Chefscout gibt Transfer-Einblicke: So sucht der HSV den Vuskovic-Nachfolger

Sebastian Dirscherl, Merlin Polzin und Claus Costa lächeln Arm in Arm
HSV-Chefscout Sebastian Dirscherl (l./39), Trainer Merlin Polzin (M./35) und Sportdirektor Claus Costa (41) haben viel Freude bei der Arbeit.

Ohne ihn und sein Team sähe der HSV-Kader nicht so aus, wie er es tut. Und welchen Aufwand Sebastian Dirscherl betreibt, um Spieler wie Albert Sambi Lokonga zu verpflichten, bekommen die Fans kaum mit. In der MOPO erklärt der Chefscout, dessen Vertrag kürzlich verlängert wurde, seinen komplexen Job. Der 39-Jährige gibt Einblicke in interne Prozesse und blickt auf den kommenden Transfer-Sommer. Gibt es den nächsten großen Umbruch? Dirscherl verrät auch, wie sich der HSV auf einen Abgang von Luka Vuskovic vorbereitet.

MOPO: Wie viele Fußballspiele schauen Sie in einer Woche live an?

Sebastian Dirscherl: Ich bin natürlich sehr viel unterwegs: in Hamburg, bei Sichtungen und vielen externen Terminen. Aber es vergeht keine Woche ohne mindestens ein Spiel. Das immer alles unter einen Hut zu bekommen, ist schon herausfordernd, auch privat. Zum Glück hat meine Freundin mich kennengelernt, als ich im Trainerteam des Karlsruher SC war und wir viel unterwegs waren. Beim HSV ist es nicht anders. Vergangene Woche war ich beispielsweise von Dienstag bis Donnerstag in Hamburg und von Donnerstag bis Sonntag bei Sichtungen. Ich habe großes Vertrauen in meine Mitarbeiter – aber es gibt einige Partien, zu denen ich selbst fahren möchte.

In Dirscherls Scouting-Team arbeiten zehn HSV-Mitarbeiter

Der HSV ist nicht mehr Zweit-, sondern Bundesligist. Bedeutet das, dass Sie sich nun eher Champions-League- statt Drittliga-Spiele ansehen?

Ich würde lügen, wenn es keinen Unterschied gibt. Wir schauen uns in einigen Ländern nicht mehr nur noch Vereine auf dem neunten und zehnten Tabellenplatz an, sondern nun auch öfter den Zweiten oder Dritten. Das zweigleisige Planen war in der 2. Liga schwierig. Wenn wir erst Ende Mai wussten, in welcher Liga wir künftig spielen werden, hatten Spieler schon mit mehreren Klubs Kontakt, bevor wir kamen. Jetzt sehen wir uns ein Regal weiter oben um – aber die Spieler sind teurer.

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Wie viele Scouts arbeiten in Ihrem Team? Und wo überall?

Wir sind etwa zehn – aber nicht nur Festangestellte. Wir sind ein kompaktes Team und die Jungs sind superfleißig. Wenn einer von ihnen fünf Stunden zu einem Spiel fährt, melde ich mich danach sofort bei ihm. Mir ist wichtig, dass sie das Vertrauen von mir als Chef spüren. Am wichtigsten sind uns die Anrainerstaaten und Skandinavien.

Der HSV hat im Sommer und Winter insgesamt 16 Zugänge verpflichtet. Abgelichtet wird dann meistens Sportdirektor Claus Costa. Waren Sie an allen Transfers unmittelbar beteiligt?

Es ist keine Floskel: Es ist alles Teamarbeit. Viele Ideen stammen aus unserer Feder, aber der Impuls kann auch aus dem Trainerteam kommen. Wenn wir einen Torhüter verpflichten, sind unsere Torwartscouts und unser Torwarttrainer-Team dafür in erster Linie zuständig, weil die Position fast eine eigene Sportart ist. Der erste Aufschlag kommt sonst von Claus und mir. Manchmal landen die Ideen direkt im Trainerbüro.

Sebastian Dirscherl: „Darum liebe ich meinen Job“

Was ist der wichtigste Zeitraum Ihres Jobs – der jetzt oder der Ende August?

Beide sind sehr wichtig. Es ist vielseitig, darum liebe ich meinen Job. Zurzeit ist auch viel Bewegung im Markt. Wenn wir auf Platz 17 stünden, wäre es sehr emotional. Als Scouts müssen wir aber rational sein. Wir bereiten uns vor und können nicht die Füße hochlegen, weil die Ergebnisse zurzeit stimmen. Es verläuft in Wellen. Wenn man Ende August gegen St. Pauli verliert, darf man nicht alles über den Haufen werfen – muss aber wissen, worauf wir zurückgreifen können.

Albert Sambi Lokonga hatte der HSV vor seiner Verpflichtung Ende August 2025 bereits mehrere Jahre im Blick. Ist das heutzutage unabdingbar?

Auf jeden Fall. Wir denken langfristig, brauchen aber auch das richtige Timing im Hier und Jetzt. Sambi kannten wir schon sehr lange. Als U21-Nationalspieler Belgiens war er früher eine Nummer zu groß für den HSV, wir haben ihn aber über die Jahre hinweg weiterhin eng verfolgt. Und bevor er Ende August zu uns kam, hatte ich drei Monate lang Kontakt zu seinem Berater. Nach außen hin wirkt es kurzfristig, die Wahrheit ist allerdings komplexer.

Albert Sambi Lokonga und Luka Vuskovic klatschen ab
Die Neuzugänge Albert Sambi Lokonga (l.) und Luka Vuskovic haben den HSV klar verstärkt.

Man weiß wohl nie, ob ein verpflichteter Spieler wirklich einschlägt. Galt das auch für Luka Vuskovic?

Bei Luka waren wir von Anfang an sportlich überzeugt. Auch bei ihm gab es unseren gewohnten Scoutingprozess. Seine Geschichte mit seinem Bruder Mario ist speziell, aber wir haben ihn seit der Youth League begleitet. Wäre er nicht zu uns gekommen, hätten wir Alternativen gehabt. Das ist unser Job. Aber nach unseren Beobachtungen waren wir alle überzeugt: Der ist es.

Vuskovic-Nachfolger: HSV definiert „Kernkompetenzen“

Wie bereiten Sie sich jetzt auf den wahrscheinlichen Vuskovic-Abgang vor? Er gehört Tottenham.

Das Gesamtpaket von Luka noch einmal zu finden, ist sehr schwierig. Uns ist wichtig, Kernkompetenzen für diese Position zu definieren. Wir müssen prüfen, welche Profile infrage kommen. Es gibt aber zwei, drei Themen, die uns wichtig sind und die wir eng mit den Trainern abstimmen. Luka hat eine Ausstrahlung, die seine Mitspieler besser macht.

Sehen Sie sich als ein Mitarbeiter, der die Kader-Wünsche der Trainer umsetzt? Oder als jemand, der für eine eigene Philosophie einsteht?

Es heißt oft, dass Scouts Dienstleister sind. So sehe ich es aber nicht. Wir als Scouting-Abteilung wollen aktiv mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Das spüre ich beim HSV. Claus und Eric (Huwer; d. Red.) schenken mir sehr viel Vertrauen, das Setting ist top. Und was heißt Wünsche? Es gibt immer gemeinsame Leitplanken – und auch bei Spielern No-Gos, bei denen wir uns fragen: Was darf er auf gar keinen Fall nicht können? Jeder hat von uns hat Ideen. Mein Job ist es, zu priorisieren und die passenden Optionen zu präsentieren. Zugleich wollen wir Talente aus dem NLZ zu den Profis heranführen. Diese Gedanken mitzugestalten, macht mir sehr viel Spaß.

Gab es schon mal Spieler, bei denen Sie sich intern gegen andere Meinungen durchgesetzt haben, weil Sie so überzeugt von dem Transfer waren?

Das soll vorgekommen sein (schmunzelt).

Die HSV-Transfers funktionieren nur mit Teamwork

Namen verraten Sie nicht? Es spräche für Sie, wenn es gute Transfers waren.

Das stimmt, aber noch mal: Es ist Teamwork. Und ich muss nicht oft kämpfen, weil ich Vertrauen spüre. Ich habe zu allen Verantwortlichen einen engen Draht und weiß, welcher Trainer welchen Spielertyp bevorzugt. Wenn Richi (Co-Trainer Richard Krohn; d. Red.) eine Idee hat, geht er auf mich zu – und ich sage, wie wir den Spieler sehen. Der Kontakt zu den Trainern ist sehr wertvoll.

Wie lange brauchen Sie, um zu erkennen, ob ein Spieler zum HSV passt?

Sehr unterschiedlich. Wir reden über Menschen. Manchmal ist es ein erstes Gefühl im Stadion, manchmal wird mir erst nach ein paar Sichtungen klar: Dieser Spieler kickt nächstes Jahr in der Bundesliga – ob bei uns oder einem anderen Verein.

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Wie viele Spieler, die der HSV beobachtet, befinden sich in Ihrer Datenbank?

Ich habe es nie nachgezählt. Wenn mein Belgien-Scout am Anfang der Saison auf Tour geht und er ist am Wochenende bei vier Spielen, schreibt er rund um die 100 Berichte. Eine Woche später ist er wieder unterwegs. Nicht alle Spieler aus der Datenbank sind akut interessant für uns. Irgendwo spitzt es sich zu und es ist auf sehr vielen Positionen unterschiedlich. Auch jetzt schauen wir uns auf manchen mehr um als auf anderen.

Wieder Kader-Umbruch im Sommer? Wovon das abhängt

Ist es denkbar, dass es im Sommer erneut einen großen Kader-Umbruch gibt?

Das liegt auch an der Liga-Zugehörigkeit. Generell gilt: Es gibt Positionen, auf denen wir uns verstärken möchten. Es ist ein Mix: Was wollen wir unbedingt? Wo können wir kreativ sein? Wir müssen flexibel sein. Leihen können wieder kurzfristig möglich werden. Unser Vorteil ist, dass wir über eine gute Kaderstruktur verfügen. Darauf bauen wir auf. Wie groß die Veränderungen ausfallen? Das ist auch davon abhängig, wer bleibt. Auch Abgänge wird es wieder geben – und Spieler, die am Ende nicht kommen.

Könnte man sagen, dass derzeit etwa 100 Profis für den HSV infrage kommen?

Das könnte man zum jetzigen Zeitpunkt vielleicht so sagen. Aber es ist ein brutal dynamischer Prozess. Wir haben viele Ideen, müssen aber filtern. Bei einigen Spielern ist die Machbarkeit unklar. Es gilt, viel zu telefonieren, sich viel offen zu halten. Um den einen Spieler müssen wir ein bisschen mehr kämpfen – für den anderen ist der HSV schon eine schöne Braut. Da lässt sich eine konkrete Zahl schwierig sagen.

Sebastian Dirscherl (l.) geht mit Claus Costa über den Fußballplatz.
Chefscout Sebastian Dirscherl (l.) und Claus Costa sind im ständigen Austausch miteinander.

Arbeiten Sie gerne im Hintergrund? Ohne großen Fokus der Öffentlichkeit?

Ich suche das Rampenlicht nicht. Mir ist wichtig, dass die Arbeit intern wertgeschätzt wird – das ist der Fall. Claus ist jemand, an dem ich mich orientiere. Am Ende geht es darum, dass wir erfolgreich sind. Ich bin 2018 mit der Motivation zum HSV gekommen, in die Bundesliga zurückzukehren. 2023 befördert zu werden, war ein großer Schritt. Und der Aufstieg war auch für mich ein Meilenstein. Das hat mich noch mehr motiviert.

Spekulationen um Beförderung von Costa und Dirscherl

Diskutiert wird eine mögliche Beförderung von Claus Costa zum Sportvorstand. Dann könnten Sie zum Sportdirektor aufsteigen – wie Costa im Frühjahr 2023.

Ich weiß, was ich am HSV habe: eine gute Mannschaft, super Trainer und sehr gute Vorgesetzte. Besser geht es nicht. Wenn wir den Klassenerhalt schaffen, werden die Erwartungen noch größer sein – das sehe ich aber auch als meinen nächsten Schritt. Claus hat es auf der Mitgliederversammlung gesagt: Auch in Zukunft wird nicht jeder Transfer aufgehen. Wir werden weiterhin alle Entscheidungen gemeinsam und mit voller Überzeugung treffen.

Sie arbeiten zu großen Teilen aus Ihrer Heimat Karlsruhe. Wie ist das möglich?

Meine aktuelle Rolle gibt das her. Der Standort ist ein großer Vorteil. Bis zum Frankfurter Flughafen ist es eine gute Stunde, mit den TGW bin ich in 2,5 Stunden in Paris, bis nach Basel dauert es auch nur zwei Stunden. Ich bin sehr flexibel und wenn etwas ist, muss ich im Volkspark sein. Wie beispielsweise in der Transferphase, als ich so gut wie den kompletten Januar in Hamburg war. Wenn Claus oder Eric sagt, er braucht mich im Büro, mache ich mich auf den Weg.

Ohne ihn und sein Team sähe der HSV-Kader nicht so aus, wie er es tut. Und welchen Aufwand Sebastian Dirscherl betreibt, um Spieler wie Albert Sambi Lokonga zu verpflichten, bekommen die Fans kaum mit. In der MOPO erklärt der Chefscout, dessen Vertrag kürzlich verlängert wurde, seinen komplexen Job. Der 39-Jährige gibt Einblicke in interne Prozesse und blickt auf den kommenden Transfer-Sommer. Gibt es den nächsten großen Umbruch? Dirscherl verrät auch, wie sich der HSV auf einen Abgang von Luka Vuskovic vorbereitet.