr Kontakt zur aktiven Fanszene?

Wir haben uns schon ein paar Mal getroffen, um einen gemeinsamen Weg zu finden. Genau darum geht es: dass wir zusammenstehen und gemeinsam das Beste rausholen. Denn auch wenn es mal Enttäuschungen gibt, wollen wir ja alle das Gleiche. Letztlich stehen die Fans und wir zusammen auf derselben Seite.

Die Fanszene des HSV ist deutlich größer als die, die Sie aus Leipzig kannten. Wie sehr genießen Sie das, was in Hamburg passiert?

Es ist einfach geil, was hier beim HSV abgeht, ich genieße es sehr. Eines ist aus meiner Sicht doch klar: Der Fußball gehört den Fans. Fertig. Aus. Ohne Fans könnte ich meinen Job nicht machen. Und Ihr Journalisten auch nicht (lacht). Unser Sport lebt von dieser Aufmerksamkeit.

Yussuf Poulsen beim Empfang der HSV-Fans vor dem Derby gegen Werder
Yussuf Poulsen und seine Kollegen legten vor dem Werder-Spiel die letzten Meter zum Stadion zu Fuß zurück.

Ein schöner Nebeneffekt Ihres Wechsels zum HSV ist die Tatsache, dass Hamburg nicht weit von Ihrer Heimat entfernt ist. Spüren Sie diese Nähe?

Absolut. Ich bekomme jetzt erst mit, wie viele HSV-Fans sich in meinem Bekanntenkreis befinden. Dazu kommt: Meine Mama und Schwiegereltern haben es viel leichter, zu uns zu kommen. Die Familie meiner Frau kommt aus Odense, das ist nicht weit weg. Die können sonntags zum Spiel kommen und montags trotzdem zur Arbeit gehen.

Viele ausländische Fußballer haben den Wunsch, zum Ende Ihrer Karriere noch mal in der Heimat zu spielen. Haben Sie diesbezüglich irgendwelche Versprechen einzulösen?

Nein. Ich weiß auch noch nicht, ob ich am Ende überhaupt noch mal in Dänemark spielen möchte. Wenn ich bis zuletzt beim HSV spielen könnte, wäre das doch auch schön. Ich habe in jedem Fall noch Ziele.

Welche sind das?

Die WM im Sommer wäre natürlich toll. Vielleicht kann ich im März helfen, dass wir uns dafür qualifizieren. Und mit dem HSV arbeiten wir daran, dass wir auch in der nächsten Saison so geile Spiele in der Bundesliga haben wie zuletzt. Solche Nordderbys machen schon ein bisschen süchtig.